Kriminalität im Norden auf niedrigstem Stand seit 1979

Probleme jenseits der Statistik

Weil mehr Menschen Steine von Brücken auf Autos geworfen haben, ist die Zahl der Mordversuche im vergangenen Jahr um 30 gestiegen. Gestorben ist bei den Vorfällen glücklicherweise niemand. ArchivFoto: dpa

Kiel – Die Zahl der registrierten Straftaten im Land ist 2019 erneut gesunken. Sie lag mit 183 445 Taten auf dem niedrigsten Stand seit 1979, sagte Innenminister Hans-Joachim Grote (CDU) am Donnerstag in Kiel bei der Vorstellung der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS). Auch die Gewerkschaft der Polizei (GdP) und die oppositionelle SPD waren erfreut über die Entwicklung. Sie forderten aber deutlich mehr Experten insbesondere zur Bekämpfung der wachsenden Kriminalität im Internet.

Im Vergleich zu 2018 sank die Zahl der Straftaten um fast 3 500 Vergehen. Zugleich stieg die Aufklärungsquote um 0,2 Punkte auf 54,7 Prozent. Höher war sie zuletzt 1963 mit 55,6 Prozent. „Insgesamt leben wir in unserem Land in Sicherheit, zumindest in relativer Sicherheit“, sagte Grote. Die Realität entspreche also einem anderen Bild, als es manche in sozialen Netzwerken darstellten.

Die Zahl der Wohnungseinbrüche sank das fünfte Jahr in Folge – und zwar auf 4 476 registrierte Fälle. Grote und der Leitende Kriminaldirektor Peter Fritzsche führten dies auf gezielte Arbeit der Polizei zurück, aber auch auf Prävention und nachbarschaftliche Wachsamkeit.

Dass die Zahl der Mordversuche und tatsächlichen Morde von 22 auf 53 Fälle stieg, führte Grote auf viele Steinwürfe von Brücken zurück. Es habe 30 solcher Würfe gegeben, bei denen zum Glück niemand ums Leben kam, sagte Grote. „Steinwürfe von Brücken sind keine Dumme-Jungen-Streiche, sondern versuchter Mord.“ Durch teils nicht aufgeklärte Taten sei die Aufklärungsquote bei den in der Statistik zusammen erfassten versuchten und tatsächlichen Morddelikten auf 40 Prozent gesunken. Alle elf vollendeten Morde seien aber aufgeklärt worden.

Das Phänomen „importierte Kriminalität“ bereitet laut Fritzsche zunehmend Probleme. Als Beispiele nannte er Banden, die Medizingeräte aus Praxen oder Krankenhäusern entwenden, Banden, die Geldautomaten aufsprengen, und solche Banden, die teure Autos, aber auch zunehmend wertvolle elektronische Module aus Landmaschinen entwenden. Neue Diebesgruppen fahren aus Supermärkten oft mehrmals mit Waren vollgestopfte Einkaufswagen zu wartenden Fluchtfahrzeugen.

Fritzsche erläuterte, dass eine steigende Zahl von Fällen nicht in der PKS erfasst wird, weil ein Handeln der Täter im Inland nicht feststeht. So seien 2019 über 14 000 Straftaten aus dem Ausland begangen worden, bei denen Schleswig-Holsteiner zumeist Opfer von Betrugsdelikten wurden. Schleswig-Holstein sei das einzige Bundesland, das seit 2015 eine solche ergänzende Statistik führe.

Die SPD-Polizeipolitikerin Kathrin Bockey forderte mehr Schlagkraft gegen Cybercrime. Nötig seien mehr Spezialisten bei der Polizei. Vor allem ältere Menschen müssten vor der zunehmenden Raffinesse von Online-Betrügern besser geschützt werden. „Egal ob beim Enkeltrick, Fake-Shops, Phishing oder Scamming: Prävention ist in all diesen Fällen das A und O polizeilicher Arbeit. Denn es ist zwar gut, wenn die Aufklärungsquoten von begangenen Straftaten steigen. Noch besser ist es allerdings, wenn diese erst gar nicht stattfinden!“

Die GdP wertete die positiven Zahlen auch als Erfolg guter Polizeiarbeit. Die Zahlen gäben aber nur „ein sehr eingeschränktes Bild über die tatsächliche Sicherheitslage“ wieder. So würden Staatsschutzdelikte nicht in der PKS erfasst.

Zum Anstieg von Cybercrime forderte die GdP, die Polizei müsse sich auf diesem Gebiet technisch, rechtlich und fachlich „wesentlich intensiver aufstellen“. Die Komplexität der Vorgänge und die Auswertung der gigantischen Datenmengen überfordere die Ermittler derzeit. Die Gewerkschaft habe deshalb 60 Cyberanalysten und Informatiker für die Ermittlungsunterstützung und 30 Stellen für Internet-Monitoring, Terrorbekämpfung und Hasskriminalität gefordert.  dpa

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