Schlummernde Gefahr in der Tiefe

Wissenschaftler haben erste Erkenntnisse über 70 Jahre alte Munition aus Nord- und Ostsee

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Sunhild Kleingärtner

Kiel - Aus den Augen, aus dem Sinn: Nach diesem Motto sind nach Ende des Zweiten Weltkriegs massenhaft Kampfmittel in der Nordsee entsorgt worden. 70 Jahre später rücken die verklappten Bomben, Granaten und chemischen Waffen in den Fokus. Versuche in der Ostsee haben jüngst gezeigt, dass davon Gefahren für Fischbestände und somit über die Nahrungskette auch für Menschen ausgehen.

Erstmals nehmen Wissenschaftler aus acht europäischen Ländern nun auch die Lage in der Nordsee unter die Lupe. Ziel ist es, die Gefahren zu analysieren und Handlungsempfehlungen zu geben, sagte die Leiterin des EU-geförderten Projekts „North Sea Wrecks“, Sunhild Kleingärtner, Freitag. „Nach dem Zweiten Weltkrieg dachte man, das Meer sei eine Müllkippe. Jetzt holt uns die Vergangenheit ein“, betonte die Direktorin des Deutschen Schifffahrtsmuseums in Bremerhaven.

Nach offiziellen Schätzungen liegen in der deutschen Nordsee rund 1,3 Millionen Tonnen Munition aus Weltkriegszeiten. Beim Bau von Offshore-Windparks und dem Ausbau von Kabeltrassen wurden allein 2017 rund zwei Tonnen Waffen, Minen, Granaten, Torpedos und Bomben entdeckt. Alterungsprozesse lassen die Gefahr einer plötzlichen Explosion der konventionellen Waffen nach Expertenansicht steigen. Aber auch wer mit chemischen Kampfstoffen in Kontakt kommt, kann schwere Verletzungen davon tragen. „Diese Stoffe haben auch 70 Jahre nach Kriegsende ihre Gefährlichkeit nicht eingebüßt“, sagte Toxikologe Edmund Maser von der Universität Kiel.

Er wies auch auf eine neue Bedrohung hin: Denn inzwischen rosten die Metallhüllen der versenkten Kriegsmunition durch. Toxische und krebserregende Stoffe wie TNT und seine Abbauprodukte strömen ins Meer. Das belegte der Toxikologe zusammen mit Kollegen in Versuchen mit Miesmuscheln in der Ostsee vor Schleswig-Holstein. Die Gefahr bestehe, dass die Stoffe somit auch auf dem Teller der Verbraucher landen, betonte Maser.

Wissenschaftler des Bremerhavener Alfred-Wegener-Instituts (Awi) wollen nun auch in der Nordsee Muscheln sowie Plattfische an einer kontaminierten Stelle aussetzen. „In der Nordsee herrscht eine ganz andere Dynamik als in der Ostsee, das könnte die Ergebnisse beeinflussen“, sagte Awi-Biologe Matthias Brenner. In welche Richtung, sei unklar. Sunhild Kleingärtner betonte, dass die raue Nordsee den Abrieb auf den Munitionsresten erhöhe. „Die Wirkung ist wie Schmirgelpapier, das über das Metall scheuert“, sagt sie. Dadurch sei die Dringlichkeit des Handelns in der Nordsee vermutlich sogar höher als in der Ostsee. Am Ende des vierjährigen Projekts soll eine Wanderausstellung konzipiert werden, die durch Europa touren wird. „Wir wollen die Öffentlichkeit für das Thema sensibilisieren“, sagte Kleingärtner. „Außerdem wollen wir zu einer Lösung beitragen, zum Beispiel der Konstruktion von robotischen, automatisierten Bergungssystemen“, ergänzte Maser. 

dpa

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