Polarforscherin untersucht Jagd auf arktische Tiere

CSI Spitzbergen

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An einem „Tatort“ hinterlässt jeder irgendwelche Spuren. Ein Forensiker wertet diese Spuren gründlich und nach wissenschaftlichen Methoden aus. Frigga Kruse ist forensische Archäologin und forscht die Jagd auf Tiere in den vergangenen 420 Jahren in der Polarregion. 

Kiel/Spitzbergen - Eine Ermittlungsgruppe „CSI Spitzbergen“ gibt es nicht. Doch wenn es sie gäbe, wäre Frigga Kruse bestimmt Chefin dieses Crime-Scene-Investigation-Teams. Die Kieler Polarforscherin untersucht in ihrem neuen Forschungsprojekt „auf fast schon forensische Weise“ die Jagd auf arktische Tiere in den gut 420 Jahren seit Entdeckung der Inselgruppe im Nordpolarmeer.

„Ich guck’ mir die Stätten aus Sicht eines Tatvorgangs an“, erklärt die forensische Archäologin. „Ich versuche, vor Ort „Beweismaterialien“ sicher zu stellen und Proben zu nehmen.“ Diese können anschließend von anderen Wissenschaftlern in heimischen Laboren weiter erforscht werden, erklärt die Wissenschaftlerin.

„Svalbard“ nennen die Einheimischen die Region. Es ist das norwegische Wort für „Kühle Küste“. In Deutschland ist Svalbard besser bekannt als Spitzbergen: Eine Inselgruppe mit über 400 Inseln und Schären im Nordatlantik. Sie zählt zur Arktis und wird von gerade einmal zweieinhalbtausend Menschen bewohnt, sagt Kruse. „Naturvölker gab es hier nie.“ 

Ob Wikinger die Inselgruppe kannten oder Jäger aus dem Norden Russland dort jagten sei nicht bekannt. Als „offizielles“ Datum der Entdeckung gilt daher 1596. In diesem Jahr wurde der Archipel erstmals durch den niederländischen Seefahrer Willem Barentsz kartographiert. Seine Reise bildete den Beginn der Jagd auf die arktischen „Big Five“, erzählt Kruse: „Grönlandwal, Eisbär, Walross, Svalbard-Rentier und Polarfuchs.“

„Spitzbergen war bis 1920 eine Art Niemandsland. Es wurde immer wieder von Norwegern, Niederländern, Russen, Deutschen, Franzosen, Spaniern und Amerikanern besiedelt, die dort nahezu ungehindert jagen konnten oder Bergbau betrieben – trotz wiederkehrender Territorialstreitigkeiten“, erklärt Kruse. „Daher finden sich heute noch viele sichtbare Spuren, die Aufschluss über europäische Kulturen und Bräuche der letzten 420 Jahre geben.“

Frigga Kruse will jetzt erforschen, welche Spuren der Walfang, die Walrossjagd, der Bergbau und der Pelzhandel in der Arktis hinterlassen haben. Und welcher Druck deswegen bis heute auf dem Ökosystem lastet. „Es ist spannend zu sehen, welche Veränderungen in den Ökosystemen herrschen“, erklärt sie. „Ich möchte dazu beitragen, dass wir unsere Geschichte verstehen und dass wir aus ihr lernen.“

Dafür wird sie Latrinen und Misthaufen in den verlassenen Dörfern unter die Lupe nehmen, und nach Knochen suchen. „Die archäologischen Funde liegen quasi einfach in der Gegend herum. So wie die Menschen sie hinterlassen haben.“ Manchmal seien die Fundstücke von ein bisschen Gras oder Moos bedeckt. Nur ganz selten muss überhaupt gegraben werden. Aber nicht tief. „Wegen des Permafrostbodens keinen halben Meter“, sagt sie.

Außerdem will sie die bereits in Museumsarchiven verwahrten Knochensammlungen erfassen, vermessen und datieren. „Ältere Jagdforschung auf Spitzbergen ist leider nur punktuell und nicht gerade umfangreich betrieben worden“, kritisiert sie.

Daneben muss Frigga Kruse alte Bücher wälzen: Logbücher der Walfänger, und kaufmännische Kladden; aber auch Tagebücher und Reiseberichte der Schiffsärzte halten fest, welche Tiere wann und wie oft bejagt wurden. Um die historischen Bücher selber im Original lesen zu können, sind Sprachkenntnisse ein wichtiger Schlüssel der Forschung, sagt sie. Kruse spricht neben Deutsch auch Englisch, Niederländisch und Norwegisch. Nur für Russisch braucht sie einen Übersetzer, der für sie in Archiven sucht. Französisch und Spanisch seien in dieser Region vermutlich nicht ausschlaggebend.

„Die Arktis ist ein sehr sensibles Ökosystem“, sagt die Polarforscherin. „Es befindet sich schon seit 420 Jahren in einem Wandel.“ Bei ihrer Arbeit sieht Kruse viel Negatives. Zum Beispiel den Druck auf die Tiere durch die Erwärmung des Klimas, und die weltweite Umweltverschmutzung. Doch sie sieht auch Lichtblicke. Zum Beispiel, das sich Tierbestände von der Jagd erholen, erzählt sie.

Doch werten will sie nicht. Kruse will nur objektiv beschreiben, was sie sieht. „Ich will keine Lobbyarbeit machen – nicht für die Politik, und auch nicht für Industrie oder Umweltschutzverbände“, sagt sie. „Ich hab Zugang zu Datensätzen, die bislang so noch nicht systematisch auf dem Papier stehen. Ich weiß, wo ich Daten finden kann und wie sie zu lesen beziehungsweise auszuwerten sind. Meine Forschungen sind Grundstein für weitere Forschungen.“ 

dpa

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