Vettel im Interview: "Pokal auf Küchentisch"

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Sebastian Vettel, hier bei einer Talkshow

Köln - Formel-1-Weltmeister Sebastian Vettel spricht im Interview des Monats über seinen WM-Pokal, seine Träume und den Rücktritt von Biathlon-Königin Magdalena Neuner

Fast immer nett, aber nie gespielt, er ist fröhlich und immer authentisch: Formel-1-Weltmeister Sebastian Vettel erfreut seine Fans nicht nur mit seinem fahrerischen Vermögen auf der Rennstrecke, sondern auch mit seinem Auftreten außerhalb des Cockpits. Die Fans, die einen mögen, die mögen und akzeptieren einen so, wie man ist und nicht wie man vielleicht vorgibt, zu sein. Ich glaube nicht daran, dass so etwas lange Bestand hätte. Deshalb probiere ich auch nicht, mich zu verstellen, sagte Vettel im Interview mit dem Sport-Informations-Dienst (SID).

Der WM-Pokal: Im letzten Jahr stand er auf dem Küchentisch. Hat er jetzt einen anderen Platz?

Sebastian Vettel: Nee, es hat ja gut geklappt im letzten Jahr. Also hat er seinen Platz wieder eingenommen.

Bekommt man eigentlich eine Kopie? So wie die Fußball-Klubs?

Vettel: Ja, das gibt es auch. Aber bis jetzt hatte ich zweimal hintereinander das Glück, dass er ein Jahr da stehen darf. Jetzt schauen wir mal, wie es im dritten Jahr aussieht. Vielleicht darf der Pokal ja nochmal bleiben. Das wäre natürlich super. So lange er da ist, braucht man ja auch keine Kopie. Wenn er dann mal weg ist, dann kann man darüber streiten. Aber bis jetzt ist das nicht das Thema.

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Ist es nicht ein Ziel, irgedwann einmal fünf, sechs, sieben Pokale nebeneinander stehen zu haben?

Vettel: Das gilt eigentlich für alle Trophäen. Wenn man mal einen schönen Platz gefunden und es ein bisschen herrichten kann, macht es einen natürlich sehr stolz. Der WM-Pokal ist natürlich das Non-plus-ultra. Im Moment fällt es noch nicht allzu schwer zu zählen. Es sind zwei. Aber das Regal ist nicht dafür ausgelegt, dass da mehrere Pokale hinpassen. Ich bin mit dem einen im Moment sehr zufrieden.

Wenn Sie an dem Pokal vorbeigehen, denken Sie immer an die Formel 1. Kann man dennoch über den Winter mal richtig abschalten und gar nicht an die Formel 1 denken?

Vettel: Ja, schon. Es ist ja nicht so, dass man jedes Mal automatisch an die Formel 1 denkt, wenn man den Pokal sieht. Man schaut ja auch nicht jedes mal bewusst hin. Man weiß ja, dass er da steht. In gewisser Weise gewöhnt man sich dran. Wenn er mal weg ist, glaube ich, fällt einem das viel mehr auf. Es ist schon nötig, über den Winter von dem Ganzen ein bisschen wegzukommen, um die Kraft zu tanken, die man über das Jahr gesehen wieder braucht.

Magdalena Neuner haben Sie beim Sportler des Jahres einmal kennengelernt ...

Vettel: Ja, ganz kurz.

Sie hat mit knapp 25 Jahren ihren Rücktritt bekannt gegeben, auf allerhöchstem Niveau, weil für sie ihr privates Leben endlich anfangen soll. Können Sie das nachvollziehen? Geht es Ihnen vielleicht sogar ähnlich? Sie hat mal gesagt, sie sei kurz vor dem Burnout gewesen, habe manchmal gar nicht aus dem Bett aufstehen wollen. Haben Sie manchmal auch solche Phasen?

Vettel: Ich glaube, von außen kann man so etwas vielleicht nicht verstehen, in der Form, in der sie im Moment ist, so erfolgreich, wie sie ist, bei der Kraft, die sie ausstrahlt. Es gibt eigentlich keinen Grund, genau an dem Punkt aufzuhören. Ich mache kein Biathlon und bin kein sehr guter Langläufer, aber wenn man generell im Sport zu Hause ist und den Rhythmus ein bisschen kennt, ständig unterwegs zu sein, sehr viel zu trainieren und eben nicht die Zeit zu haben für normale Dinge, sich nicht so normal bewegen zu können wie andere, kann man das schon verstehen. Was bei mir nicht der Fall sein wird: Ich kann keine Kinder kriegen. Das ist vielleicht ein Vorteil - oder ein Nachteil, je nachdem, wie man es nimmt. Ich glaube, man kann das sehr wohl nachvollziehen. Letzten Endes muss jeder für sich selber wissen, wann es soweit ist. Ich finde es gut, dass sie dazu steht und - soweit ich sie kennengelernt habe - sie ihr klares Ziel vor Augen hat, dass es auch noch andere Dinge gibt außer dem Sport.

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Wie viele andere Dinge fehlen Ihnen? Was würden Sie gerne machen, wozu Sie vielleicht grade nicht die Zeit haben oder was zuviel Aufmerksamkeit erregen würde?

