Jäger bemühen sich, die Lebensgemeinschaft im Wald in Balance zu halten.
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Jäger bemühen sich, die Lebensgemeinschaft im Wald in Balance zu halten.

Ist der Wildbestand zu groß, gefährdet er die gewünschte Naturverjüngung

Winter ist die Zeit der Regulierung

Drage – Knack, still, knack-knack im Unterholz. Ein Reh läuft beunruhigt zwischen den winterkahlen Laubbäumen, wechselt mehrmals die Richtung. „Hep“ ruft Steffen Ahnert scharf und das grau getarnte Tier verharrt für einen winzigen Augenblick auf einer Durchforstungsgasse. Der Schuss tötet das junge Reh auf der Stelle.

Der 65 Jahre alte Jagdexperte der Schleswig-Holsteinischen Landesforsten sitzt an diesem kalten Januarmorgen auf einem etwa zwei Meter hohen Posten im Forst Halloh nicht weit von Itzehoe. Auch andere Schützen behalten den rund 85 Hektar großen Wald im Blick. Der 38 Jahre alte Förster Jan Hinrich Bergmann ist mit warnend orangeroter Jacke bekleidet zu Fuß unterwegs, um das Wild aus seinen Unterständen zu vertreiben – bestenfalls vor die Gewehre der Schützen.

„Es ist Wild da“, sagt Ahnert schon beim Marsch zum Hochsitz überzeugt und zeigt auf Spuren im Matsch. Das Wetter sei ganz gut für die Jagd. Wenn es dagegen diesig sei und regne, seien die Aussichten schlecht. Frost wäre ideal. „Heute müsste das Wild laufen“, sagt der 65-Jährige zuversichtlich. Doch mehr als das eine Reh bekommt er nicht zu Gesicht. Auch die anderen Schützen haben kaum mehr Erfolg. Am Mittag hängt Schlachter Andreas Petersen vier Rehe in Bergmanns Wildkammer am Forsthaus. Mit der doppelten Zahl habe er gerechnet, sagt Ahnert.

Die Jäger sehen in dem Wild nicht nur einen Teil der natürlichen Lebensgemeinschaft und ein mögliches Problem für junge Bäume, sondern auch ein wertvolles Lebensmittel. Entsprechend professionell müsse der Umgang sein, sagt Ahnert. Das fange beim sauberen Schuss an und setze sich in fachkundiger Verarbeitung der erlegten Tiere fort.

Die geringe Strecke könne auch schon eine Folge der stärkeren Regulierung in den vergangenen Jahren sein, vermutet Ahnert. Seit 2016 gibt es keine behördlichen Abschusspläne mehr. In den Landesforsten, die nur etwa drei Prozent der Jagdfläche Schleswig-Holsteins ausmachen, sei die Zahl der erlegten Rehe seitdem von etwa 3 000 auf rund 4 000 im Jahr gestiegen. „Das wird sich hoffentlich an der Vegetation bemerkbar machen,“ sagt der 65-jährige Jäger. Auch für das Wild selbst sei ein weniger dichter Bestand vorteilhaft. So sei das Durchschnittsgewicht der Rehe gestiegen.

Landesweit betrug die Rehwildstrecke im Jagdjahr 2020/2021 gut 54 000 Tiere. Die Zahl schwankt seit etwa 25  Jahren um die Marke von 50 000 Rehen. Die Zahl der Jagdscheininhaber in Schleswig-Holstein ist nach Angaben des Landesjagdverbands (LJV) in vergangenen Jahren auf etwa 20 000 gestiegen. Die Zahl der Frauen mit Interesse an der Jagd nehme kontinuierlich zu. In den Vorbereitungskursen seien sie zu 25 Prozent vertreten. Deutschlandweit liegt der Anteil der Jägerinnen bei sieben Prozent.

Nach Zahlen aus dem Jahr 2016 sind zum Beispiel Laubbaumbestände mit Tannen im Norden beim Verbiss zu mehr als 25 Prozent belastet. Die jüngere Entwicklung werde eine neue Untersuchung zeigen, deren Ergebnisse aber noch nicht vorliegen, sagt Ahnert.

Um Verbissschäden in Grenzen zu halten ist nach Ansicht des LJV gerade zu Anfang des Jahres Ruhe in den Wäldern erforderlich. Das wiederkäuende Schalenwild könne als Folge von Stress mit erhöhtem Verbiss reagieren, da der Energiebedarf durch Fluchten und Stress steige. Aufforstungen könnten mit Wildschutzzäunen effektiv geschützt werden. „Auch eine zielgerichtete Bejagung kann als unterstützende Maßnahme zur Verbissreduzierung eingesetzt werden“, sagt René Hartwig vom LJV. Verstärkte Bejagung allein sei aber keine Lösung. Der LJV wünscht sich von der Politik auch eine Rückkehr zum Wegegebot für Spaziergänger im Wald.

Während die Tierrechtsorganisation Peta Jagd grundsätzlich als kontraproduktiv ablehnt, bekennt sich der Umweltverband Nabu in einem Positionspapier zu einer naturverträglichen Jagd, wenn sie nachhaltig ist und ethischen Prinzipien nicht widerspricht. So müsse ein erlegtes Tier sinnvoll genutzt werden, die bejagte Art dürfe in ihrem Bestand nicht gefährdet sein und für die Jagd nicht aktiv gefördert werden. Störungen in der Brut- und Aufzuchtzeit von Wildtieren müssten reduziert und natur- und artenschutzrechtliche Regelungen beachtet werden, heißt es in dem Papier.

Von Sönke Möhl

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