Fast 2,3 Millionen Bürger in Schleswig-Holstein dürfen Sonntag wählen

Vier Kandidaten haben gute Chancen

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So viele Menschen wie noch nie dürfen am Sonntag im Norden das EU-Parlament mitwählen.

Kiel - Von Wolfgang Schmidt. Von den 96 deutschen Abgeordneten im neuen EU-Parlament könnten erstmals vier aus Schleswig-Holstein kommen. Dies ergibt sich aus den Listenplätzen für die Wahl am Sonntag. Bisher war der Norden nach Angaben der Landeswahlleitung noch nie mit vier Abgeordneten in Straßburg und Brüssel vertreten, in fünf Wahlperioden mit maximal drei. Diesmal sind im Norden fast 2,3 Millionen Bürger aufgerufen, ihre Stimme abzugeben. Das ist die höchste Zahl seit 1949 bei Europa- oder Bundestagswahlen. In ihr enthalten sind 77 300 stimmberechtigte Staatsangehörige anderer EU-Länder, darunter 2 000 Briten und als kleinste Gruppe elf Malteser.

Zwei haben ihr Mandat so gut wie sicher, bevor die Wahllokale öffnen: Niclas Herbst auf Platz eins der CDU-Landesliste und die Juso-Bundesvize Delara Burkhardt auf Rang fünf der SPD-Bundesliste. Die bisherigen Abgeordneten Reimer Böge (CDU) und Ulrike Rodust (SPD) treten nicht wieder an. Reale Chancen hat auch der Pirat Patrick Breyer (42). Der Ex-Landtagsfraktionschef ist Spitzenkandidat der Bundespartei. 2014 reichten einer Partei in Deutschland 0,6 Prozent für ein Mandat. Eine Sperrklausel gibt es zur Europawahl nicht. Auch der Grüne Rasmus Andresen könnte es schaffen: Der Landtagsvizepräsident hat Platz 16 der Bundesliste. Schlechtere Chancen haben Marianne Kolter von der Linken (Platz neun auf der Bundesliste), Julian Konstantin Flak von der AfD und Helmer Philip Krane (FDP). Insgesamt treten 37 Bewerber aus dem Norden an, darunter 15 Frauen.

Niclas Herbst, auf Platz eins´ der CDU-Landesliste

Niclas Herbst (CDU)

Er hat es leicht und schwer zugleich: Niclas Herbst wird auf Platz eins der Landesliste seiner CDU mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit in das neue EU-Parlament einziehen. Dort tritt er aber ein schweres Erbe an. Denn der 46-Jährige folgt auf EU-Urgestein Reimer Böge, der nach 30 Jahren seinen Platz räumt.

Herbst war von 2005 bis 2012 Landtagsabgeordneter. Von 2010 bis 2012 vertrat er das Land im Ausschuss der Regionen der Europäischen Union. 2009 und 2014 kandidierte der gebürtige Ratzeburger auf Listenplatz zwei für die Landes-CDU zur Europawahl, doch für ein Mandat reichte es nicht. Herbst ist mit Innenstaatssekretärin Kristina Herbst verheiratet und Vater von drei Kindern. Die Familie lebt in Kiel. Er studierte Politikwissenschaft, Öffentliches Recht und Psychologie. In die CDU trat er 1990 noch als Schüler ein.

Delara Burkhardt, auf Platz fünf der SPD-Bundesliste

Delara Burkhardt (SPD)

Mit ihren 26 Jahren wird die Sozialdemokratin Delara Burkhardt voraussichtlich eine der jüngsten Abgeordneten im neuen EU-Parlament sein. Die Bundes-SPD setzte die stellvertretende Juso-Bundeschefin auf Platz fünf der Bundesliste, einen als sicher geltenden Platz.

Dabei schien sie wenige Wochen zuvor noch auf verlorenem Posten. Auf dem SPD-Landesparteitag war sie mit ihrer Kandidatur für Platz eins der Landesliste Enrico Kreft unterlegen. Doch der Bundesparteitag drehte das Ergebnis um. Burkhardt macht sich stark für Friedensprojekte. „Es geht darum, die Geschichte Europas weiter zu erzählen“, sagt sie. Im Parlament will sie sich dafür einsetzen, dass auch global agierende Konzerne in Europa Steuern zahlen.

Burkhardt wuchs nördlich von Hamburg auf, wo sie Sozialökonomie studierte. Seit 2017 arbeitet sie im Projektmanagement einer Kommunikationsagentur. Burkhardt lebt in Kiel.

Rasmus Andresen, Spitzenkandidat der schleswig-holsteinischen Grünen

Rasmus Andersen (Grüne)

Geboren in Essen, aufgewachsen in Flensburg, studiert in Dänemark, Politik gemacht in Kiel – Rasmus Andresen hat schon viel gesehen. Jetzt zieht es ihn nach Europa. Zur EU-Wahl steht der Vizepräsident des Landtags auf Platz 16 der Bundesliste seiner Partei. Wenn es für die Grünen läuft wie erhofft, wird der 33-Jährige ein Mandat bekommen.

Andresen hat sich seit seiner ersten Wahl in den Landtag 2009 besonders um Bildungs- und Finanzpolitik gekümmert. Im Blick auf seine Kandidatur zum EU-Parlament hat er die Klimaschutzpolitik in den Vordergrund gerückt. Er wolle eine EU, die Minderheiten schütze und eine unabhängige europäische Digitalpolitik vorantreibe.

Andresen machte in Flensburg Abitur und schloss ein Studium der Verwaltungs- und Kommunikationswissenschaften im dänischen Roskilde ab. Andresen ist Mitglied zahlreicher Vereine und Organisationen, darunter BUND, Attac und Schalke 04.

Patrick Breyer (Piratenpartei), Richter und Spitzenkandidat

Patrick Beyer

Er hat gute Chancen auf eine zweite parlamentarische Karriere: Der Kieler Richter Patrick Breyer steht auf Platz eins der Bundesliste der Piraten zur Europawahl. In Umfragen liegt seine Partei zwar nur bei etwa einem Prozent. Das würde für ihn aber reichen. Das Gründungsmitglied der Piraten versteht sich als Bürgerrechtler und will sich auf europäischer Ebene für ein freies Internet einsetzen. Breyer sieht sich trotz seiner fünfjährigen Erfahrung im schleswig-holsteinischen Landtag nicht als Berufspolitiker. Er will das politische System auffrischen und mehr Transparenz schaffen. Bereits sein Wechsel in den Landtag erfolgte aus der Justiz. Zuvor war er Richter am Amtsgericht Meldorf.

Im Landtag zählte der 42-Jährige mit mehr als 300 Reden zu den Fleißigsten. Der Jurist stellte Hunderte Anfragen und half Skandale aufzudecken. Dazu gehörten Misshandlungen an der Polizeischule Eutin und Missstände bei Ermittlungen der Polizei gegen Rocker. Langjährige Parlamentarier wie FDP-Bundesvize Wolfgang Kubicki rieben sich an ihm. „Ich bin extrem unbequem“, sagt Breyer.  dpa

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