Aus Natur wird Kunst

Bäume sind seine große Liebe

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„Denk’mal mit 2 Grad“ heißt diese Skulptur, die anregen soll, über die Konsequenzen des Klimawandels nachzudenken. 

Keitum/Sylt - Von Birgitta von Gyldenfeldt. Die Flamme trifft mit 1 200 Grad Celsius auf das Metall. Die ausgedienten Bierleitungen werden heiß und formbar, biegen sich, ohne zu brechen. Ernst-Georg Meierhenrich ist in seinem Element. Der 73-Jährige steht in seinem Freiluftatelier in Keitum auf Sylt. Er nimmt ein weiteres Stück Metall in die eine Hand, den Brenner in die andere. Nach und nach entsteht aus dem Metallschrott eine Skulptur, später wird ein filigraner Baum erkennbar sein. „Bäume sind meine große Liebe“, erzählt Meierhenrich. Und seit vielen Jahrzehnten auch sein Beruf – wenn auch nicht im herkömmlichen Sinn. Der Künstler macht Bäume aus Schrott.

Meierhenrich ist Autodidakt, kein „akademischer Künstler“, wie er sagt. In seiner Vita tauchen keine berühmten Kunstprofessoren auf, bei denen er Schüler war. Aber die Geschichte vom Tellerwäscher, die könne er anbieten, sagt Meierhenrich und lächelt. „Ich hatte keine Chance, aber ich habe sie genutzt, wie es so schön heißt.“ Das könnten auch andere. Man müsse nur an sich glauben.

Meierhenrich, 1944 geboren, wuchs als Sohn eines Bergarbeiters im Ruhrgebiet auf, „eine Kindheit in großer Armut“. Spielzeug hatte er kaum. „Deswegen bin ich viel in der Natur gewesen. Ich kannte jeden Baum.“

Die Bäume, die er herstellt, sind nicht nur Abbilder der Natur, sondern offenbaren – manchmal erst auf den zweiten Blick – kleine Geschichten, sollen Symbole sein für die Dinge, die in der Welt geschehen. So wie der Baum, den Meierhenrich gerade fertig gestellt hat. „Denk’mal mit 2 Grad“ nennt er das Kunstwerk, das auf die Erderwärmung aufmerksam machen soll. Ein Fieberthermometer, ein Denker, eine Zwei und ein Konterfei von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sind darin eingearbeitet. Ein anderer Baum wurzelt in einer Hand, wieder ein anderer sieht aus wie aus einem Märchenwald – golden, moosbewachsen und irgendwie uralt und geheimnisvoll.

Rund ein Jahr arbeitet Meierhenrich an seinen größeren Skulpturen. „Es ist eine Sisyphusarbeit“, sagt er. „Aber ich mache sie gerne und mit Leidenschaft.“ Oft sitzt er an mehreren Werken parallel. Viele Komponenten findet er auf dem Schrottplatz oder in Online-Kleinanzeigen. Andere wie die feinen Drähte, die er für die filigraneren Zweige verwendet, lässt er extra für sich herstellen.

Ein Künstlerehepaar mit eigener Galerie

Bis zu 30 000 Euro verlangt Meierhenrich für eine seiner Skulpturen. Kleinere Werke sind für einige hundert Euro zu haben. Auftragsarbeiten fertigt er zwar nicht, aber nur für den Eigenbedarf arbeitet er auch nicht. Meierhenrich besitzt gemeinsam mit seiner Frau, der Malerin Christa Meierhenrich, eine Galerie in Keitum. Dort stellen sie ihre eigenen Werke und die anderer Künstler aus und verkaufen sie. Und dort hat Meierhenrich sein Atelier.

Bis nach Keitum und in die Kunst war es ein weiter Weg für den Bergarbeitersohn aus Kamen. Mit 14 Jahren machte er eine Ausbildung zum Bergbau-Elektriker, zog mit 19 Jahren ins aufregende Berlin. Dort verlegte er sich zunächst aufs Kunstmalen und hielt sich als sogenannter Preistänzer über Wasser. Er zog gemeinsam mit Freunden durch Diskotheken und nahm an Tanzwettbewerben teil. Den ungeliebten Lehrberuf gab er auf: „Es gab für mich keine Alternative zur Kunst.“

1971 verschlug es den Wahlberliner dann durch Zufall nach Sylt. Hier tauschte er den Pinsel gegen Lötkolben und Schweißgerät. Meierhenrich entwickelte sich vom Maler quasi zum künstlerischen Wiederverwerter von Metallschrott. Und er entdeckte ein Motiv für seine Kunst wieder, das ihn seit seiner Kindheit nicht losgelassen hat: Den Baum.

dpa

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