Vor 100 Jahren kam Nordschleswig zu Dänemark

„Vorbildlicher Grenzfrieden“

Nette Nachbarn. Foto: dpa

Schleswig - Von Nicole Kiesewetter. Im Frühjahr 1920 schlugen die Wogen hoch im Land zwischen den Meeren: Bunt gemischt hatten Deutsche und Dänen bis dahin im Norden des Deutschen Reiches nebeneinander und miteinander gelebt. Doch der Versailler Vertrag hatte nach Ende des Ersten Weltkriegs eine Volksabstimmung darüber festgelegt, welcher Teil zu Dänemark und welcher zu Deutschland gehören sollte.

Über Jahrhunderte hinweg zählte das Herzogtum Schleswig gemeinsam mit dem Herzogtum Holstein als Lehen zur dänischen Krone. Schleswig reichte von der Eider bei Rendsburg und Eiderstedt bis hoch nach Hadersleben und der Insel Röm. Gesprochen wurde dort vor allem Deutsch, Niederdeutsch, Dänisch und Friesisch. Nach der Niederlage im deutsch-dänischen Krieg 1864 musste Dänemark beide Herzogtümer abtreten, zwei Jahre später wurden sie dem Königreich Preußen einverleibt. Eigentlich war laut Friedensvertrag bereits zu dieser Zeit eine Volksabstimmung vorgesehen. Doch Preußen verweigerte die Durchführung.

Nach der deutschen Niederlage im Ersten Weltkrieg wurde im Versailler Vertrag 1919 eine Volksabstimmung in der Provinz Schleswig festgelegt. Am 10. Februar (Abstimmungszone I) und am 14. März 1920 (Abstimmungszone II) legten die Bewohner einen Grenzverlauf fest: Bei der Abstimmung in der ersten Zone hatte sich die Bevölkerung Nordschleswigs mit 74,9 Prozent für Dänemark entschieden. Die zweite Zone stimmte mit 80,2 Prozent für den Verbleib in Deutschland. So kam „Nordschleswig“ vor 100 Jahren mit Hadersleben, Apenrade und Tondern zu Dänemark, „Südschleswig“ zwischen Sylt, Flensburg, Eiderstedt und der Stadt Schleswig blieb deutsch.

Mit zahlreichen Veranstaltungen diesseits und jenseits der Grenze wird im Jubiläumsjahr an das historische Datum erinnert. Den Auftakt bildet morgen ein Festgottesdienst im dänischen Apenrade. Im Gegenzug wird am 15.   März in Flensburg gefeiert. Für Dänemark sei das Ergebnis der Volksabstimmung in der Ersten Zone eine triumphale Wiedergutmachung der Niederlage im Krieg von 1864 gewesen, sagt Frank Lubowitz, Leiter des Archivs und der Historischen Forschungsstelle der deutschen Volksgruppe in Nordschleswig. „Dieser Triumph wurde feierlichst zelebriert.“

Auf einem Schimmel ritt der dänische König Christian  X. am 10. Juli 1920 über die Grenze und nahm auf der Düppeler Höhe, wo 1864 preußische Soldaten die dänische Armee besiegten, Nordschleswig in Besitz. „Düppel wurde damit vom Ort der Niederlage zu einem Symbol dänischer Selbstbehauptung“, erklärt Lubowitz. Seitdem finden alle Jubiläumsfeiern zur Volksabstimmung an diesem Ort statt. Das wird auch bei der 100-Jahr-Feier so sein, wenn Königin Margrethe II. den Spuren ihres Großvaters folgt.

Genaugenommen war das Herzogtum Schleswig staatsrechtlich von 1200 bis 1864 ein dänisches Reichs- und Königslehen und damit nicht unmittelbarer Teil des Königreichs Dänemark. Dennoch feiert Dänemark die Vereinigung von Nordschleswig mit dem Königreich als „Wiedervereinigung“. Die Dänen sähen die Zugehörigkeit dieser Region zum Königreich „als ihr angestammtes Recht“, sagt Oliver Auge, Professor für Regionalgeschichte an der Kieler Universität. Faktisch sei Nordschleswig mit Dänemark im Jahr 1920 „vereint“, aber nicht „wiedervereint“ worden, sagt Auge. Deshalb erinnere die deutsche Seite in diesem Jahr vielmehr an die Volksabstimmung. Dadurch seien zwei Minderheiten entstanden, die heute in einem „vorbildlichen Grenzfrieden“ miteinander leben.

Der dänischen Minderheit im nördlichen Schleswig-Holstein werden aktuell rund 50 000 Menschen zugerechnet. Die deutsche Minderheit im südlichen Dänemark umfasst etwa 15 000 Menschen.  epd

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