Sein letztes Nordderby im Trikot des SV Werder Bremen bestritt Aaron Hunt 2014 (re.). 2018 kam es zum letzten Derby zwischen Werder und dem HSV, in dem Hunt für die Hamburger auflief (li.).
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Sein letztes Nordderby im Trikot des SV Werder Bremen bestritt Aaron Hunt 2014 (re.). 2018 kam es zum letzten Derby zwischen Werder und dem HSV, in dem Hunt für die Hamburger auflief (li.).

Vor dem Nordderby

Aaron Hunt im DeichStube-Gespräch: „Werder Bremen wird oben mitspielen, beim Hamburger SV bin ich mir nicht sicher“

  • Björn Knips
    VonBjörn Knips
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Hamburg/Bremen – Es gibt gewiss viele Nordderby-Experten, Aaron Hunt ist allerdings ein ganz besonderer: 15 mal hat der 35-Jährige dieses Duell erlebt – und das auf beiden Seiten. Bis vor wenigen Monaten trug Hunt noch das Trikot des Hamburger SV, beim SV Werder Bremen war er einst vom Talent zum gestandenen Profi aufgestiegen. „Das sind beides tolle Clubs“, schwärmt Hunt: „Es ist wirklich traurig, dass dieses Nordderby jetzt nur noch in der 2. Liga stattfindet.“

Trotzdem freut sich auch Aaron Hunt auf den Samstagabend, wenn die Nordrivalen erstmals seit dreieinhalb Jahren wieder aufeinandertreffen. Deshalb hat der Mittelfeldspieler der DeichStube auch gleich zugesagt, als er um einen Vergleich seiner beiden Ex-Clubs Werder Bremen und HSV gebeten wurde.

Hunt meldet sich früher als geplant. „Sorry, ich habe gleich noch Training.“ Zwei Mal am Tag schuftet der 35-Jährige für sein Comeback – erst im Kraftraum, dann auf dem Platz. „Ich bin fit und habe Bock, noch weiterzuspielen.“ Sein Vertrag beim HSV war Ende Juni ausgelaufen und nicht verlängert worden. Seither ist er auf Clubsuche. Bislang gab es noch kein passendes Angebot, „mit dem ich mich identifizieren konnte“. Berichte, er wolle seine Karriere in der Regionalliga ausklingen lassen, bezeichnet Aaron Hunt als Quatsch. Über die Gerüchte von einer Rückkehr nach Bremen muss er schmunzeln: „Ich habe überhaupt keinen Kontakt mehr zu Werder.“

Verfolgt das Zweitliga-Nordderby Werder Bremen gegen den HSV im Live-Ticker der DeichStube!

Aaron Hunt spielte 13 Jahre für den SV Werder Bremen

Sieben Jahre ist er nun schon weg, nachdem er zuvor 13 Jahre an der Weser verbracht hat. „Ich habe immer einen Blick auf Werder, weil ich dem Verein sehr dankbar bin.“ 215 Mal hat er für Werder Bremen in der Bundesliga gespielt, danach eine Saison beim VfL Wolfsburg, ehe 2015 seine Zeit beim HSV begann. „Mein Plan war es eigentlich, mit dem HSV aufzusteigen und dann ins Ausland zu wechseln. Beides hat leider nicht geklappt.“ Hunt seufzt. Erst der Abstieg, dann die drei Jahre in der 2. Liga, es war keine leichte Zeit für ihn an der Elbe. „Ich habe trotzdem sehr gerne für den HSV gespielt“, betont Hunt.

Eigentlich mag er die beiden Traditionsvereine nicht so gerne vergleichen, denn das würde bei der großen Rivalität oft falsch verstanden. Für die DeichStube macht er eine kleine Ausnahme. „Werder Bremen ist ein bisschen familiärer, ein bisschen kleiner. Beim HSV haben viel mehr Leute das Bedürfnis mitzureden. Es geht beim HSV in beide Richtungen viel schneller und auch intensiver. Wenn du zwei Spiele gewinnst, bist du der König, und wenn du dann in Sandhausen unentschieden spielst, nur noch der Kreisklassen-Kicker. Das ist schon krass.“ Das mache es nicht leichter, den Aufstieg zu schaffen. Der Druck sei enorm. „Es kommt auch viel Häme von außen. Ich weiß gar nicht, warum das gerade beim HSV so ist. Das hat sich entwickelt. Das musst du irgendwie aushalten.“

