„Die Wucht der Einheit“

Bundeskanzlerin Merkel wirbt bei Einheitsfeier für Verständnis zwischen Ost und West

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Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) durfte mit Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble, Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Andreas Voßkuhle, Präsident des Bundesverfassungsgerichts, namhafte Gäste in Empfang nehmen. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel wohnte der zentralen Feier zum Tag der Deutschen Einheit bei.

Kiel – 30 Jahre nach dem Mauerfall hat Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) unterschiedliche Wenderfahrungen in Ost und West betont und für mehr gegenseitiges Verständnis geworben. Zwar seien alle Deutschen heute „mit ihrem Leben insgesamt zufriedener als zu jedem anderen Zeitpunkt nach der Vereinigung“, sagte Merkel gestern beim Festakt zum Tag der Deutschen Einheit in Kiel. Das zweitägige Bürgerfest hatte am Mittwoch begonnen.

Zur Bilanz nach 29 Jahren Wiedervereinigung gehöre aber auch, „dass sich die Mehrheit der Ostdeutschen in der Bundesrepublik als Bürger zweiter Klasse fühlt“, sagte Merkel. Die staatliche Einheit sei vollendet. „Die Einheit der Deutschen, ihr Einigsein, das war am 3. Oktober 1990 noch nicht vollendet, und das ist es bis heute nicht.“

Die Kanzlerin warnte davor, ähnlich wie zu DDR-Zeiten „die Ursache für Schwierigkeiten und Widrigkeiten vor allem und zuerst bei Staat und den sogenannten Eliten“ zu suchen, „denen man sowieso nichts glauben könne und die dem Einzelnen irgendwie nur im Wege sind“. Ein solches Denken sei in ganz Deutschland zu beobachten. „Setzte sich ein solches Denken durch, führte das ins Elend.“

Merkel betonte aber auch, dass viele nach der Wende nicht nur positive Erfahrungen gemacht hätten. „Wir alle in Politik und Gesellschaft müssen lernen zu verstehen, dass nicht schon allein mit einer verbesserten wirtschaftlichen Lage auch die Identifikation mit unserer Demokratie einhergeht. Wir müssen lernen zu verstehen, was es für den einzelnen bedeutete, als auf die Last der Teilung die Wucht der Einigung folgte.“

In Kiel sagt man Moin: Steinmeier begrüßt die Bürger.

Auf der Ländermeile direkt am Wasser, an den Infozelten von Bundesrat und -tag, aber auch in der Innenstadt waren zahlreiche Besucher unterwegs. Die Veranstalter hatten im Vorfeld mit einer halben Million Besucher gerechnet.

Der scheidende Bundesratspräsident Daniel Günther (CDU) wünschte sich, „mehr Platz für die ostdeutschen Aspekte unserer deutschen Geschichte“ und auf westdeutscher Seite mehr Sensibilität und Verständnis. „Die Ostdeutschen hatten es nach dem Zweiten Weltkrieg ungleich schwerer.“ Ihre Lebensläufe und biografischen Brüche in zwei aufeinanderfolgenden Diktaturen „sind seit der Wende vielfach zu wenig berücksichtigt worden“, sagte der schleswig-holsteinische Ministerpräsident.

Nach einem Jahr übergab Günther symbolisch den Staffelstab als Bundesratspräsident an Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD). Dieser kündigte an, Günthers Baumpflanz-Aktion Einheitsbuddeln fortzusetzen und lobte das Bürgerfest im Norden. Brandenburg werde bei der Einheitsfeier 2020 die Geschichten einzelner Menschen erzählen.

In der Kieler Innenstadt demonstrierten laut Polizei fast 400 Linke. Die Kundgebung sei friedlich verlaufen, sagte ein Polizeisprecher. Demonstranten hielten Transparente mit der Aufschrift „Wut verbindet – Deutschland spaltet. Klassensolidarität statt Vaterland“ oder „Blühende Landschaften für alle!“  dpa

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