Bei der aktuellen Zählung ermittelten Wissenschaftler mehr als 200 wilde Nandus im Grenzgebiet zwischen Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein. Die flugunfähigen Einwanderer tummeln sich dort auf rund 150 Quadratkilometern. - Foto: dpa

Exotische Laufvögel bedrohen Ökosysteme

Sorge über Ausbreitung von Nandus wächst

Schattin - Von Grit Büttner. Mit Ferngläsern und Kameras im Anschlag wandern große Gruppen Neugieriger durchs Gelände. Zwischen Schattin und Utecht, östlich des Ratzeburger Sees, sind sie auf Foto-Pirsch nach exotischen Vögeln: „Nandu-Watching“ könnte der neue Touristenspaß in Norddeutschland heißen. Denn dort lebt die einzige freilebende Population des südamerikanischen Laufvogels „Rhea americana“ in Mitteleuropa.

Ende der 90er-Jahre waren einige der bis zu eineinhalb Meter großen Vögel einem Züchter in Schleswig-Holstein entkommen. Seither breiten sich die Nandus, die unter das Washingtoner Artenschutzabkommen und das Bundesnaturschutzgesetz fallen, von der Grenzregion am Flüsschen Wakenitz in Richtung Osten aus.

Bei der vergangenen Zählung Anfang November ermittelten Wissenschaftler der Arbeitsgruppe Nandu-Monitoring mehr als 200 wilde Nandus im Grenzgebiet zwischen Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein. Die flugunfähigen Einwanderer tummeln sich dort auf rund 150 Quadratkilometern, sagt Frank Philipp, Nandu-Beauftragter des Landes Mecklenburg-Vorpommern. „Eine Bestandsgröße, die ernst zu nehmen ist.“

Die Arbeitsgruppe Nandu-Monitoring von Frank Philipp erfasst seit 2008 zweimal pro Jahr den Bestand. Vor acht Jahren wurden 35 Tiere festgestellt und im Herbst 2015 schon 177 Nandus in einem wachsenden Verbreitungsgebiet. Erstmals werde nun die Marke von 200 überschritten, erklärt der Landespflege-Ingenieur. Besonders die Alttiere kämen auch mit winterlichen Bedingungen gut zurecht, sagt Philipp. Deshalb werde die Population auch in den kommenden Jahren weiter wachsen.

Nachdem Landwirte die Streifzüge der Nandus über norddeutsche Felder schon länger mit Argwohn beobachten, sind allmählich auch die Forscher alarmiert. An den Hotspots der Nandu-Population, bei Schattin und Utecht, wo Dutzende Tiere auf einem einzigen Acker die frischen Rapspflanzen binnen weniger Tage vertilgen, könne es lokal zu nennenswerten Schäden kommen, sagt Nandu-Experte Philipp. Er sehe Forschungsbedarf zum Einfluss der Exoten auf die heimischen Ökosysteme, insbesondere auf Bodenbrüter.

Biobauer Thomas Böhm, der in Schattin schottische Galloway-Rinder züchtet, empfindet keine Freundschaft für die Neulinge in der Wakenitz-Niederung. „Dieses Jahr gibt es eine explosionsartige Zunahme der Population.“ Nandus seien Nahrungs- und Lebensraumkonkurrenten für heimische Großvögel wie Kraniche, sie fräßen geschützte Libellen, Heuschrecken, Schmetterlinge. Ursprünglich hätten sogar die Rinder vor den balzenden Nandu-Hähnen die Flucht ergriffen. Inzwischen hätten sie sich an die Neuankömmlinge gewöhnt.

Zusätzlich machten Touristen beim Nandu-Gucken die Naturidylle zunichte, kritisiert Böhm. Mit Fotoapparaten und Picknickkörben stapften sie verbotenerweise quer durch Naturschutzgebiete, über bestellte Äcker und Weiden und machten selbst vor Koppelzäunen und Bullenwiesen nicht halt. „Das ist lebensgefährlich“, warnt der Landwirt. „Wir rüsten jetzt auf.“ Tore würden zugenagelt, Zäune verstärkt und mehr Hinweis-Schilder aufgestellt.

Hoffnung setzt der Bauer auch auf einen sonst in der Landwirtschaft eher ungeliebten Räuber – den nach Deutschland zurückgekehrten, hierzulande streng geschützten Wolf. Im Nandu-Revier seien bereits mehrere Wölfe gesichtet worden, durchziehende Einzeltiere, sagt Böhm. „Möglich, dass die hier ein ganz neues Beutemuster ausprägen.“ Jedenfalls wäre es ihm recht, wenn der Wolf sich statt freilaufender Kälber Nandus holte. 

dpa

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