Eine historische Postkarte aus dem Jahr, in dem der Nord-Ostsee-Kanal eingeweiht wurde, zeigt das französische Kriegsschiff „Surcouf“ bei der Durchfahrt.  
Foto: Ottomar Anschütz/dpa-Zentralbild/dpa
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Eine historische Postkarte aus dem Jahr, in dem der Nord-Ostsee-Kanal eingeweiht wurde, zeigt das französische Kriegsschiff „Surcouf“ bei der Durchfahrt. Foto: Ottomar Anschütz/dpa-Zentralbild/dpa

Nord-Ostsee-Kanal erspart Schiffen seit 1895 großen Umweg

Schwieriges Jubiläumsjahr

Kiel – Der Schiffskorso muss warten – groß gefeiert wird das 125. Jubiläum der Eröffnung des Nord-Ostsee-Kanals erst nächstes Jahr, dann unter dem Motto „125 Jahre plus eins“. Grund ist – wie so oft dieser Tage – die Corona-Pandemie. Nicht nur die Feier hat das Virus vermiest, auch die Verkehrszahlen sind eingebrochen. Der Bund will helfen und die Kosten für die Durchfahrt senken. Doch bei allen Problemen eineinviertel Jahrhundert nach Eröffnung: Langfristig gesehen ist die meistbefahrene künstliche Seewasserstraße der Welt ein Erfolg.

Am 21. Juni 1895 wurde der Kanal durch Kaiser Wilhelm II. eingeweiht und für den Schiffsverkehr freigegeben. Die Dimensionen des Projekts waren von Anfang an enorm: Rund 100 Kilometer Wasserweg quer durchs Land, die seinerzeit weltgrößten Schleusen und 9 000 Arbeiter auf der größten deutschen Baustelle des 19. Jahrhunderts. In nur acht Jahren stand der Kanal. „Der Kaiser konnte dekretieren, ,in acht Jahren ist das Ding fertig‘ und dann wurde es eben gebaut“, sagt Martin Krieger.

„Man hat sicherlich auch einen Preis für diese Geschwindigkeit gezahlt.“ Vor allem die Arbeiter, sagt der Historiker. Hochhaushohe Bagger seien umgekippt, Dämme abgerutscht. „Es gab viele, viele Unglücke, es gab Tote“ – etwa 90. Diese Zahl sei im Vergleich zu anderen Großprojekten der Zeit aber gering. Was die Ausmaße und die Organisation angehe, sei man seiner Zeit voraus gewesen.

2019 war die Zahl der Schiffe im Kanal um vier Prozent auf 28 800 gesunken. Die Ladungsmenge sank auf 83,5 Millionen Tonnen. Im Spitzenjahr 2008 waren es 105 Millionen Tonnen.

Die Idee für den Kanal hatte ein Hamburger Kaufmann. „Der hat also auf die Landkarte geguckt und hat ganz klar gesehen: ,Also, wenn wir jetzt einen Kanal bauen durch Schleswig-Holstein, sparen wir ja über 400 Seemeilen‘“, sagt Krieger. Der Gewinn für die Häfen sei gewaltig gewesen.

Derzeit läuft es wirtschaftlich allerdings schlecht. Im Mai befuhren laut Generaldirektion Wasserstraßen und Schifffahrt rund 30 Prozent weniger Schiffe den Kanal als im Vorjahresmonat. Bei der Ladungsmenge beläuft sich der Rückgang auf 26 Prozent. Hauptfaktor sei der coronabedingt geringere Umschlag in Nord- und Ostsee. Die niedrigen Bunkerölpreise kämen erschwerend hinzu, weil sie die längere Route um Skagen weiterhin attraktiv machten.

Der Bund will nun helfen und die Gebühren für das Befahren des Kanals senken, damit die Durchfahrt wieder attraktiver wird. „Das Bundesverkehrsministerium prüft den Vorschlag sehr intensiv“, sagte der Parlamentarische Staatssekretär Enak Ferlemann (CDU) dem NDR.

Für ein durchschnittliches Schiff machen die Befahrungsgebühren ein Viertel der Kosten ohne den Treibstoff aus. Der Rest wird etwa für Lotsen und Kanalsteurer gezahlt. Der Beruf der Kanalsteurer wurde nach holländischem Vorbild ins Leben gerufen, nachdem im ersten Betriebsjahr fast jedes 20. Schiff havariert war. „Von der Herausforderung her ist es schon was Besonderes“, sagt Klaus Peter Molter. Bevor man mit allen Schiffstypen ohne Schweißausbruch den Kanal durchfährt, dauert es laut dem Kanalsteurer Jahre.

Er und seine Kollegen verfügten über eine Erfahrung, die Schiffsbesatzungen beim ersten oder zweiten Durchfahren gar nicht mitbringen könnten, erklärt Molter. Teilweise habe man unter Wasser auf jeder Seite nur knapp fünf Meter Platz.

Zwischen 1990 und 2004 habe man den Kanal vernachlässigt, sagt Sönke Meesenburg, Leiter des Fachbereichs Investitionen am Nord-Ostsee-Kanal. Grund seien die Kosten der deutschen Wiedervereinigung gewesen. Von Ende der 90er-Jahre bis zur Wirtschaftskrise 2009 wurde der Schiffsverkehr dann immer mehr.

Mittlerweile werden Baumaßnahmen im Wert von etwa zwei Milliarden Euro umgesetzt oder befinden sich in Vorbereitung. Dazu gehören die fünfte Schleuse in Brunsbüttel, die Verbreiterung im östlichen Abschnitt, der Ersatzbau für die Levensauer Hochbrücke sowie die Erneuerung der kleinen Schleusen in Kiel. Die Levensauer Hochbrücke soll 2024 fertig werden, die Schleuse in Brunsbüttel 2026 und die Oststrecke sowie die kleinen Schleusen 2030. Laut Meesenburg sind Arbeiten wie diese aber nie wirklich abgeschlossen. „Große Investitionen kommen auch mal zum Abschluss, aber die Frage Betriebserhalt und dafür notwendige Maßnahmen umzusetzen – das ist eigentlich fortwährend eine Aufgabe.“ Und so wird es auch die nächsten 125 Jahre Baustellen am Kanal geben.  dpa

Von Christopher Hirsch

28 800 Schiffe waren im vergangenen Jahr auf der Wasserstraße unterwegs. Foto: dpa
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