Triathlon

„Und dann zwei Deutsche, die diese Show bieten“: Dramaturgischer Traum beim Ironman Hawaii

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Konkurrenten auf Tuchfühlung: Patrick Lange (links) und Jan Frodeno. 

Faris Al-Sultan, Bundestrainer der Deutschen Triathlon-Union, über das verweigerte Visum zum Ironman Hawaii, den packenden Zweikampf zwischen Titelverteidiger Patrick Lange und Konkurrent Jan Frodeno und die düsteren Aussichten für die Olympischen Spiele 2020.

Faris Al-Sultan, Sie sind eigentlich Stammgast beim Ironman Hawaii. Was hat in diesem Jahr verhindert, dass die Reise nicht zustande kam?
Ich habe zehn Jahre lang ein ‚richtiges‘ Visum gehabt, das Anfang des Jahres auslief. Daher musste ich ein ESTA (seit 2009 gültiges elektronisches System zur Beantragung der Einreisebewilligung, Anm. d. Red.) beantragen, was mir spät, aber grundsätzlich innerhalb der 72-Stunden-Frist eingefallen ist. Ich habe es Freitag beantragt, Montag wäre der Abflug gewesen. Nur hatte ich am Montag bis zur letzten Minute keine Entscheidung der Behörde vorliegen, daher hatte ich den Flug auf Dienstag umgebucht. Laut Aussage der Behörde dauert es aber immer noch eine unbestimmte Zeit, bis die Prüfung des ESTA-Antrags durchgeführt wird.

Sie sind in München geboren, ihr Vater stammt aus dem Irak. Glauben Sie, es hat an Ihren irakischen Wurzeln gelegen?
Das Ganze ist natürlich ein Witz, wenn es sich um jemanden handelt, dessen gesamtes Erwachsenenleben bei Google nachzulesen ist. Aber man kann mit arabischem Namen halt nicht einreisen. Es tut mir leid für Patrick, ich spare mir eine 48-stündige Anreise, zwei Wochen Jetlag und jede Menge CO2. Ansonsten ändert sich vor allem etwas für meine Frau, der ich jetzt in der Zeit auf die Nerven gehe.

Sie haben seit 20 Jahren kaum ein Rennen auf Hawaii verpasst. Welche Erinnerungen haben Sie noch an ihren ersten Start 1999?
Ich bin damals mit Kurt Denk (späterer Begründer des Ironman Germany Frankfurt, Anm. d. Red.) mitgefahren, der in den Reisemarkt der Triathleten drängte und ein super Angebot gemacht hatte. Er hatte als Zugpferd den Lothar Leder dabei, der aber beim Rennen disqualifiziert wurde, weil er über die Mittellinie auf der Radstrecke fuhr. Und das als Führender!

Hawaii, Epizentrum des Triathlons

Wie lief es bei Ihnen?
Ich wollte meine Altersklasse der 18- bis 24-Jährigen gewinnen, aber ich bin dann nur Dritter geworden. Sieger wurde Jan Stranglmüller aus Tschechien, der prompt beim US-Triathlon Magazin auf dem Titel erschien. Das hat mich unheimlich gekränkt (lacht). Aber ich muss sagen: Der Jan sieht als Coverboy bis heute viel, viel besser aus als ich.

Hawaii gilt als das Epizentrum des Triathlons, 3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren, 42 Kilometer Laufen bei extremsten Bedingungen. Warum eigentlich?
Wer auf der Insel ist, spürt das mit jeder Pore. Dieser Sport ist dermaßen in alle Richtungen gewachsen, es kommen inzwischen dort so viele Leute hin und die Bedeutung des Rennens ist so groß geworden, dass man manchmal staunt. Zu unserer Zeit waren wir froh, wenn irgendwelche Fernsehbilder vom Wettkampf in der Heimat ruckelfrei ankamen, aber im letzten Jahr war ich zu einer Live-Schalte vom Sponsorenabend beim ARD-Frühstücksfernsehen auf Sendung.

Was hat sich seit Ihrem Sieg 2005 am meisten verändert?
Die Professionalisierung hat auf vielen Bereichen stattgefunden. Die Agegrouper (Altersklassenathleten, Anm. d. Red.) sind auf einem ganz anderen Niveau, weil inzwischen auch so viel Wissen verfügbar ist. Die sind alle topvorbereitet, haben Topmaterial. Es gibt dadurch natürlich noch weniger Paradiesvögel als früher. Die Athleten sind sehr diszipliniert, sehr stromlinienförmig. Es ist weniger wild als früher.

