App zum Tierwohlmanagement

Mit Tablet im Schweinestall

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Das digitale Schwein: Mit einer App sollen Daten von Stall und Tier für mehr Tierwohl gesammelt werden.

Gremmerup - Von Birgitta von Gyldenfeldt. Datensammeln im Schweinestall: Eine junge Mästerin entwickelt gemeinsam mit Gleichgesinnten eine App zum Tierwohlmanagement. Ihre Vision: Das Tierwohl verbessern und ökonomisch nachhaltig wirtschaften.

Nele Bielfeldt steht im Stall. Ein Tablet in der Hand. Vor, neben, hinter ihr tummeln sich Schweine. Die 28-Jährige bewirtschaftet gemeinsam mit ihrem Mann einen Hof mit 3 000 Mastschweinen in Gremmerup in der Nähe von Flensburg. Etwa drei Monate bleiben die Tiere bei ihnen, bevor sie geschlachtet werden. Die junge Landwirtin sieht ihre Tiere genau an: Sind sie dreckig oder apathisch, sind die Augen verklebt oder Wunden bemerkbar? Bielfeldt achtet auf Temperatur und Belüftung im Stall, die Beschaffenheit des Kots und übrig gebliebenes Futter. Ihre Befunde tippt sie in das Tablet. Dann geht sie weiter ins nächste Mastabteil. Das Prozedere wiederholt sich.

Alltag in deutschen Ställen? Nicht ganz. Zwar gehen wie Bielfeldt alle Tierhalter täglich durch ihre Ställe und kontrollieren, wie es ihren Tieren geht. Die vierteljährliche sogenannte betriebliche Eigenkontrolle und die tägliche Tierkontrolle sind gesetzlich vorgeschrieben. Allerdings verschwinden die zumeist auf Papier gesammelten Daten oftmals in Akten, wie Bielfeldt sagt. Eine Auswertung erfolgt oftmals nicht. Dabei mache man die Kontrolle ja nicht nur für den Gesetzgeber, sondern weil man sich jeden Tag die Frage stelle, „wie geht es meinen Tieren“.

Nele Bielfeldt

Um die gesammelten Daten wirklich nutzen zu können, helfe die Digitalisierung sehr, findet Bielfeldt. So könne mit ihrer Hilfe und dem maschinellen Lernen eine Art Frühwarnsystem entwickelt werden. Das Thema beschäftigt die studierte Landwirtin schon länger. Bereits in ihrer Masterarbeit an der Fachhochschule Kiel beschäftigte sich die junge Frau mit der Tierkontrolle per App und entwickelte einen Prototypen. Diese Vorarbeiten sind jetzt in ein mit EU-Mitteln gefördertes, auf drei Jahre angelegtes Forschungsprojekt mit dem Namen „Digipig“ eingeflossen, dessen Projektmanagerin Bielfeldt ist.

Die operationelle Gruppe setzt sich aus fünf schleswig-holsteinischen Schweinehaltern, Vertretern der Landwirtschaftskammer, der Schweinespezialberatung, einer Großtierärztin und Wissenschaftlern der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und der Fachhochschule Kiel zusammen.

Der damalige schleswig-holsteinische Landwirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) lobte im Mai anlässlich der Überreichung der Förderbescheide an „Digipig“ und die anderen Projekte der Europäischen Innovationspartnerschaft (EIP): Diese „werden wichtige Impulse für eine nachhaltige Entwicklung unserer Land- und Ernährungswirtschaft liefern“. Insgesamt stehen im Land für das Programm EIP im Agrarbereich im Zeitraum von 2015 bis 2020 zehn Millionen Euro aus EU-Mitteln zur Verfügung. Von einer Jury wurden in zwei Calls insgesamt 29 Projekte ausgewählt, die seit 2015 beziehungsweise 2018 in die Praxis umgesetzt werden.

Noch steht das Projekt „Digipig“ relativ am Anfang. Derzeit werden unter anderem verschiedene Indikatoren gesucht, anhand derer valide das Wohlbefinden der Tiere gemessen werden kann. Das kann neben einem Check von Verhalten (zieht sich beispielsweise ein Tier zurück oder ist aggressiver als sonst) und äußeren Zustand des Tieres (hat es etwa Verletzungen) auch der tägliche Wasserverbrauch sein und die Temperatur im Stall. Im Projektteam, das derzeit die Indikatoren zusammenstellt, seien „alles Schweinespezialisten“, sagte Bielfeldt. „Die stehen seit vielen Jahren zwischen den Tieren.“

Die Vision: In drei Jahren stehen viele Schweinehalter mit einem Tablet im Stall und nicht mehr mit Block und Bleistift. Die Daten verschwinden nicht mehr im Leitzordner, sondern helfen, Veränderungen im Verhalten, am Zustand der Tiere schnell zu registrieren. Ändert sich der Wert nach einer definierten Zeit nicht wieder, könnte eine Meldung herausgegeben werden, dass ein bestimmtes Tier, ein bestimmtes Abteil genauer kontrolliert werden muss, sagte Bielfeldt. Wiederkehrende und aktuell kritische Phasen, insbesondere in der Mast, sollen erkannt und abgestellt werden können.

Damit werden gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Zum einen werden durch frühzeitiges Erkennen von Missständen oder Erkrankungen das Tierwohl gefördert und die ökonomische Nachhaltigkeit der Landwirtschaft unterstützt. Zum anderen könne den Verbrauchern selbstbewusst gezeigt werden, „unseren Tieren geht es gut“, sagte Bielfeldt. „Das ist ja auch wichtig, nach außen zu zeigen, wir machen uns wirklich Gedanken um unsere Tiere.“  

dpa

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