Verbraucher zwiegespalten

Nach Soße soll nun auch „Zigeunerschnitzel“ verschwinden - Wirt wehrt sich deutlich: „Mache Theater nicht mit“

Jahrelang wurde über den Namen „Zigeunersauce“ diskutiert. Nun soll er geändert werden - und weitere als rassistisch empfundene Begriffe auch. 

  • Über den Namen einer beliebten Sauce der Marke Knorr wird schon lange disskutiert.
  • Nun zieht der Hersteller der "Knorr Zigeunersauce" Konsequenzen.
  • Auch in Berlin schreitet man nun zur Tat bei einem schon lange umstrittenen Straßennamen

Update vom 22. August, 13.43 Uhr: Nach „Zigeunersauce“ (siehe Ursprungsmeldung) soll ein weiterer Name innerhalb kurz Zeit nach Rassismuskritik umbenannt werden: Die „Mohrenstraße“ im Berliner Bezirk Mitte. Das beschloss die Bezirksverordnetenversammlung Mitte mehrheitlich, wie die SPD-Fraktion Berlin-Mitte twitterte.:

Begründet wurde dies damit, dass der Name „diskriminierend ist und dem Ansehen Berlin schadet“. Die Straße soll nach Anton Wilhelm Amo benannt werden.

Der um 1703 im heutigen Ghana geborene Amo wurde nach als Kind Deutschland verschleppt und war der erste bekannte Philosoph und Rechtswissenschaftler afrikanischer Herkunft in Deutschland. Das zuständige Bezirksamt Mitte wurde in dem von SPD und Grünen eingereichten Antrag aufgefordert, „unverzüglich den Vorgang zur Umbenennung zu starten“.

Die Berliner Verkehrsbetriebe hatten zuvor bereits angekündigt, den U-Bahnhof Mohrenstraße künftig in Glinkastraße umzubenennen. Da „Mohren“ ein veraltetes Wort für Menschen mit dunkler Hautfarbe ist, wird der Straßenname als rassistisch kritisiert.

Nach Soße soll auch „Zigeunerschnitzel“ verschwinden - Wirt wehrt sich: „Mache Theater nicht mit“

Update vom 21. August 2020: Immer mehr Anbieter benennen ihre „Zigeunersauce“ um. Zu diskriminierend ist der Name. Aber die Soße ist nicht das einzige Gericht in unserer Küche, das diesen faden Beigeschmack im Namen hat. Das „Zigeunerschnitzel“ ist wohl nicht weniger diskriminierend. Viele Wirte wollen hier ebenfalls einen neuen Namen finden. Beim Kult-Schnitzelrestaurant aus Klön, der urigen Gaststätte „Bei Oma Kleinmann”, will man nun auch tätig werden.

Die Sprecherin des Restaurants erklärte gegenüber dem Express: „Ja, wir möchten unser Schnitzel auch umbenennen. Wenn Menschen sich durch diese Bezeichnung gekränkt und ausgegrenzt fühlen, nehmen wir das Ernst und halten es nicht für besonders schwer, den Namen zu ändern und das Problem so aus der Welt zu schaffen.“ Sie denken schon länger über eine Umbenennung nach, „waren bisher leider einfach zu nachlässig. Das hätten wir schon viel früher ändern sollen“. Mit einer Umfrage wollen sie den besten Namen für das beliebte Gericht finden: „Die bisherigen Vorschläge sind etwa ‚Puszta-Schnitzel‘, ‚Schnitzel Rote Zora‘, ‚Piroschka-Schnitzel‘ oder einfach ‚Schnitzel ungarische Art‘“.

Aber nicht alle Wirte wollen den neuen Weg mit gehen. Ein anderer Gastronom sagte dem Express: „Ich bin 60 und mache das Theater nicht mehr mit. Solange die mich dafür nicht Haft stecken, bleibe ich dabei.“

Update vom 19. August, 11.25 Uhr: Nach Knorr wollen weitere Anbieter ihre „Zigeunersauce“ umbenennen. Die Lebensmittelhersteller Homann und Bautz'ner teilten der dpa mit, dass ihre entsprechenden Würzsaucen bald anders heißen sollen. „Die Namensänderung ist auch bei uns schon länger in Planung und der Zeitpunkt nur noch von produktionstechnischen Umständen abhängig“, ließ eine Sprecherin des sächsischen Unternehmens Bautz'ner wissen.

Auch bei der niedersächsischen Firma Homann mit Sitz in Dissen läuft die Diskussion seit geraumer Zeit, wie ein Sprecher der Theo Müller Unternehmensgruppe mitteilte. Man betrachte den Begriff nach wie vor als reine Sortenbezeichnung, allerdings „werden wir diese Sorte beim nächsten Relaunch des Verpackungsdesigns auf zum Produkt passende Art und Weise umbenennen“. Über die neuen Namen gaben die Firmen zunächst keine Auskunft.

„Zigeunersauce“: Auch Edeka/Netto denken über Umbenennung nach

Aus dem Hause Edeka hieß es, dass eine Umbenennung der Würzsaucen der Eigenmarken von Edeka und Netto geprüft werde. Am Sonntag war bekannt geworden, dass Knorr seine „Zigeunersauce“ in „Paprikasauce Ungarischer Art“ umbenennt (siehe Ursprungsmeldung). „Da der Begriff „Zigeunersauce“ negativ interpretiert werden kann, haben wir entschieden, unserer Knorr Sauce einen neuen Namen zu geben“, hatte der Mutterkonzern Unilever der Bild am Sonntag mitgeteilt.