Angenommen, Sie würden in der Form von 2005 gegen Patrick Lange antreten: Wie viele Minuten würden Sie hinter ihm ins Ziel kommen?
Das wäre überhaupt nicht viel. Ich würde wahrscheinlich gegen ihn verlieren, weil er exzellent läuft, aber ich fahre deutlich besser Fahrrad und gewinne auch im Schwimmen. Man darf nicht vergessen: Der Hauptunterschied in den Radzeiten resultiert daher, dass die Triathleten heutzutage ganz andere Klamotten tragen und auf aerodynamisch ganz anderen Rädern unterwegs. Mein Oberteil, das ich damals trug, hat sich so aufgebläht, da kriegt heute jeder Aerodynamiker einen Lachkrampf.

Showdown zwischen Patrick Lange und Jan Frodeno

Der Zweikampf zwischen Jan Frodeno und ihrem Schützling Lange wird der Showdown sein, auf den sich diesmal vieles reduziert. Wer ist denn der Favorit?
„Frodo“ hat im Prinzip keine Schwächen; es gibt nichts, wo man bei ihm den Finger in die Wunde legen kann. Der kann alles. Patrick hat nur ein Pfund, mit dem er wuchern kann: Er läuft einfach schneller als jeder andere. Sein ökonomischer Stil gibt ihm gerade auf Hawaii einen Vorteil. Daher ist die Strategie recht simpel: „Frodo“ braucht einen gewissen Vorsprung, sofern Patrick in der Lage ist, sein Topniveau abzurufen. Das macht die Sache unheimlich spannend. Wenn ich mich mal kurz aus meiner Rolle als sein Trainer verabschiede, ist das natürlich die schönste Konstellation, die es gibt. Der eine führt, der andere versucht ihn, am Ende einzuholen. Und dann sind das noch zwei Deutsche, die diese Show bieten. Ein dramaturgischer Traum.

Faris Al Sultan, 41, (hier im Jahr 2015 auf Hawaii noch als Athlet im Einsatz) arbeitet als Trainer des Ironman-Weltmeisters Patrick Lange und als Bundestrainer der Deutschen Triathlon-Union (DTU). Seine mitunter unkonventionellen Ansätze sollen den deutschen Triathlon nach vorne bringen. Der Münchner, Sohn eines Irakers und einer Deutschen, gewann 2005 als dritter Deutscher selbst auf Hawaii und ist mit der früheren Triathletin Ina Reinders verheiratet. Im Januar 2016 kam die gemeinsame Tochter zur Welt.

Klingt wie der legendäre Ironwar vor 20 Jahren zwischen den US-Amerikanern Dave Scott und Mark Allen. Dieses Rennen ist zur Legende geworden, weil beide Schulter an Schulter sich duellierten. Ist so etwas wieder möglich?
Ich glaube nicht. Ich kann es mir so nicht vorstellen, weil das Profil der beiden dafür zu unterschiedlich ist. Wenn, dann käme es zu einem virtuellen Duell mit einem Überholmanöver. Das war bei dem Legenden-Rennen ja anders: Mark und Dave waren damals beide exzellenter Läufer und auf Augenhöhe.

Patrick Lange hat jetzt zweimal auf Hawaii triumphiert. Wie realistisch ist denn wirklich ein Hattrick?
Es ist einfach so, dass erst einmal „Frodo“ unangefochten eine makellose Saison hingelegt hat, während Patrick eine Reihe von Schwierigkeiten hatte. Er hat schon bewiesen, dass er darüber locker-flockig hinwegbügeln und trotzdem Hawaii gewinnen kann. Das hat er vergangenes Jahr eindrucksvoll bewiesen. Und das, obwohl es im Schwimmen anfangs auch nicht gut lief. In solch einer mental schwierigen Phase eine solche Leistung zu bringen, fand ich beeindruckend.

Er ist dann auch noch als Erster auf Hawaii unter acht Stunden geblieben. Kann Jan Frodeno das unterbieten?
Die vergangenen Jahre hatten wir eigentlich ständig günstige Bedingungen und seit 2004 kaum mehr heftigen Wind auf Kona. Wenn „Frodo“ gut drauf ist, kennen wir alle sein Potenzial. Für mich sind die Zeiten trotzdem Schall und Rauch, weil jetzt wieder die Strecke geändert wurde.

