In die Zange genommen

Vögel bekommen an Helgoländer Institut einen „Ausweis“

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Katharina von Runnen, Stationshelferin am Institut für Vogelforschung, hält eine Bachstelze fest. Mittlerweile sind rund eine Million Zugvögel dort gefangen und beringt worden.

Helgoland - Von Birgitta V. Gyldenfeldt. Die eigentliche Prozedur dauert nur einen Augenblick: Mit einer speziellen Zange wird der Aluminiumring um das Bein des Vogels gelegt. Die Mitarbeiter des Instituts für Vogelforschung Vogelwarte Helgoland (IfV) haben ihm damit eine Art Ausweis verpasst. Denn die Buchstaben-Zahlenkombination auf dem Ring gibt es nur einmal. Den Forschern eröffnet dieser kleine Schritt aber weitreichende Erkenntnisse.

Werden die beringten Vögel eines Tages gefunden und die Nummer an das IfV zurückgemeldet, kann diese mit den hinterlegten Daten verglichen werden. So können unter anderem der Erfolg individueller Überlebensstrategien ermittelt und der Vogelzug mit seinen verschiedenen Facetten erforscht werden. Und auch ein paar Rekorde können die Wissenschaftler ermitteln: Die weiteste Entfernung, die ein Vogel mit Helgoländer Ring erwiesenermaßen zurückgelegt hat, war ein Neuntöter. Er wurde rund 8 580 Kilometer entfernt gesichtet. Den Tagesrekord hält eine Singdrossel, die an einem einzigen Tag knapp 1 220 Kilometer zurückgelegt hat.

Auf Helgoland selbst werden jährlich im Schnitt etwa 10 000 Vögel gefangen, bestimmt, vermessen, beringt und wieder freigelassen. „365 Tage im Jahr versuchen wir, Vögel zu fangen“, sagt Jochen Dierschke, der Technische Leiter der Inselstation der Vogelwarte Helgoland. Um die Arbeit zu erleichtern, wurde schon vor etwa 100 Jahren der Fang-Garten mit den weltweit bekannten Helgoländer Trichterreusen auf dem Oberland angelegt.

Mehrmals täglich laufen die Mitarbeiter der Inselstation in langen Reihen durch den Garten. Dabei wedeln sie mit ihren dünnen Baumwollbeuteln, in denen sie später die gefangenen Tiere zur Vermessungsbude bringen, und stoßen laute Zischgeräuschen aus. So treiben sie die Vögel, die sich zur Rast niedergelassen haben vor sich her: in die Reuse und dann in den Fangkasten. Die Tagesfangsumme variiert zwischen Null und etwa Tausend Tieren.

Ein Mitarbeiter am Institut für Vogelforschung beringt eine Bachstelze.

Die gefangenen Vögel werden nicht nur nach Art und Geschlecht bestimmt, sondern genauestens vermessen: Was wiegt er, wie ausgeprägt ist die Flugmuskulatur, wie hoch der Fettanteil? Auch Besonderheiten werden notiert – wie bei der Bachstelze, die den Helfern an diesem Abend im Mai in die Reuse geht. „Die Hinterzehe links fehlt“, sagt einer der Helfer. Alle diese Daten werden direkt in den Computer eingetippt und in die Datenbank eingepflegt. Dann erhält die Bachstelze ihren Ring mit der Nummer 90333329 und wird wieder in die Freiheit entlassen. Die Prozedur pro Vogel dauert in der Regel etwa eine Minute.

Den ersten Helgoländer Ring erhielt am 16. Oktober 1909 eine Singdrossel mit der Ringnummer 1111. Der Beringungsrekord liegt nach Angaben des IfV bei 1 512 Tieren, aufgestellt am 24. September 1984. Nach einer kurzen kriegsbedingten Pause ging es auf Helgoland 1953 weiter, nun als Inselstation Helgoland des niedersächsischen Instituts für Vogelforschung „Vogelwarte Helgoland“ in Wilhelmshaven.

Nach Ansicht von Dierschke gibt es kaum einen besseren Ort als Helgoland, um in Europa Zugvögel zu beobachten – auch wenn die Zahl der durchziehenden Vögel je nach Wetter und Jahreszeit erheblich variiert. Das Helgoland so gut geeignet ist, liegt an seiner geografischen Lage. Viele Singvogelarten wie Drossel oder Rotkehlchen machen sich nachts auf die Reise über Europa. Im Schutz der Dunkelheit sind sie sicherer vor Greifvögeln.

Bei dem Weg über die Nordsee gibt es für Landvögel kaum Plätze zum Ausruhen – Deutschlands einzige Hochseeinsel ist hier eine Ausnahme. „Die Insel wird schon von weitem gesehen und daher von vielen Vögeln angeflogen“, sagt Dierschke. In manchen Nächten schwirrten solche Massen durch den Lichtkegel des Leuchtturms, das es einem Schneegestöber gleiche.

Neben den traditionellen Ringen setzen die Vogelkundler aber auch auf modernste Technik: Für spezielle Fragestellungen werden einige Vögel mit Sendern versehen, die Informationen über das Abzugsverhalten der Vögel auf Helgoland liefern sollen. In naher Zukunft könnten auch Sender über Satellit Informationen zum Zug von Singvögeln liefern. Das vom Max-Planck-Institut für Ornithologie in Radolfzell initiierte deutsch-russische Forschungsprojekt „Icarus“ zur Erfassung von Tierwanderungen soll voraussichtlich diesen Sommer starten. Die Forscher wollen die Tiere etwa mit daumennagelgroßen und fünf Gramm schweren Mini-Sendern ausstatten und mit Hilfe der Raumstation ISS beobachten. In wenigen Jahren sind dann hoffentlich auch Sender verfügbar, die leicht genug sind, um sie auf kleinen Singvögeln anzubringen.

Die Wissenschaftler erhoffen sich von dem Projekt Aufschluss etwa über Wanderungen von Zugvögeln, was zum Artenschutz beitragen soll. Denn insbesondere Langstreckenzieher weisen derzeit starke Bestandsrückgänge auf, deren Ursachen bisher nicht bekannt sind.

Auch Jochen Dierschke wartet gespannt auf den Start des Projekts: „Icarus wird unser Wissen über den Singvogelzug revolutionieren“, ist er überzeugt. 

dpa

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