Klimawandel sorgt für eine deutliche Vermehrung der Muscheln im Norden / Forschern zufolge ist das kein Problem

Pazifikaustern erobern das Wattenmeer

Pazifische Austern sind im Wattenmeer kein seltener Fund mehr. Wegen des Klimawandels vermehren sie sich auch dort. J Foto: dpa

Husum - Von Wolfgang Runge. Einen Schönheitswettbewerb wird die Pazifische Auster nie gewinnen: Mit scharfkantigen Auswüchsen und unsymmetrischen Beulen erinnert ihre harte Schale eher an einen groben Steinbrocken. „Oft wachsen sie auch zu Klumpen zusammen – 10, 15 Stück auf einem Haufen“, sagt Mirco Naumann. Bewaffnet mit Hammer, Schraubenzieher und dicken Arbeitshandschuhen geht der Rheinländer einmal im Jahr ins Watt zum Austernsammeln. Das Urlaubsritual hat er von seinen Eltern übernommen, die schon vor 30 Jahren dort Miesmuscheln sammelten – damals gab es noch keine Pazifischen Austern im Wattenmeer.

Crassostrea gigas lautet der wissenschaftliche Name der Muschel, die ursprünglich aus dem Nordpazifik kommt. Sie ist mit einer Schalenlänge von bis zu 30 Zentimetern relativ groß. Austernzüchter brachten sie 1985 erstmals in der Blidselbucht bei List auf Sylt in Drahtkörben aus, sagt Christof Goetze von der Schutzstation Wattenmeer. Damals glaubte man noch, das relativ kalte Wasser an der Nordseeküste reiche nur zum Wachsen, nicht aber zur Vermehrung der Pazifikauster. Denn um Eier bilden zu können, braucht sie Temperaturen von mindestens 22 Grad.

Aufgrund des Klimawandels können die Wassertemperaturen im flachen Wattenmeer jedoch so hoch steigen: „Erstmals sind in den warmen Sommern 1990 und 1994 Sylter Zuchtaustern geschlechtsreif geworden und haben zu einer Ansiedlung von Pazifikaustern im Watt geführt“, sagt Goetze.

Austern legen Millionen Eier, die sich zu winzigen Wimperlarven entwickeln. Im Wattenmeer setzten sie sich besonders auf Miesmuscheln fest und verwandelten Muschelbänke in Austernriffs, schilderten die Biologen des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung (AWI). Naturschützer befürchteten lange Zeit, dass damit das Aus für die Miesmuschel im Wattenmeer eingeläutet wurde.

Neuere Forschungen des AWI zeigen jedoch, dass die Miesmuschel aus der Not eine Tugend macht: Sie siedelt zwischen beziehungsweise unter den großen Austern. Dort ist sie besser vor Fressfeinden wie Möwen und Eiderenten geschützt. Das ist gut für die Miesmuschel, schlecht aber für Vögel wie die Eiderente. Sie ernährt sich von Miesmuscheln, kann Austern aber wegen der dicken und sperrigen Schale nicht verzehren.

Für Mirco Naumann ist das kein Problem: Er darf – mit einem gültigen Fischereischein in der Tasche – täglich einen Zehn-Liter-Eimer Austern für den persönlichen Verzehr sammeln. J dpa

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