Zu wenig Ärzte auf dem Land

Sehen das MVZ für die Zukunft gut gerüstet: Die Mediziner Claus Dammberg (l.) und Matthias Schmidt, Maren Matthiesen, Geschäftsführerin der Sozialstation im Amt Hürup, Mediziner Peter Otzen und der Stellvertretende Bürgermeister der Gemeinde Husby, Burkhard Gerlig. Foto: dpa

Junge Ärzte auf das Land zu locken, ist schwierig. Viele scheuen das Risiko Selbstständigkeit, wünschen sich eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Eine Möglichkeit, Arztwunsch und Versorgung auf dem Land zu kombinieren, liegt in Medizinischen Versorgungszentren.

VON BIRGITTA VON GYLDENFELDT

Hürup – Was tun, wenn der Landarzt in Ruhestand gehen will und der Arztsitz an eine größere Stadt verloren gehen könnte? Dass diese Frage nicht nur theoretisch ist, haben vor einiger Zeit die Menschen im Amt Hürup erlebt. Ein Arzt aus einer Amtsgemeinde wollte in den Ruhestand gehen und seinen Sitz verkaufen. „Und dieser Arztsitz drohte tatsächlich nach Flensburg zu verschwinden, in eine größere Gemeinschaftspraxis“, sagt der Vorsitzende der Pflegeeinrichtung Sozialstation in Hürup, Volker Schümann.

Das Beispiel zeigt die großen Herausforderungen, vor der die medizinische Versorgung in Deutschland gerade in ländlichen Regionen steht. Demografischer Wandel und eine oft schwierige Nachfolgesuche für klassische Landarztpraxen tragen dazu bei: „Denn junge Ärztinnen und Ärzte bevorzugen oft eine Beschäftigung als Angestellte/r, die ihnen eine größere Flexibilität und einfacher eine Teilzeittätigkeit ermöglicht –und damit eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf“, erklärt das schleswig-holsteinische Sozialministerium.

Aber was tun, wenn weder Praxis noch ein Arbeitgeber vorhanden ist, der eine Arztpraxis mit Angestellten betreibt? Im Amt Hürup ist die Sozialstation aktiv geworden und hat ein Medizinisches Versorgungszentrum – kurz MVZ – gegründet, um die lokale Gesundheitsversorgung zu sichern. „Für uns als Pflegeeinrichtung, als Sozialstation, ist es wichtig, Ärzte vor Ort zu haben“, sagt Geschäftsführerin Maren Matthiesen.

Und zwar solche, die auch mal schnell einen Hausbesuch machen können, das Pflegepersonal und die zu Pflegenden kennen. Die Sozialstation ist ein eingetragener Verein, dessen Mitglieder alle kommunalen- und Kirchengemeinden im Amt sind. Seit Juli sind die drei ehemals selbstständigen Mediziner im Amt Angestellte des MVZ. Sie praktizieren aber weiterhin in ihren alten Praxisräumen in den Dörfern Husby und Freienwill. Die Ärzte finden das Modell gut: Sie seien alle um die 60 Jahre, da sei das Ziel Praxisübergabe virulenter geworden, sagt Schümann. Nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums sind die Versorgungszentren „eine attraktive Form der Berufsausübung, zumal eine Tätigkeit dort häufig auch mit flexibleren Arbeitszeiten verbunden ist“. Sie seien als Leistungserbringer in der vertragsärztlichen Versorgung inzwischen etabliert und würden nicht nur von angehenden Ärzten als interessanter Arbeitgeber genannt, schreibt das Ministerium auf seinen Internetseiten.

Bundesweit gab es nach Erhebungen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung zum 31. Dezember 2018 insgesamt 3 173 MVZ. Zum Stichtag im Jahr zuvor waren es 2 821. Im Land sind es Mitte September dieses Jahres nach Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung Schleswig-Holstein 86. Die Träger sind überwiegend Kliniken oder Vertragsärzte. Nach Angaben des Sozialministeriums übernimmt die Sozialstation mit der Trägerschaft eine bundesweite Vorreiterrolle. Das Land fördert dieses innovative Projekt – das auch die Verzahnung von ärztlicher Versorgung und Pflege voranbringen soll – aus dem Versorgungssicherungsfonds mit knapp 460 000 Euro. Ein entsprechender Förderbescheid wurde gestern Nachmittag in Hürup übergeben.

Die Sozialstation sieht das MVZ gut gerüstet für die Zukunft: Bereits im kommenden Jahr will es einen sogenannten Weiterbildungsassistenten anstellen. Und wenn dann die drei Ärzte des Amtes Hürup das Rentenalter erreichen, kann das MVZ nachfolgenden Ärzten auch Teilzeitstellen anbieten. Dadurch erhöhe sich die Chance auf eine unproblematische Nachbesetzung der frei werdenden Vertragsarztsitze, hoffen Schüman und Matthiesen.  dpa

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