„Wertvoller Tierbestand“

In dem Mastbetrieb der Familie Bielfeldt werden rund 3 000 Tiere aufgezogen. Fotos: CARSTEN REHDER/dpa

Viele Bauern gehen derzeit auf die Straße, weil sie sich nicht verstanden fühlen. Ein Thema: Die Diskrepanz zwischen Handeln und Reden vieler Menschen etwa beim Fleischkauf. Ein Besuch bei einem konventionellen Schweinemastbetrieb.

VON BIRGITTA VON GYLDENFELDT

Husby – „Wertvoller Tierbestand“ steht draußen an der Tür. Wer in den Stall will, muss einen Overall überziehen, Gummistiefel und Handschuhe. Durch ein Desinfektionsbad für die Stiefel geht es aus dem Vorraum in die eigentlichen Stallanlagen. Links und rechts der langen Gänge sind Abteile mit Mastschweinen. Die Tiere stehen auf Spaltböden, durch Fenster fällt Tageslicht in die Abteile, Lüftungsanlagen sorgen für frische Luft, die Temperatur ist genauestens geregelt.

Rund 3 000 Mastschweine haben Ingo und Nele Bielfeldt in ihren Ställen in Husby in Nähe von Flensburg stehen. Etwa drei Monate bleiben die Tiere bei ihnen, bevor sie geschlachtet werden. Dann kommen die nächsten Schweine. Zudem bewirtschaften sie 260 Hektar Land. Das junge Paar betreibt den Hof konventionell, wie es auch schon die Eltern von Nele Bielfeldt getan haben. Und auch wenn die Diskussionen um Tierwohl und Biofleisch an Fahrt aufnehmen, „heute ist eben genau dieses Schwein, das wir produzieren, nachgefragt“, sagt die junge Landwirtin.

Jährlich isst statistisch gesehen jeder Deutsche rund 50 Kilogramm Schweinefleisch. Auch wenn die Pro-Kopf-Menge sich seit 2001 von 54 auf 49,7 Kilogramm reduziert hat, ist Schweinefleisch immer noch mit Abstand das am meisten konsumierte Fleisch in Deutschland. Zum Stichtag 3. November 2019 wurden in Deutschland nach Angaben des Statistischen Bundesamts 25,9 Millionen Schweine gehalten. 2018 wurden den Statistikern zufolge rund 56,6 Millionen Schweine geschlachtet. 5,3 Millionen Tonnen Schweinefleisch wurden demnach 2018 in Deutschland produziert. Seit 2011 arbeitet das Paar, das im vergangenen Jahr Eltern einer Tochter geworden ist, auf dem Hof mit. Beide haben Landwirtschaft studiert. 2018 ist Nele Bielfeldt aus dem tagtäglichen Geschäft ausgestiegen, sie entwickelt gemeinsam mit Partnern aus Praxis und Wissenschaft im Projekt „DigiPig“ eine App zum Tierwohlmanagement. Wiederkehrende und aktuell kritische Phasen, insbesondere in der Mast, sollen mithilfe der App erkannt und abgestellt werden können, sagt Bielfeldt. Bielfeldts führen immer wieder Leute über ihren Hof, zeigen die Ställe und scheuen die Diskussion nicht – auch nicht die kontroverse. Sie freuen sich, wenn Menschen Interesse zeigten und sich vor Ort über die Tierhaltung informierten. Und auch, wenn die Besucher dann immer noch gegen diese Art der Tierhaltung sind, ist das in Ordnung, findet das junge Paar. Aber pauschale Verurteilungen nach dem Motto „Schweinen in konventioneller Haltung kann es nicht gut gehen“, ohne je einen Blick in einen Stall geworfen zu haben, regen sie auf. „Den Tieren, die wir hier halten, denen geht es gut“, sagt Nele Bielfeldt.

Es ist diese Diskrepanz zwischen dem, was Verbraucher oft tatsächlich kaufen – das billige Fleisch aus dem Discounter, und dem, was sie in Umfragen oft angeben – für Biofleisch oder solches mit Tierwohl Label mehr Geld ausgeben zu wollen, die es für Landwirte wie Bielfeldts oft schwierig macht.

Grundsätzlich ist das junge Paar offen für Veränderungen. „Mein Ziel ist schon, den Betrieb so zu verändern, dass wir sagen können, wir produzieren wirklich nachhaltig“, sagt Ingo Bielfeldt. Aber es gebe drei Säulen von Nachhaltigkeit, die ökologische, die soziale und die ökonomische. „Und ich denke, die müssen wir alle drei auch berücksichtigen. Sonst existieren die Betriebe einfach in Zukunft nicht.“ Mit der Folge, dass mehr Lebensmittel aus anderen Ländern importiert werden müssten.

Viele Bauern sehen sich aller Kritik zum Trotz selbstbewusst als Klimapraktiker. „Wir wollen Naturschutz gemeinsam nach vorne bringen, nicht einfach Verbote als Basis“, argumentierte auch schon Bauernpräsident Joachim Rukwied.  dpa

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