Angespanntes Verhältnis zwischen Patrick Lange und Jan Frodeno

Welche Rolle spielt es, dass das Verhältnis von Patrick Lange zu Frodeno und vor allem Sebastian Kienle so angespannt ist? Oder schöpft er daraus einen Antrieb?
Patrick hat es sicher lieber ruhig und friedlich. Dass ‚Sebi“ im Vorjahr dieses FAZ-Interview gab, in denen wirklich Vorwürfe erhoben wurden, die nicht stimmen, hat Patrick im Rennen angestachelt. Ich denke, es ist diesmal eine gesunde Konkurrenzsituation, aber natürlich ist ihr Stil völlig unterschiedlich. Ich war ja als Athlet auch eher ein ‚Sebi‘, der alles auf dem Rad reingelegt hat und dort Risiko gegangen ist.

Haben die Formschwächen des Titelverteidigers etwas mit dem Umzug nach Salzburg zu tun?
Auf der einen Seite war der Umzug gut, weil er dort für sein Training ein besseres Netzwerk gefunden hat. Auf der anderen Seite war es zusätzlicher Stress. Es war kein einfaches Jahr. Es gab viele Verpflichtungen und ist vom Training nicht optimal gelaufen. Es gab zu viele Fehlzeiten.

Wegen der gestiegenen Nachfragen von Sponsoren oder Medien?
Viel hat ja mit der persönlichen Empfindung zu tun. Wer eine Laura Dahlmeier zu diesem Thema fragt, bekommt wahrscheinlich die Antwort: ‚Zwei Sponsorentermine im Jahr sind viel zu viel.‘ Wenn du Jan Frodeno sagst, er soll zwei pro Woche machen, dann lacht er kurz und entgegnet: ‚Es können auch vier sein.‘ Patrick hatte das Gefühl, es war insgesamt zu viel, und das hat er nicht so locker weggesteckt.

Hat er eigentlich schon geheiratet?
Ja, hat er. Aber noch nicht die große Traumhochzeit.

Waren Sie dort?
Nein.

Wie sieht die Zusammenarbeit denn aus? Durch ihren Job als DTU-Bundestrainer ist die Koordination ja nicht so einfach.
Wir kommunizieren über Whats app oder Telefon, aber wir sehen uns zu wenig. Und das ist auch nicht gut. Wir haben leider noch nicht das ideale System gefunden. Jetzt habe ich aber auch eine Vollzeitstelle, die extrem viel Reisetätigkeit erfordert. Wir müssen uns nach Kona in Ruhe überlegen, wie wir das verbessern können.

Triathlon ist eine hochindividuelle Sache

Das System Frodeno hat durch die Tour de France Bestätigung erfahren: Dessen langjähriger Trainer Dan Lorang hat Emanuel Buchtmann bei den Radfahrern in die Weltspitze geführt.
Ich bin ein Fan von Dan. Zuletzt war ich in Leipzig bei einem A-Trainerlehrgang, wo Dan Lorang als Referent aufgetreten ist. Er schafft es, bei einem Vortrag ein theoretisches Thema in die praktische Anwendung zu überführen, so dass ich irgendwann lächele und denke: Mensch, das habe ich früher als Triathlet doch auch so gemacht. Nur haben wir es in der grauen Vorzeit einfach ausprobiert und für gut befunden, auch wenn wir die physiologischen Zusammenhänge nicht erklären konnten.

Warum übernehmen Sie das nicht einfach für Patrick Lange?
Weil das nicht funktioniert. Wenn ich Patrick das Frodo-Training machen lasse, habe ich vermutlich keinen Erfolg. Triathlon ist eine hochindividuelle Sache.

Wie viel ist denn überhaupt Training und wie viel Mentalität?
Eine physische Basis muss da sein, sonst wird keiner dieses Rennen gewinnen können. Man kann gewisse Defizite ausgleichen: Nicht jeder Hawaii-Sieger hat eine 85er VO2max-Kapazität (beschreibt die maximale Menge an Sauerstoff, die der Körper unter Belastung aufnehmen kann, Anm. d. Red.). Wenn wir an den letzten Nuancen im Training feilen, arbeiten wir im Promillebereich; aber bei allem, was die Rübe betrifft, bewegen wir uns im Prozentbereich. Der Kopf ist das entscheidende Organ, um das Letzte aus sich rauszuholen.

Ist die Sportart ansonsten zu sehr verwissenschaftlicht?
Wir haben jetzt ein solches Sammelsurium an Möglichkeiten, dass der Trainer denkt: Wie erkläre ich meinem Athleten, dass wir an so vielen Sachen arbeiten müssen, dass wir die nächsten Wochen erstmal nicht mehr schlafen.

