Sportpsychologe Markus Raab über den Abstiegskampf von Werder Bremen.
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Sportpsychologe Markus Raab über den Abstiegskampf von Werder Bremen.

Interview über Abstiegskampf bei Werder Bremen

„Florian Kohfeldt hat einen Erfahrungsbonus“ - Sportpsychologe Raab über mentale Gefahren und Werders Chancen im Abstiegskampf

  • Daniel Cottäus
    vonDaniel Cottäus
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Bremen/Köln – Und wieder einmal spitzt sich nach hinten raus alles zu. Wie schon im vergangenen Jahr steuert die Saison des SV Werder Bremen einem dramatischen Finale entgegen. Drei Ligaspiele sind es noch, in denen die Mannschaft von Trainer Florian Kohfeldt Gelegenheit hat, die dringend nötigen Punkte für den Klassenerhalt zu sammeln.

Eine Situation, die für die Spieler mental zur Belastung werden kann – vor allem, weil die Zukunft des Trainers nach wie vor ungeklärt ist. Im Gespräch mit der DeichStube hat der Sportpsychologe Prof. Dr. Dr. Markus Raab von der Deutschen Sporthochschule in Köln erklärt, welche psychologischen Gefahren aktuell auf Werder Bremen lauern – und welche Chancen die brenzlige Lage trotzdem bieten kann.

Herr Raab, Werder Bremen steckt mal wieder tief im Abstiegskampf. Anders als im Vorjahr ist dabei sowohl öffentlich als auch vereinsintern eine heiße Trainerdiskussion um Florian Kohfeldt entbrannt. Welche Auswirkungen kann das auf die Mannschaft haben?

Wenn sich eine Mannschaft im Abstiegskampf befindet, erhöht sich prinzipiell der Stress. Auch kleinere Anlässe können dann zu Konflikten führen. Dabei spielt natürlich auch die Angst eine Rolle, dass der Trainer oder man selbst seinen Arbeitsplatz verlieren könnte. Das wiederum kann dazu führen, dass man unter Stress schlechter spielt. Es gibt in der Psychologie den Begriff „choking under pressure“, der beschreibt, dass man bei zu viel Angst weniger leistungsstark ist. Andersherum kann eine Mannschaft aber auch unbedingt für ihren Trainer gewinnen wollen, wenn dieser in der Kritik steht, was einen positiven Effekt haben kann.

Die drohende Entlassung von Florian Kohfeldt kann die Spieler von Werder Bremen besser machen

Mit anderen Worten: Die drohende Entlassung des Trainers kann die Spieler besser machen?

Ja, das glaube ich schon. Im Pokalspiel gegen Leipzig war ja zu sehen, wie gut die Bremer im Vergleich zu den Wochen davor gespielt haben. Gegen sehr gute Mannschaften macht das in der Regel zwar nur einen kleinen Prozentsatz aus, es wird also nicht die Qualität der Top-Teams aus der Bundesliga komplett umwerfen. Einen leistungssteigernden Effekt hat es aber. Es entsteht das Gefühl: Wir müssen jetzt als Trainer und Mannschaft zusammenhalten und zeigen, dass wir in die erste Liga gehören. Auch der Druck von außen, wenn die Presse Werder Bremen oder den Trainer schon abschreibt, kann innerhalb einer Mannschaft zu einer größeren sozialen Kohäsion, sprich zu einem größeren Zusammenhalt führen.

Sportchef Frank Baumann hat das Halbfinale gegen Leipzig für Kohfeldt zu einem Endspiel gemacht. Bei einer deutlichen Niederlage wäre der Trainer wohl entlassen worden. Auch wenn es anders kam, kann so ein Ultimatum die Beziehung Coach-Manager beschädigen?

Ja, kann es, muss es aber nicht. Im Fußball ist es ja völlig normal, dass man in Frage gestellt wird, wenn man sieben Spiele am Stück nicht gewonnen hat. Dann gibt es Warnschüsse. Pokal und Klassenerhalt sind zwar zwei unterschiedliche Aspekte, die man nicht hätte koppeln müssen, aber manchmal kumulieren die Dinge eben an einem bestimmten Zeitpunkt, da sagt man: Jetzt ist auch mal Schluss. Deswegen verstehe ich beide Seiten, aber so etwas kann man auch intern besprechen und nicht extern. Der zusätzliche Druck muss nicht nur positiv sein.

Werders Leistung gegen Leipzig war gut, trotzdem gab es am Ende die nächste Niederlage. Lässt sich so ein Spiel, dazu noch in einem anderen Wettbewerb, trotzdem positiv für den Endspurt in der Bundesliga nutzen?

Ja. In der Psychologie nennen wir das „Reframing“ oder Umschreiben der Situation. Man kann sich sagen: Der Erfolg war nicht da, aber die Leistung war da. Man trennt bewusst Leistung und Erfolg in der Bewertung voneinander ab. Gegen eine der besten Mannschaften Deutschlands über so lange Zeit mithalten zu können, ist ein positiver Aspekt.