Aaron Hunt sieht Werder Bremen besser aufgestellt als den HSV

Als Ausrede für die drei gescheiterten Versuche, in die Bundesliga zurückzukehren, soll das allerdings nicht dienen. „Wir haben uns am Ende immer selbst geschlagen und es dann vergeigt. Vielleicht hat man sich auch blenden lassen, die Qualität bei dem einen oder anderen Spieler hat einfach nicht gereicht. Diese Spieler sind dann weggebrochen, als es darauf ankam“, erklärt der Ex-Nationalspieler. Und schon ist das Gespräch in der aktuellen Saison angekommen. Denn Aaron Hunt rät im Aufstiegsrennen dringend dazu, dass eine Mannschaft „eine erfahrene Achse“ besitzt. Werder Bremen sieht er dabei besser aufgestellt als den HSV. „Abwehr und Angriff sind bei Werder überdurchschnittlich besetzt“, urteilt Hunt, nennt explizit Ömer Toprak sowie Marvin Ducksch und Niclas Füllkrug, merkt aber auch an: „Im Mittelfeld hätte sich der Trainer sicher noch den einen oder anderen weiteren Spieler gewünscht.“

Apropos Trainer, da findet Hunt Werders Wahl richtig gut: „Markus Anfang lässt sehr spannenden Fußball spielen. Nach den vielen Veränderungen im Kader passt das jetzt gut zusammen.“ Beim HSV und dessen neuen Coach Tim Walter fällt die erste Bewertung nicht so positiv aus. „Mit dieser Spielweise muss der HSV eigentlich in jeder Partie drei oder vier Tore schießen, um zu gewinnen. Auf Dauer wird das nicht gutgehen, damit holt man nicht genügend Punkte, um aufzusteigen. Der HSV hat offensiv seine Qualitäten, aber die Balance stimmt nicht.“ Das könne sich natürlich noch ändern, doch Aaron Hunt ist durch seine Erfahrungen in Hamburg skeptisch geworden. „Der HSV hat in den letzten Jahren verschiedene Modelle ausprobiert. Mir fehlt da etwas der klare Plan, über Jahre etwas aufzubauen“, sagt der 35-Jährige und fügt noch an: „Wenn man jedes Jahr zwei bis drei Trainer hat, kann nichts zusammenwachsen. Und wenn man jedes Jahr eine andere Philosophie hat, ist es auch schwierig, etwas zu festigen oder sogar eine Vereins-DNA zu bekommen.“

Nordderby: Aaron Hunt sieht Werder Bremen gegenüber dem HSV im Vorteil

Und was ist mit Werder Bremen? Da sei quasi das Gegenteil vom HSV passiert, „man hätte sich früher von Trainer Florian Kohfeldt trennen müssen“. Dass dann für ein Spiel Thomas Schaaf reaktiviert wurde, „habe ich nicht verstanden“. Noch weniger allerdings die Tatsache, dass Schaafs Vertrag als Technischer Direktor nicht verlängert wurde. „Das fand ich sehr schade. Da hat der Verein kein gutes Bild abgegeben. Thomas ist Werder durch und durch.“ Und hat als Trainer einst Aaron Hunt zum Profi gemacht.

Jetzt befindet sich Hunt auf der Zielgeraden seiner Karriere. Das Nordderby wird er sich daheim in Hamburg vor dem Fernseher anschauen. Werder sieht er dabei zwar im Vorteil, aber in so einer Partie sei die Favoritenrolle nicht so wichtig. „Es kommt auf die Spieler an, die diese Scheiß-egal-Mentalität haben“, glaubt Hunt und wagt am Ende des Gesprächs dann doch noch eine Prognose im Aufstiegsrennen: „Werder Bremen wird auf jeden Fall oben mitspielen, beim HSV bin ich mir noch nicht sicher. Aber ich wünsche wirklich beiden, dass es wieder hochgeht.“ (kni) So seht Ihr das Nordderby von Werder Bremen gegen den HSV live im TV!

Zahlenwerk zu Aaron Hunt

Vereine: Hamburger SV (2015 – 2021), VfL Wolfsburg (2014 – 2015), Werder Bremen (2001 – 2014), Goslarer SC (1997 – 2001), VfL Oker.
 
Bundesliga-Spiele/-Tore: 304/56 - für Werder Bremen 215/46, für den  HSV 72/8, für Wolfsburg 17/2.
 
Champions-League-Spiele/-Tore: 24/1 - alle für Werder
Europa-League-Spiele/-Tore: 27/3 - für Werder 22/1, für Wolfsburg 5/2
 
2.-Liga-Spiele: 72/17 - alle für den HSV
 
Länderspiele/Tore: 3/0
 
Erfolge: DFB-Pokalsieger mit Wolfsburg (2015) und Werder (2009)
 
Nordderby-Teilnahmen: 15 - für Werder 12 (6 Siege, 2 Remis, 4 Niederlagen), für den HSV 3 (0 Siege, 1 Remis, 2 Niederlagen)

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