Flüchtling wegen Mordes verurteilt

Trennung nicht akzeptiert

Flensburg - 14 Mal stach der junge Mann mit einem Küchenmesser auf die 17-jährige Mireille ein. Das Mädchen verblutete innerlich. Es musste sterben, weil sich der Angeklagte nicht damit abfinden wollte, dass es sich endgültig von ihm getrennt hatte. Zu dieser Überzeugung gelangte die Erste Große Strafkammer am Landgericht Flensburg in einer mehrmonatigen Verhandlung.

Sie verurteilte den Flüchtling aus Afghanistan Dienstag zu einer lebenslangen Haftstrafe wegen Mordes aus niedrigen Beweggründen. Die Verteidigung, die auf Freispruch, zumindest aber gegen eine Verurteilung wegen Mordes plädiert hatte, kündigte an, in Revision zu gehen.

In Flensburg schilderte der Vorsitzende Richter in seiner ausführlichen mündlichen Urteilsbegründung, wie sich Mireille und der Angeklagte kennenlernten. Der junge Mann kam 2015 nach Deutschland - mit einem anderen Namen als dem, mit dem er sich später in Flensburg meldete und jetzt vor Gericht stand. Auch das Geburtsjahr war zunächst ein anderes. In Flensburg wurde der Angeklagte als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling betreut, in derselben Einrichtung wie Mireille. Die damals 15-Jährige wohnte wegen ihrer schwierigen familiären Situation nicht zu Hause. Verurteilt wurde der Angeklagte nach Erwachsenenstrafrecht. Die Gutachten hätten eindeutig ergeben, dass er älter als 21 Jahre sei, sagte der Richter.

Mireille und der Angeklagte wurden ein Paar, blieben es auch, als Mireille in eine eigene Wohnung zog. Es entwickelte sich bald eine „hochemotionale“ On-Off-Beziehung, sagte der Richter. Er berichtet, wie der Angeklagte Mireille ständig kontrolliert hatte, ihr verbot, sich mit anderen Männern zu treffen, wissen wollte, wo und mit wem sie sich aufhielt. „Das hat die Beziehung geprägt.“

Doch Ende 2017 habe sich die junge Frau immer mehr entzogen und spätestens im Februar 2018 habe sie sich wirklich von ihrem Freund trennen wollen. „Das Problem war, dass der Angeklagte das so gar nicht akzeptiert hat“, sagte der Richter. Mit dem Ende der Beziehung habe er die Kontrolle über Mireille verloren. Das habe den Angeklagten - dem das Gericht eine narzisstische Persönlichkeit attestiert - geärgert, gekränkt. Wenn er verzweifelt gewesen sei, dann nicht aus Trauer, sondern wegen des Kontrollverlustes.

Für den Tattag hatte der Angeklagte seine frühere Freundin, die sich zu dem Zeitpunkt überwiegend in einem Nachbarort aufhielt, zu einem letzten Treffen überredet. Zehn Minuten, Treffpunkt an einem Veranstaltungsort, gewährte sie ihm. Er fing sie am Bahnhof ab, sie gingen zu ihrer Wohnung. Das beweisen nach Ansicht des Gerichts unter anderem ausgewertete Handydaten und Bilder einer Überwachungskamera.

Gegen 17.55 Uhr am 12. März kamen die beiden an der Wohnung an. Gegen 18.19 Uhr setzte der Angeklagte einen Notruf mit dem Hinweis ab, Mireille habe sich selbst mit einem Messer verletzt, sagte der Richter. Als die Rettungskräfte wenige später eintrafen, habe Mireille bereits im Sterben gelegen.

Was genau sich in den letzten Minuten in Mireilles Lebens abgespielt hat, ließ sich den Angaben zufolge nicht ganz aufklären. Der Angeklagte schwieg, außer ihm und Mireille war niemand in der Wohnung. Dennoch ist die Kammer nach mehr als einem Dutzend Verhandlungstagen aufgrund der Indizien überzeugt, dass „der Angeklagte der einzige sein kann, der Mireille die Messerstiche zugeführt haben kann“. Dass Mireille sich die tödlichen Stiche selbst beigebracht hat, schloss die Kammer mit Hinweis auf ein entsprechendes Gutachten aus.

Die Gesamtschau ließe keinen Zweifel, dass der Angeklagte die junge Frau aus niedrigen Beweggründen getötet hat. Er habe den „persönlichen Eigenwert“ des Opfers missachtet, sie als „sein“ betrachtet, sagte der Richter. „Ein absoluter Macht- und Besitzanspruch hat die Beziehung geprägt und letztlich auch das Ende.“  

dpa

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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