Nationalpark-Ranger Martin Kühn erforscht die Vogelwelt

Auf Safari am Wattenmeer

Nationalpark-Ranger Martin Kühn beobachtet am Deich vor Lüttmoorsiel zurzeit die Ohrenlerche, den Berghänfling, die Schneeammer und den Strandpieper, die aus Skandinavien in die norddeutschen Salzwiesen gekommen sind. - Foto: dpa

Lüttmoorsiel - Von Alexander Preker. Martin Kühn lauscht. Plötzlich springt der Ranger aus dem Auto: „53“, sagt er. So viele Schneeammern hat er am Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer binnen Sekunden am Himmel entdeckt. Die weißen Vögel heben sich kaum vom Wintergrau der Wolken ab, doch der 49-Jährige freut sich über den Besuch aus Nordeuropa. „Ist so `ne Ornitho-Macke, sobald ich sie sehe, muss ich zählen.“ Und zu Zählen hat der Vogelkundler auch im Winter.

Während viele heimische Brutvögel in den Süden gezogen sind, nehmen Zehntausende kleine Singvögel aus dem Norden ihren Platz auf den Salzwiesen zwischen Den Helder und Esbjerg ein: Berghänflinge, Ohrenlerchen und Schneeammern. Sie stammen aus Skandinavien, Grönland oder von der Kola-Halbinsel – Wildkräutersamen im für sie warmen Wattenmeer geben ihnen Kraft für den Sommer.

Beltringharder Koog, zwei Grad, Nieselregen. In seinem blauen Opel Agila ist Kühn „auf Granivoren-Safari“. „Man kann gut rausgucken und das Spektiv darin aufstellen“, erklärt er. Nirgendwo sonst in Europa könne man das körnerfressende Vogel-Trio so konzentriert sehen, wie an den Salzwiesen, die die Nordsee so oft unter Wasser setzt. Viele Vogelfans reisten extra an, sagt Kühn. Die Winterstürme tragen auch die Samen von Quellern und anderen Pflanzen zusammen – für die Vögel ein Büfett. Trotzdem zählten er und seine Kollegen zuletzt oft weniger Berghänflinge und Ohrenlerchen im Watt, bei der schwer zu erfassenden Schneeammer wissen sie es nicht genau.

Woran der mutmaßliche Rückgang liegt, ist den Naturschützern ein Rätsel. Schließlich hätten sich die Bestände seit den 1990er-Jahren, seit Gründung des Nationalparks, erholt. Ob die Brutpaare in Skandinavien gestört werden? Die Zeiten, in denen die Wintergäste im Wattenmeer durch Deichbau gestört wurden, so Kühn, seien jedenfalls vorbei.

Mit Handzählern nutzt der Ranger jede Möglichkeit, um genauer zu erfahren, wie viele Vögel es gibt – auch außerhalb der offiziellen Zählungen, die zu bestimmten Terminen je zwei Stunden vor und nach der Flut stattfinden. Schon als Schüler hatte der gebürtige Berliner im Klassenzimmer lieber Vögel beobachtet, als dem Unterricht zu folgen.

Nun dazu forschen zu dürfen sei „ein Kindheitstraum“. 2002 hatte sich der Werbetechniker zunächst einen gewöhnlichen Job in Husum gesucht – im Wissen um die vielen Vögel. Seit 2004 arbeitet er als Ranger beim Landesbetrieb für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz (LKN).

Rund die Hälfte der Vogelflug-Population der Ohrenlerchen und Berghänflinge überwintert laut Kühn im Watt. Gar nicht so leicht, die kleinen braunen Vögel auf dem dunkelgrünen Grund zu erspähen. Doch wie bei dem Trupp Schneeammern kommt es auf gute Augen erst in zweiter Linie an. „Der geübte Ornithologe nimmt 80 Prozent seiner Information über das Gehör wahr“, sagt Kühn. Dank verschiedener Motive der Schneeammer, dem weltweit am nördlichsten brütenden Landvögel, könnten sich Inuit sogar im Nebel orientieren. Auch er hört nur selten unbekannte Rufe. Ehrenamtlich will er bald Führungen für Blinde anbieten.

„Wir brauchen die Akzeptanz in der Bevölkerung“, erklärt Kühn seine berufliche Schulungsaufgabe als Ranger. „Jeder freut sich, wenn er Vögel sieht und an ihnen kann man deutlich machen, was mit der Natur los ist.“ Dass der Merlin, der den Singvögeln aus Skandinavien hinterherfliegt, sich ein paar der Finken in den Salzwiesen krallt, gehöre dazu – genauso wie tote Vögel nach einer Flut am Deichfuß. An einen massenhaften Ausbruch der Vogelgrippe wie am Plöner See glaubt Kühn bei den Wildvögeln angesichts des weitläufigen Watts aber nicht. - dpa

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