Fehmarn ist das Hawaii Deutschlands

Bernd Hiss an der Küste von Cumbuco in Brasilien.

Die Charchullas brachten den Sport auf die Insel – Bernie Hiss verkauft Boards in ganze Welt - Heike Reimann in Aktion - Malte Krummradt in Brasilien - Von Heiko Witt

„Wir mussten jedem Fehmaraner das Wort Windsurfen buchstabieren und erklären“, sagt Manfred Charchulla. 1975 kamen die Charchulla-Twins auf die Insel und eröffneten die erste Surfschule. Heute führen die beiden 71-Jährigen das "weltweit erste Surfmuseum", wie sie sagen. Längst ist Fehmarn zum Eldorado für Fans des Wind- und des Kitesurfens geworden. In der Szene gilt Fehmarn als das Hawaii Deutschlands. Unter dem Namen „carved“ stellt der Fehmaraner Bernie Hiss Kiteboards und unter "core" Kites her, die ein weltweites Renommee haben. Sein Produktionsleiter Malte Krummradt ist 22 Jahre alt und selbst ein ausgezeichneter Fahrer. Und dann ist da Heike Reimann, die im Sommer auf Fehmarn und im Winter auf Hawaii lebt, um immer die besten Bedingungen für ihr geliebtes Hobby, das Surfen zu haben.

Manfred und Jürgen Charchulla sind die beiden Originale auf der Tiefehalbinsel, angeblich kennen über 90 Prozent der Fehmaraner die Zwillinge. In den siebziger Jahren überquerten sie als erste den Ärmelkanal zwischen Calais und Dover auf Surfboards. „Vorher war noch niemand mit den Dingern auf hohe See gegangen“, so Jürgen Charchulla. Sie wurden später „inoffizielle Vize-Weltmeister im Tandem-Surfen“. Wie viele Teilnehmer er gab, ist bis heute ein Geheimnis. 

Dann verschlug es sie auf die Insel. Manfred Charchulla erklärt den Grund: „An der Nordsee gab es nicht genug Wasser, wir wollten aber ständig Wasser haben.“ Und schnell erkannten sie die Vorteile, die es auf Fehmarn außerdem gab.

Irgendwo weht nämlich immer ein Wind rund um die Insel, die noch dazu platt ist wie eine Flunder, so dass der Wind leicht über sie hinweg zieht. Wer es kann, surft auch bei ablandigem Ostwind an der Westküste. Manfred und Jürgen Charchulla erlebten den Windsurf-Boom der achtziger und neunziger Jahre mit. Längst hat sich die Insel fest etabliert in der Surfsportszene.

Ein jährliches Top-Event ist das "Race around Fehmarn", in dem sich international bekannte Segler und Windsurfer messen. Den Rekord in der spektakulären Inselumrundung hält Deutschlands Surfer Nr. 1 Bernd Flessner. Er umsurfte Fehmarn im Mai 2009 in 2 Stunden und 48 Minuten und verbesserte damit die alte Bestmarke von Björn Dunkerbeck.

Die Insel brachte bald selbst einige Spitzensurfer hervor. Bernie Hiss zum Beispiel. Er war 1999 die Nr. 1 der Rangliste des Deutschen-Windsurf-Cups, im Jahr zuvor war er Deutscher Vizemeister. Übrigens schaffte er 1985, als 18-Jähriger, die Inselumrundung in für damalige Verhältnisse sagenhaften vier Stunden und 20 Minuten.

„Ich war über 20 Jahre mit dem Windsurfen verheiratet“, sagt er manchmal. Und doch fand er nach der aktiven Karriere eine neue Liebe, die ihn nicht mehr los lässt: das Kitesurfen.

Das Kribbeln, die Aufregung, die Faszination

Anfangs habe er die Surfer mit dem Drachen, die so langsam dahin dümpelten, belächelt. Doch die technische Entwicklung ermöglichte schon bald waghalsige Manöver und lange Flüge.

Bernie Hiss kitete erstmals auf Hawaii. Und da war es, das Kribbeln, die Aufregung, die Faszination. Er kam nicht mehr davon los. Kapstadt, Guadeloupe, die australische Westküste in Brasilien und immer wieder Maui/Hawaii. Bernie Hiss kennt die ganze Welt des Kite- und Surfsports. Doch seiner Heimat ist er treu geblieben, nach Fehmarn zog es ihn immer zurück. Kitesurfen eroberte die Insel Fehmarn.

