Pilotprojekt für Flüchtlinge auf dem Weg in den Job

Unerwartete Hilfe aus Syrien

Asylbewerber und Schneider Alaa (r.) und sein Teamleiter Rainer Brechler arbeiten an einer Lastwagen-Plane.
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Asylbewerber und Schneider Alaa (r.) und sein Teamleiter Rainer Brechler arbeiten an einer Lastwagen-Plane.

Schleswig - Von Alexander Preker. Mit kräftigen, lauten Hammerschlägen rammt Alaa das Locheisen durch die Lkw-Plane. Spanngurte sollen den Kunststoff dort später mal mit der Karosserie eines Lasters verbinden. Nach drei Monaten Praktikum in dem Betrieb in Schleswig erhielt er einen festen Vertrag bei dem Planen-Hersteller, bezahlt nach Tarif. So weit, so normal. Doch der 25-Jährige aus Syrien hat nach seinen Schilderungen bereits mehr durchgemacht als die meisten seiner jetzigen, oft älteren Kollegen.

Vor dem Bürgerkrieg in Syrien floh Alaa vor 16 Monaten nach Deutschland. Aus Aleppo kam er nach seinen Worten über die Balkanroute erst nach München, später nach Neumünster. Nun lebt er in Schleswig. Dass Alaa bereits einen Arbeitsvertrag in der Tasche hat, ist die Ausnahme. Zahlen, wie viele wie ihn es gibt, hat die Arbeitsagentur noch nicht.

Zwar wollen Landesregierung und Arbeitsagentur Flüchtlinge schnell in Arbeit bringen. 2000 Menschen sollen von Juni an in einem Pilotprojekt eine Einstiegsqualifizierung erhalten. Doch bislang finden sich neue Asylbewerber vor allem in der Arbeitslosenstatistik wieder. Die Zahl der Arbeitslosen aus den 15 klassischen Herkunftsländern von Flüchtlingen stieg im Norden der Agentur zufolge Ende 2015 im Vergleich zum Vorjahr um 48 Prozent auf knapp 5200.

Die Flüchtlinge von heute könnten eher Fachkräfte für übermorgen als für morgen werden, sagte zuletzt auch Landeswirtschaftsminister Reinhard Meyer (SPD). Gebraucht werden sie: „In den nächsten zehn Jahren wird die Erwerbsbevölkerung in Schleswig-Holstein um rund 90000 Personen gesunken sein“, sagt Margit Haupt-Koopmann, Chefin der Regionaldirektion Nord der Bundesagentur für Arbeit.

Dass es schneller gehen kann, zeigt der Fall Alaa. „Wir suchten für die Näherei einen Mitarbeiter, haben es in der Arbeitsagentur, in der Zeitung und über die üblichen Wege ausgeschrieben, aber niemand gefunden, der sich für die Stelle interessierte“, berichtet Annette Oellerking, Personalchefin des gleichnamigen Betriebs mit rund 600 Beschäftigten europaweit. Ehrenamtliche Flüchtlingslotsen vermittelten ihr schließlich Alaa.

„Wir waren überrascht, wie geschickt er war“, erzählt Oellerking. Erst nachdem sie für Sicherheitshinweise eine Dolmetscherin hinzugeholt hatte, erfuhr sie, dass Alaa in Syrien Schneider war. „Mit den Nähmaschinen und unseren schweren Textilien konnte er gut umgehen.“ Aktuell ist er als Helfer angestellt, soll aber eine Ausbildung zum Technischen Konfektionär absolvieren.

„Alaa wird wegen der Vorkenntnisse fachlich wahrscheinlich gut vorankommen, aber ohne besseres Deutsch wird sich seine Position nicht ändern“, sagt Oellerking. Ob für Ausbildung oder Kundengespräche: Die Sprache sei das A und O. Doch die As und Os musste er sich erkämpfen. Zwei mehrmonatige Kurse absolvierte er freiwillig an der Volkshochschule und bei der Handwerkerschaft in Schleswig. Einen von den Arbeitsagenturen geförderten Sprachkurs erhielt er noch nicht. Anders als bislang 9300 Flüchtlinge mit hoher Bleibewahrscheinlichkeit aus Syrien, Eritrea, Iran und dem Irak. Insgesamt können die Agenturen im Land für Flüchtlinge 2016 knapp 15 Millionen Euro zusätzlich ausgeben, 150 neue Mitarbeiter kommen.

Die Bundesregierung hatte Ende 2014 die Zugangsmöglichkeit für Flüchtlinge zum deutschen Arbeitsmarkt gelockert. Doch bürokratische Hürden gibt es immer noch. „Erst mit dem Stempel der Ausländerbehörde durfte er arbeiten. Sonst wäre es Schwarzarbeit gewesen“, erzählt Oellerking. Parallel musste die Agentur für Arbeit prüfen, ob nicht auch Deutsche oder EU-Bürger für den Job infrage kommen.

dpa

Hintergrund: 830 Millionen Euro für Integration

Ministerpräsident Torsten Albig (SPD) hat vom Bund mehr Geld für die Integration von Flüchtlingen gefordert. Es handele sich um eine langfristige Aufgabe von Bund, Ländern und Kommunen, sagte Albig. Einen entsprechenden Beschluss hätten die 16 Ministerpräsidenten mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) erst vor wenigen Tagen gefasst, sagte er laut einem Medienbericht. „Dies bedeutet in der Konsequenz aber auch, dass alle drei Ebenen entsprechend fair die finanziellen Lasten tragen müssen.“ Derzeit trügen Länder und Kommunen den größten Teil der staatlichen Kosten, sagte Albig. Die Kosten für Schleswig-Holstein für dieses Jahr gab er mit 830 Millionen Euro an. Dagegen beteilige sich der Bund „nur bescheiden“.

dpa

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