Bernd Paulsen erzählt von seinen Job unter Wasser

Der Tod taucht immer mit

Feuerwehrtaucher Bernd Paulsen steht während einer Übung im Kreis seiner Kollegen. Einer seiner Freunde ertrank im Dezember 2006 bei einem Rettungseinsatz im Meldorfer Hafen. Fotos: Markus Scholz/Dpa

Itzehoe - Von Wolfgang Runge. Sein Freund und Kollege ertrank im Dezember 2006 bei einem Rettungseinsatz im Meldorfer Hafen. Bernd Paulsen selbst überlebte nur, weil ein anderer Feuerwehrtaucher auf ihn aufpasste. „Der Teampartner ist die Lebensversicherung“, sagt der 52-Jährige. Und ergänzt: „Es gibt immer ein Restrisiko. Wenn ich bei einem Hausbrand ins Gebäude gehe, weiß ich auch nicht, ob hinter der Tür eine Propangasflasche steht.“

So war es auch bei dem Alarm in Meldorf. „Wir wussten nicht genau, was los war. Die Meldung war ein bisschen diffus“, erinnert sich Paulsen. Es hieß damals, ein Berufstaucher sei bei Wartungsarbeiten schon länger unter Wasser, ziehe immer wieder ein bisschen Leine nach. „Es war auch die Ansage, dass keine Gefahr war.“ Dann sei der erste Taucher runtergegangen, Kai B., der damalige Lehrtaucher. „Der hat nach relativ kurzer Zeit das Notsignal gegeben – also einmal ziehen“, schildert Paulsen. „Ich war damals der Sicherungstaucher, ging dann zu Wasser und wunderte mich, weshalb ich nicht weiter kam.“ Ein Blick über die Schulter zeigte ihm, dass sein Leinenführer ihn oben festgebunden hatte. „Du kommst da nicht runter“, sagte er. „Er war quasi mein Lebensretter“, sagt Paulsen heute. Der Leinenführer hatte nämlich gehört, dass Kai B. vor einem Sog gewarnt hatte. „Daher entschied er, mich nicht runterzulassen. Trainingsmäßig wäre es so, der eine geht runter, und der andere geht an seiner Leine hinterher und hilft ihm.“ „Wir hatten alles gecheckt, so gut wir konnten, und alle Anzeichen standen auf ,es ist safe, es ist dicht‘“, erinnert sich Paulsen. „Tatsächlich war da jedoch das verheerend offene Schott.“ Berechnungen ergaben später, dass ein Sturm damals die Nordsee mit einem Druck von mehr als drei Tonnen durch die armbreite Öffnung presste. Die zwei Männer seien in einer Wasserwalze gefangen gewesen, hätten sich in den Leinen verwickelt. Die Strömung war so stark, dass man keinen der Taucher zurückziehen konnte.

„Ich wär' definitiv reingegangen, wenn ich standardmäßig gehandelt hätte“, sagt Paulsen. „Ich wäre der Dritte an diesem Tag gewesen, der verstorben wäre.“ Außer Kai B. war auch der Berufstaucher tot, den die Feuerwehrleute retten wollten. Und nach dem tragischen Unglück? „Wir haben uns erst mal eine Auszeit genommen, haben uns ein halbes Jahr gesammelt“, erzählt Paulsen. Einige hörten auch ganz auf, aus Rücksicht auf ihre Familien. „Wir anderen sagten uns, wenn wir aufhören, gibt es hier keinen mehr.“ Und dann war da noch die Witwe von Kai B., laut Paulsen eine tolle Frau. „Eigentlich dachten wir, sie müsse sauer auf uns sein.“ Doch sie habe der Feuerwehr den Rücken gestärkt und gesagt: „Ihr müsst weitermachen, Kai hätte das so gewollt.“

Anfangs hätten er und die Anderen ein bisschen Angst gehabt, bei gleicher Situation wieder ins Wasser zu gehen, sagt Paulsen. Doch es ging einfacher als gedacht. „Ich weiß nicht, wie viele Tage später, kam ein Einsatz in Büsum.“ Ein Mann sei abends von Bord eines Partyschiffs in den Hafen gesprungen. „Irgendwann war ich am Grund des Hafenbeckens, und dachte mir: ,Was machst du hier eigentlich? Du hattest dir gesagt, du willst ganz langsam anfangen, und jetzt bist du hier mitten drin.‘“ Er habe das Gefühl gehabt, es würde gleich etwas passieren oder er in Panik geraten. „Aber es kam nicht. Also war ich anscheinend durch damit. Ich habe es gut verarbeitet.“

Als Feuerwehrtaucher bleibt nur wenig Zeit für Anderes, sagt Paulsen. „Viele Entscheidungen im Privaten sind durch die Taucherei beeinflusst, muss man ehrlich sagen.“ Aber alle seien wie eine Familie, hätten auch schon gemeinsam Urlaub gemacht mit den Familien.

Tagsüber hat jeder seinen eigenen Beruf. Dann gibt es jeweils einmal pro Woche einen Übungsabend der Feuerwehr und einen der Taucher. Zusätzlich üben diese im Sommer noch einmal im Monat an einem Sonnabend. Dazu kommen die Feuerwehreinsätze für die Stadt Itzehoe, im Schnitt 400 im Jahr. Die Taucher werden zusätzlich mehr als 30 Mal alarmiert. Um die 300 Tauchgänge hat Paulsen seit 1981 absolviert. Dabei konnte er rund acht Leben retten. „Es heißt: Rettungstaucherei. Sinn ist das Retten. Aber ganz, ganz oft geht es um tragische Leichengeschichten.“  dpa

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