Erlebnisse nach dem Krieg

Der späte Neuanfang

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Die 95-jährige Gertrud Runge gehörte zu den sogenannten Sibirienfrauen und gelangte erst 1947 über ein Durchgangslager nach Deutschland.

Bei Kriegsende wird Gertrud Runge in Ostpreußen verhaftet und zur Arbeit gezwungen. 1947 wird sie ausgewiesen. Über das Grenzdurchgangslager Friedland gelangt sie in den Westen. Heute sagt sie rückblickend: „Ich hatte großes Glück.“

Lübeck – Der Zweite Weltkrieg endete am 8. Mai 1945. Für Gertrud Runge markiert dieses Datum aber noch nicht das Ende der Kriegswirren. Denn sie gehörte zu den sogenannten Sibirienfrauen, die 1945 von der Roten Armee verhaftet und zur Zwangsarbeit verschleppt wurden. „Dabei hatte ich noch Glück. Ich kam nicht nach Sibirien, sondern konnte in meiner ostpreußischen Heimat bleiben, wenn auch unter russischer Besatzung“, sagt die heute 95-Jährige. 1947 kam sie über das Grenzdurchgangslager Friedland in die Bundesrepublik. Seit 1962 lebt sie in Lübeck.

Geboren wurde Runge 1923 im ostpreußischen Tilsit, dem heutigen Sowetsk. Ende 1944 wurden sie und ihre jüngere Schwester auf der Flucht vor der heranrückenden Roten Armee von ihrer Familie getrennt. „Wir beide sind dann in einen Zug gestiegen in der Hoffnung, dass er nach Westen fahren würde. Doch wir kamen nur bis zur Halbinsel Hela nördlich von Danzig, wo uns die Russen zu fassen bekamen“, sagt Runge. Sie wurden zunächst in einem ehemaligen Heeresmagazin in Stolp, dem heutigen Slupsk, interniert. „Dort wurden wir von russischen Soldatinnen bewacht. Vor denen hatten wir Angst“, sagt Runge. Schließlich wurde sie in ein kleines Dorf im südlichen Ostpreußen geschickt, das nach Kriegsende unter polnische Verwaltung kam.

Warum sie nicht in die damalige Sowjetunion gebracht wurde, weiß die heute 95-Jährige nicht. „In dem Dorf waren polnische Familien angesiedelt worden. Für eine davon musste ich in der Landwirtschaft und im Haus arbeiten“, sagt Runge. Sie habe gemäß der Vorschriften immer in der Küche essen müssen, aber sonst seien alle in der Familie nett zu ihr gewesen, erinnert sich Runge.

Im Oktober 1947 wurden alle noch in Ostpreußen lebenden Deutschen ausgewiesen. „Wir sind mit dem Zug zunächst nach Köthen in Sachsen-Anhalt gebracht worden, wo wir für zwei Wochen in Quarantäne kamen.“ Dann ging es weiter nach Friedland. Nach drei Tagen reiste sie weiter nach Bad Bevensen, wo ihre Mutter bereits Zuflucht gefunden hatte. Später heiratete Runge und zog mit ihrem Mann nach Lübeck. In dem Siedlungshaus, das ihr Schwiegervater nach dem Krieg gebaut hatte, lebt sie noch heute. „Einmal habe ich den Sohn der Familie, bei der ich damals gearbeitet habe, besucht“, erzählt sie. Aber inzwischen sei der gestorben.

2017 hat Runge eine Entschädigung für Zwangsarbeiterinnen in Höhe von 2500 Euro erhalten. „Damit hatte ich gar nicht gerechnet, aber gefreut habe ich mich natürlich trotzdem“, sagt sie rückblickend.

dpa

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