Vor dem Leipzig-Spiel hat Kohfeldt seine Herangehensweise verändert. Es gab beispielsweise keine ausführliche Gegner-Analyse, wie sie sonst üblich ist. Auch die taktischen Vorgaben waren stark reduziert. Stattdessen sollten sich die Spieler auf sich konzentrieren. Ein Grad der Vereinfachung, der helfen kann?

Das denke ich schon. Es ist eine gute Strategie, den Fokus auf die Aufgabe zu richten und aufgaben-irrelevante Kognition zu vermeiden. Man muss den Spielern Besorgnis und Aufregung nehmen. Beides ist nicht gut in so einer Situation, lässt sich aber regulieren. Manchmal kann dabei helfen, eine positive Art von Aggressivität zu vermitteln: Seht mal, da gibt es Leute, die uns schon abschreiben.

Die „Reframing“-Strategie hilft, acht Niederlagen in Folge aus den Köpfen zu kriegen

Acht Pflichtspiele in Folge hat Werder nun verloren, das ist die längste Negativserie der Vereinsgeschichte. Wie können Trainer und Mannschaft das aus den Köpfen bekommen?

Die „Reframing“-Strategie hilft auch hier. Man kann sich zum Beispiel sagen, dass jede Negativserie irgendwann aufhört, also auf den unmittelbar bevorstehenden Wechsel setzen. Statistisch gesehen ist es ja auch so, auch wenn Schalke 04 in dieser Saison wirklich eine Ausnahme war. Die zweite Möglichkeit ist, den Selbstwert zu erhöhen. Das heißt, man setzt sich kleine Ziele, die erreichbar sind und nicht nur auf den Erfolg am Ende gehen. Es vermeiden zu wollen, zu viele Freistöße und Eckbälle gegen sich zu bekommen, kann zum Beispiel so ein Ziel sein.

Der Trainer und viele Spieler aus dem Kader haben in der vergangenen Saison eine enorm kritische Situation im Abstiegskampf erlebt und überstanden. Kann das jetzt helfen?

Definitiv. Man lernt, mit genau solchen Situationen besser umzugehen, wenn sie wiederholt auftreten. Es schon einmal überstanden zu haben, ist eine sehr wertvolle Erinnerung. Zu sehr darf man aber nicht in die Vergangenheit schauen. Da hilft der Blick auf das nächste Spiel mehr.

Obwohl er selbst im Zentrum der Kritik steht, wirkt Florian Kohfeldt bei seinen öffentlichen Auftritten nach wie vor klar, fokussiert und von sich selbst überzeugt. Ist er ein Trainer, der Drucksituationen besonders gut managen kann?

Als Psychologe kann ich keine Ferndiagnose stellen über eine Person, mit der ich keinen direkten Kontakt habe. Aber es ist so, dass die jungen Trainer mittlerweile mit dem hohen Druck, der sowohl von Medien als auch Vereinen kommt, sehr gut umgehen können. Das ist auch Teil der Trainerausbildung. Und Kohfeldt hat es wie gesagt schon einmal positiv durchstanden. Das ist ein unglaublicher Erfahrungsbonus, den er mitgenommen hat im Vergleich zu anderen, die in so einer Situation noch nicht standen.

Wie schwer ist es für die Spieler, folgenden Spagat hinzukriegen: Einerseits müssen sie den Ernst der Lage kennen, sich der Gefahr bewusst sein. Andererseits dürfen sie aber auch nicht verkrampfen und sollen möglichst befreit aufspielen. Geht das überhaupt?

Es gibt da in der Sportpsychologie bestimmte Gesetze. Das Yerkes-Dodson-Gesetz besagt zum Beispiel, dass man eine mittlere Anspannung erreichen muss, um eine hohe Leistung bringen zu können. Deswegen gibt es in der Wettkampfvorbereitung auch den Versuch, einzelne Spieler etwas höher zu aktivieren und andere etwas weniger. Man will ja beides nicht: Dass man die ersten zehn Minuten komplett verschläft, oder dass es nach zwei Minuten schon eine Rote Karte gibt. Wie schwierig es für Mannschaften umzusetzen ist, kann man gut in Pokalspielen sehen. Wenn Bayern München gegen Holstein Kiel spielt, ist das für sie eigentlich keine große Anforderung, verlieren können sie aber trotzdem. (dco)

Zur Person

Prof. Dr. Dr. Markus Raab (53) leitet seit 2010 das Psychologische Institut der Deutschen Sporthochschule in Köln und steht bereits seit 2008 deren Abteilung Leistungspsychologie vor. 2019 wurde er zum Vorsitzenden der Europäischen Vereinigung für Sportpsychologie gewählt. Zu Raabs Forschungsschwerpunkten zählen unter anderem motorisches Lernen und motorische Kontrolle sowie die Verbindung von Sportpsychologie und Medien. 

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