Anhörung fällt höchst sachlich aus

Am Wolf scheiden sich die Geister - Kritiker demonstrieren in Kiel

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Ganz wenige Wölfe haben sich im Norden niedergelassen, aber die Aufregung ist groß. Grund sind Dutzende tote Schafe.

Kiel - „Weide oder Wolf!“ – für den Bauernverband sind die Alternativen klar. Auch „Deiche ohne Schafe? Weiden ohne Kühe?“ steht auf Plakaten bei einer Demonstration von gut 300 Wolfskritikern vor dem Kieler Landeshaus. Vor dem Agrarausschuss machten diverse Interessenvertreter ihre teils gegensätzlichen Positionen in einer mehrstündigen Anhörung sehr sachlich deutlich.

Von klarer Ablehnung des Wolfes bis zur Forderung, der Mensch müsse halt lernen, mit dem Raubtier zu leben, reichte das Spektrum der Meinungen. Eine Spezifik des Landes besteht in der großen Rolle der offenen Weidehaltung von Nutztieren. Schutzzäune sollen Wölfe davon abhalten, Schafe oder Kälber zu reißen.

Laut Wolfsbetreuer Björn Schulz wurden in diesem Jahr im Land vier verschiedene Wölfe genetisch nachgewiesen. Zwei davon fielen mit vielen Rissen auf. Ein Rudel gibt es bisher nicht. Ob der Norden als Lebensraum für Wölfe geeignet sei? „Wir wissen es nicht“, sagte Schulz. Von „gar nicht“ bis „fast überall“ reichten die Auffassungen.

Nachdem der Wolf hier lange ausgestorben war, tauchte 2007 erstmals wieder einer auf. Laut Landwirtschaftsministerium wurden bisher 65 Risse durch Wölfe nachgewiesen; in 40 Fällen waren sie als „Täter“ nicht auszuschließen. Die meisten Vorfälle gabe es in diesem Jahr, ganz überwiegend waren Schafe die Opfer, vereinzelt Rehe und Kälber.

In die Wolfspopulation müsse eingegriffen werden, bevor sie zu groß wird, sagte Klaus-Peter Lucht, Vizepräsident des Bauernverbandes. Andernfalls drohten Landwirte nur noch in Stallhaltung zu investieren und nicht mehr in Weidehaltung. „Wir sind nicht für die Ausrottung des Wolfs“, sagte Lucht. Mit einzelnen durchziehenden Tieren könne man leben, aber eine Rudelbildung sei zu verhindern. Der Bauernverband fordert wolfsfreie Gebiete und Obergrenzen.

Interessen nicht gegeneinander ausspielen

Ann Kristin Montano vom Naturschutzverband BUND warnte davor, Weidehaltung und Naturschutz gegeneinander auszuspielen. Weidetiere, Wolf und Mensch müssten friedlich zusammenleben können. Abschüsse seien kein Ersatz für Herdenschutz. Die Schafhalter stünden selbst in der Verantwortung, ihre Tiere so weit wie möglich zu schützen, sagte Fritz Heydemann vom Nabu. Im Übrigen sei aufgrund der natürlichen Gegebenheiten und der Verkehrsdichte keine großflächige Besiedlung von Wölfen im Land zu erwarten. Der Wolf dürfe weder verteufelt noch romantisiert werden, meinte Jan Birk vom Verband Naturfreunde.

Das klarste Nein zum Wolf kam von der Bürgerinitiative Wolfsfreies Eiderstedt. In diesem Jahr habe es 49 Übergriffe von Wölfen mit 75 toten Lämmern und Schafen gegeben, sagte deren Vertreter Peter Theodor Hansen. Für die Halter seien das Schreckensszenarien. „Den Wolf hat es auf Eiderstedt noch nie gegeben“, sagte Hansen. Dort gebe es nur wenige Wildtiere, die in das Beuteschema des Wolfs passten. „Hier tötet der Wolf wahllos, was er gerade kriegen kann.“ Ein verträgliches Miteinander von Wolf und der auf Eiderstedt praktizierten Landwirtschaft könne es dort nicht geben.

Schafhalter tragen große Last

Die von Rissen betroffenen Schafhalter müssten eine große Last für die Rückkehr des Wolfes tragen, sagte Landwirtschaftsminister Jan Philipp Albrecht (Grüne). Deshalb habe er die Unterstützung mit Herdenschutzmaßnahmen deutlich aufgestockt. „Mit neuer Technik wollen wir dafür sorgen, dass Wolfschutzzäune schneller und einfacher aufgebaut werden können.“ Die Einzäunung mit Netzen und der Einsatz von Herdenschutzhunden seien keine Lösung des Problems, sagte Janine Bruser vom Verband der Schaf- und Ziegenzüchter. Sie verwies auf den hohen Kosten- und Zeitaufwand, wie auch Kirsten Wosnitza vom Verband der Milchviehhalter. Sie sagte, der Wolf dürfe keinen Keil zwischen Tierhalter und Naturschützer treiben.

„Auf der Grundlage des geltenden EU-Artenschutzrecht können Wölfe nur unter strengen Bedingungen geschossen werden“, sagte der Minister angesichts entsprechender Forderungen. „Dies ist zum Beispiel dann der Fall, wenn sie mehrfach wolfssichere Zäune überwinden, sie sich einem Menschen auf weniger als 30 Metern in bedrohlicher Weise annähern oder eine Wolfsprävention aufgrund sorgfältiger Prüfung in speziellen Fällen ausgeschlossen erscheint.“ Die Arbeit der Wolfsbetreuer und des Wolfsmanagements sorge dafür, dass die Risszahlen in deutlich unter denen in anderen Bundesländern liegen.

„Der Wolf hat hier nichts zu suchen“, sagte Landwirt Hartwig Magens aus dem Kreis Steinburg. „Wir hatten Wolfsrisse von Schafen im Außendeich.“ Großflächige Einzäunungen seien nicht denkbar. „Der Wolf greift massiv auch in die Wildbestände ein“, berichtete Jagdverbands-Vizepräsident Andreas-Peter Ehlers.

dpa

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