Teile eines Jahrhunderte alten Schiffswracks werden in der archäologischen Zentralwerkstatt der Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen konserviert.
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Teile eines Jahrhunderte alten Schiffswracks werden in der archäologischen Zentralwerkstatt der Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen konserviert.

Wettlauf gegen die Zersetzung

Experten auf Schloss Gottorf konservieren Jahrhunderte altes Schiffswrack

Schleswig – „88 lang, 17,5 breit, 8,5 Zentimeter stark, 10 Kilogramm schwer.“ Werner Janßen, Mitarbeiter der archäologischen Zentralwerkstatt auf Schloss Gottorf, ruft dem Restaurator Janosch Willers Längen und Gewicht eines Holzes zu. Willers sitzt in einer Art Lagerraum im Schloss Gottorf in Schleswig und vergleicht Maße und Form des Holzstückes mit Fotos und Daten, die er in einem Laptop vor sich sieht. Ist das passende Gegenstück gefunden, wird das Holz auf dem Boden fotografiert und mit einer Nummer versehen – um es später zuordnen zu können. Anschließend wird das Holzstück in ein großes Becken gelegt, das die Restauratoren extra für diesen Zweck in dem Raum aufgebaut haben.

Das Holzstück gehört zu einem mittelalterlichen Bootswrack aus Nordrhein-Westfalen, das 2019 in der Lippe entdeckt wurde. Mit schwerem Gerät und unter hohem Aufwand war es im Jahr darauf aus den Tiefen des Flusses geborgen und seither näher untersucht worden. Die Experten seien sich schnell einig gewesen, dass zum Erhalt des Wracks eine umfangreiche Konservierung notwendig sei, hieß es.

Mitte Januar wurden die rund 850 Jahre alten Wrackteile daher nach Schloss Gottorf gebracht. Dort werden sie in den großen Konservierungsbecken der archäologischen Zentralwerkstatt der Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen mehrere Jahre lang behandelt. Sind die Planken konserviert, sollen sie zurückkehren und nach weiteren archäologischen Untersuchungen Bürgern und Bürgerinnen in Westfalen zugänglich gemacht werden, teilte der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) mit.

„Die Konservierung findet in Schleswig statt, da dort die baulichen und anderen Voraussetzungen sowie eine große Erfahrung in der Großholzkonservierung vorhanden sind“, sagte Professor Michael Baales vom LWL. Baales ist Leiter der Archäologie-Außenstelle des LWL in Olpe und hat das Wrack seit seiner Entdeckung begleitet. In Westfalen, wo derartige Großfunde aus Holz selten seien, würden entsprechende Vorrichtungen wie in Schleswig nicht vorgehalten. „Zudem kooperieren wir mit den Schleswigern schon lange und wissen unseren Fund dort in guten Händen.“

So haben die Schleswiger Restauratoren erst im vergangenen Jahr nach zehn Jahren die Konservierungsarbeiten an den Resten eines in Düsseldorf entdeckten Schiffswracks beendet. Es handelte sich um Planken, Spanten und andere Teile des mehrere Hundert Jahre alten Plattbodenschiffes, das 2009 bei Deichbauarbeiten gefunden worden war. Experten hatten die Entdeckung damals als Sensation eingestuft.

Und nun wird das nächste Wrack aus NRW in Schleswig konserviert. Insgesamt sind es 71 Objekte, darunter sowohl große Planken als auch kleine Dübel sowie zwei Beutel mit kleineren Bruchstücken, welche bisher nicht zugeordnet sind, sagt Willers. Eingelagert sind sie mittlerweile alle in drei Tränkwannen. Noch liegen aber sämtliche Holzobjekte lediglich in einem Wasserbad, um sie vor der Austrocknung zu schützen. In der nächsten Zeit wird dann die Chemikalie Polyethylenglykol (PEG) hinzugeführt.

Diese Flüssigkeit soll langsam in das Nassholz eindringen, das Wasser ersetzen und das Jahrhunderte alte Material haltbar machen. Der Prozess dauert mehrere Jahre. Noch vorhandene Restfeuchtigkeit im Holz wird anschließend mittels einer Vakuumgefriertrocknung schonend entfernt.

Das Wrack hatte Jahrhunderte im feuchten Untergrund gelegen und sich in dieser Zeit voll Wasser gesogen. Würde das Wasser im Holz nach der Ausgrabung an der Luft verdunsten, schrumpft das Holz, verzieht sich – und die Wrackteile wären zerstört.

Um dies zu verhindern wurde darauf geachtet, die Hölzer nach ihrer Bergung aus der Lippe feucht zu halten. „Das Holz wurde hier in Leitungswasser gelagert, um es bis zum Transport zu den Kollegen in Schleswig fit zu halten“, teilte der Chef-Restaurator des LWL, Sebastian Pechtold im Januar mit.

Aber warum dieser ganze Aufwand? „Das Schiff ist aus mehreren Gründen für uns und darüber hinaus bedeutsam“, sagt Baales. Es fülle zum einen als Schiffsfund eine große zeitliche Lücke von wenigen Funden aus dem frühen Mittelalter und solchen der Neuzeit. „Aus dem hohen und späten Mittelalter haben wir in Nordwest-Europa fast nichts, so dass dieser Neufund eine größere zeitliche Fundlücke ausfüllt.“ Das sei für Schiffsarchäologen und Holzbauforscher interessant. „Zudem gibt uns dieser Fund einen Hinweis darauf, dass wir uns die Handelswege des Mittelalters nicht nur mit Karren durch Hohlwege et cetera vorstellen müssen, sondern dass ein wesentlicher und großer Materialtransport vielmehr über Wasserwege durchgeführt wurde.“

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