Gerade in Deutschland scheint die Umsetzung der Theorie in die Praxis gut zu funktionieren, so dass seit 2014 immer deutsche Triathleten auf Hawaii gewinnen. Warum?
Die Frage kommt aus dem Ausland sehr, sehr oft. Das eine ist das deutsche Arbeitsethos. Es entspricht einfach unserer Natur, sehr, sehr viel zu arbeiten. So sind wir offenbar sozialisiert. Das andere ist die Tradition. Wir haben einfach viele Vorbilder, und es ist nicht komisch, Triathlon zu betreiben. Bei uns ist der Nachahmer-Effekt für einen Ironman mit am größten.

Wissens- und Bemerkenswertes zur Ironman-WM auf Hawaii: Auf Kailua-Kona beginnt für die weltbesten Triathleten über die Langdistanz ein höchst strapaziöser Arbeitstag. Anne Haug zählt zu den weltbesten Triathletinnen, reich ist sie damit bisher aber nicht geworden – ein Hawaii-Sieg könnte das ändern.*

Ironman Hawaii mit deutschem Doppelsieg: Der perfekte Tag

Triathlon in Tokio: Probleme auf der Kurzstrecke

Die deutsche Siegesserie auf Hawaii könnte dazu verleiten, die Messlatte für die Olympische Spiele hochzulegen und eine Medaille von den DTU-Athleten in Tokio auf der - kürzeren - olympischen Distanz (1,5 Kilometer Schwimmen, 40 Kilometer Radfahren, zehn Kilometer Laufen) erwarten.
Natürlich springt da nichts heraus – das wissen wir alle. Wir müssen nur einen Trainingswissenschaftler auf unsere Trainingsdaten schauen lassen. Er weiß sofort, dass wir in Tokio keine Chance haben. Es ist ein Ding der Unmöglichkeit, mit diesen Trainingsumfängen in der Weltspitze zu sein. Wir haben auf der Kurzstrecke seit einigen Jahren große Probleme. Der Verband hat mehrere Fehler gemacht. Man hat sich auf der goldenen Generation mit Frodeno, Daniel Unger oder Andreas Raelert zu lange ausgeruht und die zweite Garde dahinter ein bisschen vertrocknen lassen, dann wurde dem Schwimmen zu wenig Bedeutung beigemessen und dazu kommen einige strukturelle Fehlentscheidungen. Damit ist uns eine ganze Generation weggebrochen.

Und dann ist es schwierig, neue Helden zu formen?
Ich habe aktuell mit Jonas Schomburg nur einen Mann im richtigen Alter, der auf höchstem Niveau trainierbar ist. Bei den Frauen haben wir zwar mit Laura Lindemann eine, die in der Weltspitze mitmischen kann, dahinter sah es aber bei meinem Amtsantritt noch sehr mau aus. Jetzt hat sich etwas mehr entwickelt, aber wir hatten so viele Verletzungsprobleme, dass wir uns gar nicht mehr getraut haben, die Athleten an einen vernünftigen Umfang zu gewöhnen.

Das DTU-Team ist Vizeweltmeister im Mixed Relay in Hamburg geworden und hat sich für die Olympischen Spiele qualifiziert. Damit werden auch zwei deutsche Frauen und zwei deutsche Männer in den Einzelrennen an der Startlinie stehen.

Das ist ein toller Erfolg für den Verband, vor allem wenn man sieht, woher man kommt. Und wir wollen auch nicht nur als Touristen zu den Olympischen Spielen fahren. Laura Lindemann hat beim Grand Final der World Serie Anfang September als Vierte einen der besten Wettkämpfe ihrer Karriere abgeliefert. Und im Mixed Relay auf der Sprintdistanz können konditionelle Mängel überspielt werden, was auf der Olympischen Distanz schwierig werden dürfte

2008 hatte niemand mit Olympiasieger Frodeno gerechnet.
Es ist immer schön, wenn man über sich hinauswächst. Aber für uns wäre es das Beste, wenn wir zwei Athleten unter die Top Ten bringen und in der Staffel unter den besten Sechs landen. Ich möchte einfach keinen übermenschlichen Druck aufbauen.

Ist es möglich, den erfolgreichen Ironman-Sektor besser mit der DTU-Arbeit auf der olympischen Distanz zu verzahnen? Die Zuwachsraten des Verbandes sind doch sehr erfreulich.
Die DTU hat immer nur halb verschämt die Erfolge auf der Langdistanz für sich reklamiert. Ich bin der Meinung, man kann ruhig herausstellen, dass viele der bekannten Ironman-Athleten von den Strukturen und Trainern des Verbandes, von den Wettkämpfen wie der Triathlon-Bundesliga profitiert haben. Ich möchte die Langdistanz in Zukunft stärker einbinden. Die DTU ist nicht die Kurzdistanz-Abteilung.

Interview: Frank Hellmann

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