Das anhaltende Preistief macht den Milchbauern das Leben schwer. Zusätzliche Standbeine oder pfiffige Ideen sind gefragt. - Foto: dpa

Bauern trotzen der Milchpreis-Krise

Wellness für Kühe

Rade - Durchhalten oder aufgeben? Vor dieser Frage stehen viele Milchbauern. Das Preistief macht ihnen das Leben schwer. Zusätzliche Standbeine oder pfiffige Ideen sind gefragt. Etwas ganz Neues ist im Naturpark Aukrug entstanden.

„Das ist ein Doppel-Dreißiger Swing-Over“, sagt Christoph Rohwer. Er meint seinen Melkstand, in dem sich jeweils zwei Kühe gegenüberstehen, 30 auf jeder Seite. Für ein „Paar“ gibt es in der Mitte ein Melkgeschirr. Das spart Kosten. „Wir melken damit 200 Kühe in einer Stunde“, sagt Landwirt Rohwer (28), der mit Vater Jochen (54) den Bauernhof in Rade bei Neumünster führt. Früher brauchten sie sechs Stunden für 130 Kühe. Das moderne Melkzentrum war eine der Investitionen, mit denen sich beide im Überlebenskampf der Milchviehhalter behaupten wollen – der Dauer-Preiskrise zum Trotz.

Sie gehen dabei auch neue Wege: Die Melkanlage teilen sie sich mit einem Nachbarbetrieb. Jeder Betrieb melkt dort täglich zwei mal 250 Kühe. Auch in der Solar- und Biogasenergieerzeugung arbeiten die Partner zusammen. „So eine Kooperation ist zumindest in Schleswig-Holstein und Niedersachsen einmalig“, sagt Berater Günther Hartmann von der Landwirtschaftskammer. Je Liter Milch sinken die Kosten um einen Cent – bei zwei Mal zwei Millionen Litern im Jahr kein Pappenstiel.

Über dem Hof, seit 1870 in Familienbesitz, kreisen zwei Seeadler in der Idylle des Naturparks Aukrug. Der Norden bietet mit seinem satten Grünland für Milchviehhaltung optimale Bedingungen, Schleswig- Holstein gilt als „Gunststandort“. Doch das Schicksal der Bauern hängt stark von globalen Faktoren ab: Sollten die Russland-Sanktionen fallen und Chinas Wirtschaft Tritt fassen, würde es ihnen besser gehen. Sollte der Ölpreis steigen, wäre auch das gut für sie, dann hätten Kunden in Arabien oder Südamerika mehr Geld für Milchimporte. Alle zwei Tage gehen vom Hof in Rade gut 10 000 Liter in die Meierei. 9 000 Liter schafft eine Kuh im Jahr, ein guter Wert. Aber: Milch ist ein Verlustgeschäft. 25 Cent je Liter gab es zuletzt, 36,37 wären rentabel. Im März sind es 23 Cent. „Momentan ist kein Licht am Ende des Tunnels zu sehen“, sagt Jochen Rohwer.

Mit 3 700 Milchviehbetrieben ging das Land ins Jahr, wohl ein paar hundert weniger werden es zu Jahresende sein. Im vorigen Wirtschaftsjahr machte laut Landwirtschaftskammer jeder dritte Milchviehbetrieb Verluste. „Ohne Nebeneinkünfte haben diese Betriebe derzeit keine Chance, Geld zu verdienen“, sagt Berater Hartmann.

Weihnachtsbäume anbauen, Ferienwohnungen vermieten, Fische züchten, Energie erzeugen – Landwirte tun viel, um sich breiter aufzustellen. Die Rohwers statteten 2012 alle Dächer mit Solaranlagen aus und liefern seitdem Strom ins Netz. Hinter den Ställen wird in einem Fermenter aus Gülle Biogas. „Die Gülle ist ja eh da; sie wird unterirdisch aufgefangen und alle zwei Stunden rausgeschoben“, sagt Jochen Rohwer. Auch die Gülle des Nachbarbetriebs wird genutzt. „Den erzeugten Strom verkaufen wir an die Netzagentur. Etwa 200 Haushalte können wir damit ein Jahr lang versorgen“, sagt Rohwer.

Aber die Milch ist das Hauptgeschäft. „Wie lange es weitergeht, kann ich nicht sagen“, sagt Sohn Christoph. „Die Kosten bei der Milchviehhaltung haben wir ziemlich optimiert.“ Die Kühe im luftigen Stall tragen Transponder; am Laptop sieht Rohwer, wie aktiv oder träge ein Tier ist, ob es sich ausreichend Kraftfutter holt. Ist eine Kuh brünstig, gibt das System Alarm.

Fast eine Million Euro flossen ins Melkzentrum und den „Wellness- Stall“ nebenan. „Wir tun das, um unsere Lebensqualität und das Tierwohl zu verbessern“, sagt der Junior. Er hatte sich mit drei Jahren Lehre und je einem Jahr an Fachhochschule und höherer Landbauschule für den Job gerüstet. Außer ihm und seinen Eltern arbeiten noch zwei Leute auf dem Hof.

Der zwölfstündige Arbeitstag ab 4 Uhr macht Christoph nichts aus, aber die ungewissen Perspektiven treiben ihn um. „Welche Bedingungen später unser Kind vorfinden wird, das wir im August erwarten, weiß niemand“, sagt er. „Wir versuchen, uns anzupassen, uns immer zu verbessern, aber es kann nicht sein, dass wir nichts für unsere Milch bekommen, aber immer mehr Auflagen erfüllen müssen – das ist frustrierend.“ Aus Christophs Sicht werden Lebensmittel in Deutschland nicht genug geschätzt. „Manchmal sieht das in der Öffentlichkeit so aus, als läge pures Gift in den Regalen.“

Ein Umstieg auf Öko sei kein Thema, auch wenn dies weit höhere Preise bedeuten würde. „Das werden Nischenprodukte bleiben“, sagt Christoph. Für viele seien Bio-Produkte zu teuer. - dpa

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