Arbeitsgemeinschaft fordert Hilfe von Politik / 300 000 Kinder pro Jahr in norddeutschen Häusern

Schullandheime stehen kurz vor der Insolvenz

Kiel/Hamburg – Den Schullandheimen im Norden droht das Aus. Die massenhaften Absagen von Klassenfahrten lassen festgeplante Einnahmen wegbrechen, direkt betroffen seien mindestens zwei Drittel der 70 gemeinnützigen Häuser in Norddeutschland, teilte die Arbeitsgemeinschaft norddeutscher Schullandheime gestern in Hamburg mit.

Weit über 300 000 Kinder und Jugendliche kommen pro Jahr auf ihren Klassen- und Ferienfahrten allein in die 70 Einrichtungen der norddeutschen Schullandheimverbände in Hamburg, Bremen, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen und Schleswig-Holstein. Diese liegen vorwiegend im ländlichen Raum und bieten direkten Kontakt zur Natur. In vielen Häusern gibt es Projekte zur Naturerfahrung und Umwelterziehung.

Für die Mehrzahl der Kinder und Jugendlichen werde es diese Klassenreisen nicht mehr geben, wenn Politik und Gesellschaft die Schullandheime jetzt nicht retten, sagte Benjamin Krohn, Vorstand der AG Hamburger Schullandheime. Sie seien „strukturelle Elemente des Bildungswesens“. Etwa 750 000 Übernachtungen stellten für die strukturschwachen Gegenden außerdem einen erheblichen Wirtschaftsfaktor dar, weitgehend unabhängig von konjunkturellen Schwankungen.

Trotz drastischer Kostensenkungen durch Kündigungen und Kurzarbeit drohe vielen Häusern in wenigen Wochen die Insolvenz, sagte Krohn. Die oft kleinen gemeinnützigen Träger hätten meist wenige Rücklagen und seien nach der Winterpause zwischen November und März dringend auf die Einnahmen der kommenden Wochen angewiesen. Krohn: „Genau diese fehlen jetzt.“

Die „Landschaft der Schullandheime zwischen Wald und Meer“ sei in den vergangenen 100 Jahren gewachsen. Wenn dieses Kulturgut jetzt auseinanderbräche, seien nicht nur zahllose Arbeitsplätze gefährdet, sondern auch „Millionen von Kindheitserinnerungen“ bedroht, sagte Krohn.

Abhilfe schaffen könne nur ein länderübergreifendes Handeln. Schnelle Finanzhilfen seien „zwingend notwendig“. Die Stornokosten aller Klassen- und Kitafahrten müssten großzügig in allen Bundesländern von Sozial- und Schulbehörden übernommen werden. Zusätzlich müssten die Schullandheime unter die Rettungsschirme des Bundes und der Länder fallen, sonst hätten sie „keine Chance“, sagte Krohn. Als Gegenleistung hätten die Häuser insgesamt Tausende von Betten als Quarantänestandorte in der aktuellen Krise zur Verfügung gestellt.  epd

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