Tausende Vögel machen „Winterurlaub“ in Schleswig-Holstein

Tropen für Arktis-Bewohner

Ein Schwarm von Schneeammern fliegt über eine Salzwiese. Foto: dpa

Sönke-Nissen-Koog - Nordsee statt Südsee: Kleine Singvögel wie Schneeammer, Ohrenlerche und Berghänfling flüchten vor der bitteren Kälte Nordeuropas nach Deutschland. Für sie ist das raue Wetter im Norden gleichbedeutend mit dem „sonnigen Süden“, sagt Nationalpark-Ranger Martin Kühn. Sie kommen jedes Jahr im Herbst und bevölkern bis März die Deiche und das Vorland.

Das Wattenmeer gilt nach Angaben der Nationalparkverwaltung als vogelreichste Region Mitteleuropas. Als Drehscheibe des Vogelzugs hat das Gebiet eine existenzielle Bedeutung für die Zugvögel. Naturschützer organisieren für Hobby-Ornithologen Touren. So können auch sie die Vögel entdecken. Derzeit leben im Wattenmeer auch bis zu 35 000 Berghänflinge und bis zu 9 000 Ohrenlerchen, weiß Kühn. „Jeweils die Hälfte des skandinavischen Bestands überwintert hier.“ Dazu kommen noch bis zu 16 000 Schneeammern. „Bei denen wissen wir nicht genau, woher die kommen, denn es gibt unterschiedliche Populationen.“

Warum bleiben diese arktischen Singvögel in Schleswig-Holstein? „Man muss sich nur vorstellen, wie kalt es jetzt ist in den Gebieten, wo sie herkommen“, sagt Kühn. „Da oben ist im Winter alles tief verschneit. Die haben im Prinzip ihre ,Tropen‘ erreicht, wenn sie uns bei uns sind.“

Wie die Schneeammer, „der Singvogel, der weltweit am nördlichsten brütet“, sagt Kühn. Sie zieht ihren Nachwuchs etwa im skandinavischen Fjell, auf Island und auf Spitzbergen groß. „Kein anderer Singvogel geht in solch extreme Bereiche.“ Dort frisst die Ammer hauptsächlich Insekten. Die gibt es im Winter in Schleswig-Holstein nur wenig. Also frisst sie vegetarischer und sucht in den Salzwiesen Samen. „Auch in einem nicht so milden Winter ist es für sie hier richtig, richtig gut.“ Der Berghänfling sei das ganze Jahr über ein Körnerfresser.

Und dann gibt es noch den Strandpieper. Der kleine Sänger sucht zwischen Algen und Steinen nach Insekten und kleinen Krebstieren. „Zum Beispiel dem Salzwiesenflohkrebs“, erklärt Kühn. Der Strandpieper „ist überall mittendrin, aber nur schwer zu erfassen. Man sieht ihn kaum, weil er versteckt ist. Er stochert im Spülsaum nach Nahrung, aber auch in den ausgedehnten Grabensystemen der Salzwiesen. Nur ein Ranger, der bei seinem Job auch gelegentlich querfeldein durch die Salzwiese laufen muss, scheucht ihn manchmal auf.“  dpa

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