Bau- und Gewerbeanfälle sowie weiterer Müll liegen auf einem Gelände im Norderstedter Gewerbegebiet Friedrichsgabe.
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Bau- und Gewerbeanfälle sowie weiterer Müll liegen auf einem Gelände im Norderstedter Gewerbegebiet Friedrichsgabe.

Das Gelände in Norderstedt sollte schon lange geräumt sein

Skandal-Müllberg wird immer größer

Ein Grundstück in Norderstedt ist mit Bau- und Gewerbeabfällen zugemüllt. Die meisten Anlieger hoffen auf eine baldige Räumung, doch in der Zwischenzeit müllen einige Unverbesserliche das Gelände weiter zu.

Norderstedts Oberbürgermeisterin Elke Christina Roeder (SPD) sagt, der Stadt seien die Hände gebunden: „Wir sind nicht diejenigen, die das Recht haben zu handeln.“ Sie dürfe das Gelände nicht einmal betreten. Kritik am Umweltministerium kommt nicht von ihr. Aber: „Dass der Berg weg muss, darüber sind wir uns einig.“

Wie konnte es so weit kommen? Ein Containerdienst hatte die Genehmigung, auf einem Grundstück im Gewerbegebiet Friedrichsgabe bestimmte Abfälle zwischenzulagern und zu sortieren. Irgendwann in den vergangenen Jahren lief das dann jedoch aus dem Ruder.

Heute liegen vermutlich bis zu 30 000 Kubikmeter Abfall und Schutt auf dem Gelände – Kunststoffe, Mineralfasern, Gipsplatten und Dachpappen sind darunter. Was dort sonst noch lagert, kann niemand mit Gewissheit sagen. Ein Gutachten hat nach Angaben des LLUR zwar keine akute Beeinträchtigung des Grundwassers ergeben, aber es liegen gesundheitsgefährdende Fasern offen an der Oberfläche. Das Problem: Der Unternehmer ist verschwunden.

Die Stadtvertreter der Linken, Miro Berbig und Norbert Pranzas, wiesen im Frühjahr anhand von Drohnen-Luftaufnahmen nach, dass der Müllberg für weitere illegale Ablagerungen von gefährlichen Stoffen genutzt wird. Offenbar nutzen Menschen die sich ihnen bietende Möglichkeit illegaler Abfallentsorgung. So seien Kanister etwa mit der Warnung „Ätzende Stoffe“ hinzugekommen. „Dass uns das nicht gefallen kann, ist richtig“, sagt Roeder. „Wir beobachten die Entwicklung und melden das dem LLUR.“

Deutlicher wird der SPD-Fraktionschef in der Stadtvertretung, Nicolai Steinhau-Kühl. „Das LLUR hat versagt und die jetzige Situation erst möglich gemacht.“ Und es versage weiter auf Kosten der Anwohner und der Umwelt, „indem es weiter verzögert und nicht handelt“.

Der Fraktionsvorsitzende der Grünen, Marc Muckelberg, ist überzeugt, dass die sich hinziehenden Verhandlungen mit dem LLUR nicht mehr abgewartet werden können. „Wir halten es für dringend geboten, eine Ersatzvornahme durch die Stadt einzuleiten und die Kosten dafür in den städtischen Haushalt einzustellen.“ Später solle das Geld vom LLUR zurückgefordert werden. Das Angebot des Ministeriums, zunächst nur oberflächlich abzutragen, wird der Problematik nach Überzeugung des Grünen-Stadtvertreters nicht gerecht.

Auch aus Sicht der FDP-Fraktion in der Stadtvertretung ist eine Beseitigung nur der obersten Schicht ungenügend und die Absicht, das im Laufe des Jahres anzugehen, zu spät. Im Umweltministerium seien eklatante Fehler gemacht worden. „Eine konsequente Überwachung und rechtzeitige Stilllegung des Betriebs hat jedenfalls nicht stattgefunden“, kritisiert Fraktionschef Tobias Mährlein.

CDU-Fraktionschef Peter Holle sieht das LLUR als Hauptverantwortlichen für das Müllproblem. Aber darauf dürfe sich die Stadt nicht ausruhen. „Wir können es nicht verantworten, die Bürgerinnen und Bürgern weiterhin diesen Gefahren auszusetzen und fordern konsequentes Handeln von der Oberbürgermeisterin. Dann müssen wir eben in Vorleistung gehen und uns das Geld nachher beim Land wiederholen.“

Die Fraktion WiN (Wir in Norderstedt) kritisiert das Vorgehen des Kieler Umweltstaatssekretärs Tobias Goldschmidt als nicht angemessen. „Herr Goldschmidt möchte erst handeln, wenn bereits ein Schaden eingetreten ist“, sagt Fraktionschef Reimer Rathje. Es müsse jedoch gehandelt werden, bevor eine Grundwasserverseuchung nachweisbar sei. „Handeln bedeutet aber nicht aussitzen, sondern eine sofortige Räumung.“

Der aus der Stadtvertretung Kritisierte wehrt sich indes: „Ich verstehe jeden, der die Situation inakzeptabel findet. Das geht mir genauso“, betont Goldschmidt. Deshalb arbeite die Landesregierung im Austausch mit der Stadt an Lösungen. Die Grundwasseruntersuchung im vergangenen Jahr habe Entwarnung gegeben. Vorsorglich werde aber noch in diesem Jahr das Grundwasser erneut untersucht.

Voraussichtlich noch 2021 soll dann in Ersatzvornahme für den Verursacher damit begonnen werden, die faserhaltigen Abfälle abzutragen, weil das Gutachten mögliche Restrisiken nicht völlig ausschließen konnte. „Die Vorwürfe der Untätigkeit sind insofern unzutreffend“, erklärt der Staatssekretär. Er sei bereit, erneut in der Stadtvertretung Rede und Antwort zu stehen.

Auch das LLUR will die Vorwürfe nicht auf sich sitzen lassen und legt eine lange Liste mit Maßnahmen vor. Seit 2007 habe es zahlreiche Ortsbegehungen, Kontrollen und Anordnungen einschließlich Zwangsgeld, zum Beispiel wegen überhöhter Lagermengen, gegeben. Im Mai 2019 schließlich sei das Tor verschlossen und verplombt worden.

Die Umweltorganisation BUND kritisiert unterdessen den Plan einer Teilräumung. Ein Teilabtrag würde weitere gefährliche Fasern offen legen und eine Umweltbelastung verursachen. Denn Fasern und Asbest befinden sich „verteilt in, auf und neben der großen Halde der gemischten Bau- und Gewerbeabfälle“, zitiert der BUND aus dem Gutachten im Auftrag des Ministeriums. Der Gutachter habe eine Teilräumung nicht in Erwägung gezogen, sondern die vollständige Räumung vorgeschlagen.

Sollte sich das LLUR zu einer Räumung entschließen, würde die Stadt helfen, versichert Oberbürgermeisterin Roeder. „Ich habe Amtshilfe angeboten.“ Die Stadt könnte Personal und Gerät bereitstellen.  dpa

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