Es machte vor einigen Jahren sogar der Kitesurf-World-Cup Station auf Fehmarn – und da gab es ein ganz besonderes Ereignis. 13,2 Sekunden blieb US-Boy Adam Koch bei einem Sprung am Grünen Brink in der Luft, das war der inoffizielle Weltrekord. Inoffiziell, weil aufgestellt im Freestyle und nicht in einem Hangtime-Wettbewerb. Durch diesen Flug erlangte Fehmarn in der Kitesurf-Szene zusätzliche Berühmtheit.

Bernie Hiss erkannte den neuen Trend und machte aus seinem Hobby, Surfboards zu bauen, den Beruf, Kiteboards herzustellen. Seine Firma „Hisstech“ expandiert seitdem. Er hat bereits zehn Mitarbeiter, alle Fehmaraner oder vom nahen Festland. „Carved“ heißen seine Boards, die zwar deutlich teurer sind als die Modelle der Konkurrenz, dafür aber in der Kitesurf-Szene als die Ferraris unter den Boards gelten.  Kristin Böse wurde mit einem Board von der Insel Fehmarn Weltmeisterin. Bernie Hiss verkauft Boards nach Australien, Neuseeland, in die USA und in die ganze Welt. Inzwischen produziert er auch erfolgreich Kites. Seine Marke "Core" ist die erfolgreichste in Deutschland.

Produktionsleiter bei Hiss Tec ist der inzwischen 22-Jährige Malte Krummradt, der selbst ein ausgezeichneter Kitesurfer ist, nur keinen Spaß daran findet, an Wettkämpfen teilzunehmen. Berühmtheit erlangte er durch das Werbevideo "Core Diaries Page 3", das im November 2009 in Brasilien aufgenommen wurde und ihn in der Hauptrolle zeigt. Er zeigt tolle Sprünge und Rotationen. Das Video ist auch auf dieser Homepage zu sehen.

Seine Lieblingsreviere auf Fehmarn sind Gold und Wulfen. Er liebt vor allem spielgelglattes Wasser "zum Tricksen".

„Die perfekte Infrastruktur“

„Fehmarn hat die perfekte Infrastruktur“, erklärt Bernie Hiss, der sich als Insel-Patriot bezeichnet. Es gibt unzählige geeignete Spots. Es gibt eine hohe Dichte an Surfschulen und an Shops. „Der Service ist einzigartig in Deutschland“, versichert er, „das gibt es auch nicht auf Hawaii oder in Tarifa.“ Allerdings habe er in letzter Zeit an einigen Stränden Balken gesehen, die Wege zu den Parkplätzen am Strand versperren. Bernie Hiss mahnt die Stadt Fehmarn, die freiheitsliebenden Surfer nicht einzuschränken und auch an die Zukunft zu denken. Das sehen auch die Zwillinge Charchulla so, die noch dazu der Meinung sind, dass die Kitesurfer mehr eigene Reviere erhalten sollen. Ob am Gardasee oder in Spanien, überall sei das so geregelt.

„Arriba, pa bajo, al centro, pa dentro, salud.“ Mit diesem Trinkspruch ("Nach oben, nach unten, zur Mitte, nach drinnen, Prost") zogen die Charchullas als „Steel twins“ mit karibischen Klängen durch die Gegend. Mitgebracht hatten sie die Musik aus der Karibik, wo sie noch heute ihre Winter verbringen. Und ihren 70. Geburtstag feierten - am Boca del Drago auf der Isla Colon in Panama.

Kein größeres Fest auf Fehmarn läuft ohne die beiden Charchullas und ihre eingebeulten Ölfässer, auf denen sie trommeln. Auch mit ihrer Musik sorgen die berühmten Surf-Zwillinge überall auf Fehmarn für Spaß. Das Surfmuseum wollen sie nach und nach ausbauen.

Heike Reimann in Aktion.

Heike Reimann lebt seit 14 Jahren auf Fehmarn. "Mein ganzes Leben richtet sich nach dem Windsurfen", sagt sie. Die Winter verbringt sie inzwischen auf Hawaii. Dort misst sie sich in kleinen Wettkämpfen mit den Größten der Surfszene. Und nun, mit 32, nahm sie erstmals am World Cup am Sotavento auf Fuerte teil - im Freestyle. Wenn sie den "Spock 540" oder den "Flaka" springt, dann bedeutet das für sie höchstes Glücksgefühl. Sicherlich wird sie auch 2010 wieder bei einigen Top-Events dabei sein und mit der Welt-Elite starten. Denn sie schlägt sich gegen die internationale Konkurrenz ganz ausgezeichnet. "Außerdem liebe ich es, den Wind in den Händen zu spüren und immer in der freien Natur zu sein", beschreibt sie. Die Charchulla-Twins, Bernie Hiss und Malte Krummradt sowie Heike Reimann - das sind Biografien, die die Surferinsel Fehmarn erklären.

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