Knorr benennt „Zigeunersauce“ um und erntet heftige Kritik: „Unfassbar, schämt euch“

Urpsprungsmeldung vom 17. August: Berlin - Seit Jahren wurde über den Namen diskutiert, nun ist es beschlossene Sache: der Name einer bekannten Sauce der Marke Knorr wird umbenannt, wie offiziell mitgeteilt wurde. Noch 2013 lehnte die Marke eine Umbenennung ab.

Knorr beschließt Umbenennung der „Zigeunersauce“ - „da der Begriff negativ interpretiert werden kann“

Vor dem Hintergrund der Diskussion über rassistische Namen und Begriffe wird die sogenannte „Zigeunersauce“ von Knorr umbenannt. Wie der Mutterkonzern Unilever auf Anfrage der „Bild am Sonntag“ mitteilte, werden Verbraucher „diese als „Paprikasauce Ungarische Art“ im Regal“ finden. „Da der Begriff „Zigeunersauce“ negativ interpretiert werden kann, haben wir entschieden, unserer Knorr Sauce einen neuen Namen zu geben“, so der Konzern weiter.

Knorr benennt „Zigeunersauce" um: Zentralrat der Deutschen Sinti und Roma begrüßt Entscheidung

„Es ist gut, dass Knorr hier auf die Beschwerden offenbar vieler Menschen reagiert“, äußerte sich Romani Rose, der Vorsitzende des Zentralrats der Deutschen Sinti und Roma gegenüber der Zeitung hinsichtlich der Namensänderung. Ihm selbst bereite jedoch der wachsende Antiziganismus in Deutschland und Europa größere Sorgen. Die Namensgebung der Knorr-Sauce sei „nicht von oberster Dringlichkeit.“ Als viel wichtiger erachte er es, Begriffe wie „Zigeuner“ kontextabhängig zu bewerten, „wenn etwa in Fußballstadien ‚Zigeuner‘ oder ‚Jude‘ mit offen beleidigender Absicht skandiert wird.“

„Zigeunersauce“: Knorr bestätigt Umbenennung - und entfacht hitzige Debatte auf Facebook und Twitter

Auf Twitter und Facebook entfacht die künftige Umbenennung der Sauce von Knorr eine hitzige Debatte. „Man kann solche Firmen nur mit Boykott abstrafen“, schreibt ein User unter einem Facebook-Beitrag. „Weil sie achtsame Sprache verwenden?“, antwortete ein anderer User direkt. „Ich kaufe nichts mehr bei euch“, kommentiert ein anderer und fügt hinzu, „fühle mich langsam wie in der DDR. Unfassbar. Schämt euch.“

Auch auf Twitter diskutieren zahlreiche User unter dem Hashtag #Knorr. „Für Knorr sind Zigeuner und Ungarn wohl das Gleiche. Sie mögen das harmlos finden, ich nicht“, twitterte ein User. Ein anderer schrieb: „„Für manche Menschen (oft sind es Rassisten) muss es ganz schrecklich sein, wenn die Z*******soße jetzt umbenannt wird. Als würde die anders schmecken, nur weil sie einen anderen Namen bekommt. Ziemlich kindisch sind diese Menschen.“ Ein anderer bringt es scheinbar ironisch auf den Punkt: „Wie unglaublich stabil und gefestigt Menschen sein müssen, deren Welt von der Umbenennung eines Würzmittels geschüttelt werden kann.“

Auch ein Keks-Konzert dachte nach Rassismus-Vorwürfen an eine Produkt-Namensänderung. Das Unternehmen hatte mit einem großen Shitstorm zu kämpfen.

Knorr benennt „Zigeunersauce“ um: Ursprung und Empfindung des Begriffs „Zigeuner“

Der Begriff „Zigeuner“ ist eine alte Sammelbezeichnung für verschiedene Volksgruppen, die sich wohl von Indien aus vor allem über Südosteuropa verbreiteten. Der Zentralrat der in Deutschland vor allem lebenden Volksgruppen Sinti und Roma nennt den Begriff „eine von Klischees überlagerte Fremdbezeichnung der Mehrheitsgesellschaft, die von den meisten Angehörigen der Minderheit als diskriminierend abgelehnt wird“. Auch im öffentlichen Sprachgebrauch wird der Begriff so empfunden.

In der Küchentechnik wird der Begriff „Zigeunersauce“ bereits seit mehr als 100 Jahren verwendet. Im Nachschlagebuch für die klassische Küche von Escoffier ist er schon 1903 zu finden. Traditionell verbindet der Verbraucher die Sauce mit der Geschmacksrichtung ungarisch und scharf. Nach Angaben von Sinti und Roma entstammt die Sauce jedoch nicht ihrer Küche. Ein Experte warnt vor einer Massenflucht aus Afrika - und sagt, was die Politik jetzt tun muss. (dpa/mbr)

Rubriklistenbild: © afp/MacDougall

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