Vettel: Man muss das für sich selbst abwiegen. Im Moment stellt sich die Frage für mich nicht. Ich bin sehr glücklich. Wenn ich nicht mehr Rennen fahren würde, nicht mehr in der Formel 1 wäre, dann würde mir etwas fehlen. Die Zufriedenheit, die ich habe, wenn ich im Auto sitze und fahren kann, habe ich bis jetzt noch nirgends anders gefunden. Das genieße ich sehr. Alles andere lasse ich ehrlich gesagt auf mich zukommen. Aber ich glaube, wenn man für sich selbst den Punkt erreicht, wo es einem auf die Nerven geht, aus dem einen oder anderen Grund, sollte man auch dazu stehen und nicht sagen, ich mache noch weiter, weil es ein gutes Jahr werden, ich noch den einen oder anderen Erfolg erreichen könnte oder ich einfach gutes Geld verdiene. Man lebt nur einmal und hat sicher heute andere Interessen als in fünf Jahren. Wenn man heute auf irgendetwas bewusst verzichtet, glaube ich nicht, dass man in fünf Jahren noch einmal den Reiz spürt, dem nachzugehen. Man verändert sich in gewisser Weise, der Geschmack oder die Dinge, die man anstrebt. Deswegen sollte man immer zu dem stehen, was man wirklich will.

Wie wichtig ist Ihnen Ihr eigenes Image in der Öffentlichkeit, bei den Fans? Ist es wichtig, beliebt zu sein?

Vettel: Ich glaube, dafür kann man nicht so viel tun. Man kann sich vielleicht in gewisser Weise verstellen, aber ich glaube nicht, dass das eine lange Haltbarkeit hat. Die Fans, die einen mögen, die mögen und akzeptieren einen so, wie man ist und nicht wie man vielleicht vorgibt, zu sein. Ich glaube nicht daran, dass so etwas lange Bestand hätte. Deshalb probiere ich auch nicht, mich zu verstellen. Es ist natürlich schön, wenn man merkt, wie viel Unterstützung man bekommt. Natürlich ist diese Unterstützung in den letzten Jahre sehr gestiegen. Das gibt sehr viel Kraft, vor allem in den Zeiten, in denen es vielleicht nicht so gut läuft oder man vielleicht ein bisschen mit sich selbst beschäftigt ist. Aber bewusst zu versuchen, gut dazustehen, das mache ich nicht. Man gibt sich natürlich Mühe und versucht in gewisser Weise, jeden Wunsch zu erfüllen. Das ist zwar nicht immer möglich, aber bis jetzt haben die Leute immer ganz normal darauf reagiert, wenn es mal nicht möglich war. Sie waren nicht sauer oder beleidigt.

Hat ein Sebastian Vettel, ein zweimaliger Formel-1-Weltmeister, Träume?

Vettel: Ja. Ich glaube, jeder hat gewisse Träume. Ich will die jetzt nicht wirklich preisgeben, aber man hat natürlich Träume, Dinge, die man in seinem Leben mal machen, mal erreichen will. Ich rede jetzt nicht von der Formel 1. Vielleicht Orte, wo man mal hin will, Leute, die man mal treffen will. Das gibt es schon, ja.

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Orte, wo man mal hin will - Sie kommen in der Formel 1 viel herum. Ist das Reisen für Sie eine Belastung oder eine angenehme Zugabe, fremde Länder zu sehen, andere Leute zu treffen, andere Kulturen kennenzulernen?

Vettel: Man sagt ja, Reisen bildet. Ich glaube, wenn man viel herumkommt, nimmt man vieles wahr, auch unbewusst. Das prägt einen schon. Es ist aber immer so, dass man sich nach dem sehnt, was man nicht hat. Das liegt ein bisschen in der Natur des Menschen. Das heißt, jemand, der viel reist - es gibt ja für mich, wenn ich Formel 1 fahren will, keine Alternative - sehnt sich danach, mal zu Hause zu sein. Man sehnt sich danach, sich mal sein eigenes Frühstück zu machen, wenn man ständig im Hotel ist, im eigenen Bett zu schlafen. Wenn man viel zu Hause ist, sehnt man sich danach, mal wegzukommen. Dann wird es zu einem Erlebnis, mal im Hotel zu schlafen, was anderes zu sehen. Ich glaube schon, dass mir etwas fehlen würde, wenn es von heute auf morgen vorbei wäre, weil es doch seinen Reiz hat. Vor allem das Wiederkommen, wenn man zum Beispiel jedes Jahr die weite Reise nach Australien auf sich nimmt. Neue Dinge kennenzulernen, etwas zu erkunden, das ist schon angenehm. Bei den Europa-Rennen ist es immer sehr kurz. Man reist an, fährt das Rennen und geht normalerweise relativ rasch wieder zurück. Aber bei den Überseerennen gibt es doch hier und da mal ein bisschen Zeit, die man dann auch nutzen kann.

Sie haben sich im letzten Jahr in Indien mal ein bisschen umgeschaut und sind durchs Land gefahren. Welches Land hat Sie in Ihrer bisherigen Formel-1-Karriere am meisten fasziniert, am meisten berührt?

Vettel: Es kommt natürlich darauf an, wovon man redet. Indien war schon ein Erlebnis, einfach zu sehen, unter welchen Umständen im Vergleich zu unserer Welt die Leute leben, leben müssen. Der Kontrast ist schon enorm. Trotzdem waren die Leute sehr glücklich und sehr freundlich. Andererseits gibt es Länder wie Kanada, wenn man da mal ein, zwei Stunden mit dem Auto Richtung Norden fährt, ist man mitten in den Wäldern und kann dort Bären herumtapsen sehen und das Land von einer ganz anderen Seite kennenlernen. Es kommt immer darauf an, wo man ist. Es ist immer faszinierend. Wenn wir in Abu Dhabi sind und die Zeit mal bleibt, einen Abstecher in die Wüste zu machen, auch das ist interessant. Natürlich nicht so farbenfroh, aber auch interessant, eine ganz andere Landschaft.

Thomas Straka, SID

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