Suomi feiert Jubiläum

100 Jahre Finnland: Warum ich meine zweite Heimat so liebe

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Im Sommer geht die Sonne nicht unter: Selbst um Mitternacht ist es im finnischen Juni in noch „hell“.

Vor 100 Jahren war die Geburtsstunde der Republik Finnland. Ein Land, das so viel mehr ist als nur das „Land der Tausend Seen“. Wir verraten Ihnen, was Sie vielleicht noch nicht über Suomi wussten. 

Paavo Nurmi hat bereits 9600 Meter in den Beinen, als er am 20. August 1920 im 10.000-Meter-Lauf der Olympischen Spiele die Initiative übernimmt. Der Finne zieht in Antwerpens Stadion an seiner Konkurrenz vorbei, gibt auf den letzten 100 Metern noch mal richtig Gas und überquert unter dem Jubel der Zuschauer als Erster die Ziellinie. Es ist die erste von insgesamt neun olympischen Goldmedaillen, die „der fliegende Finne“ - einer der erfolgreichsten Olympioniken aller Zeiten - für Finnland holt. Für ein Land, das erst drei Jahre zuvor seine Unabhängigkeit erlangt hatte. 

Heute, am 6. Dezember 2017, ist in Finnland der wichtigste Nationalfeiertag seit seinem Bestehen - dann nämlich wird Suomi, wie es in der Landessprache heißt, 100 Jahre alt. Ich, Merja Bogner, Redakteurin und Halbfinnin mit Doppelpass, möchte Ihnen meine zweite Heimat vorstellen. Das Land, das mich genau wegen dieses Paavo Nurmis zur Leichtathletik brachte. Das Finnland, das so grandios mittelmäßig Fußball spielt, dass ich mich alle zwei Jahre dafür rechtfertigen muss. Und das Finnland, das mir jedes Jahr im Sommer meine Ruhe und meinen Spirit zurück gibt. Mein Finnland, das Wörter hervorbringt, wie: Epäjärjestelmällistyttämättömyydellänsäkäänköhän. Was das bedeutet? Dazu später mehr. Jetzt beginnen wir von vorne - in der Zeit, als Suomi geboren wurde.

Finnland und seine Geschichte: Das geschah vor 100 Jahren - und davor

Jaja, die Schweden und die Russen. Wer uns Finnen auf diese beiden Nationen anspricht, der bekommt als Quittung meistens ein vielsagendes Schmunzeln. Weder die eine, noch die andere Nation werden wir jemals als große Liebe bezeichnen. Wobei wir für Sverige schon mal höchst großzügig die Daumen drücken. Halt dann, wenn Finnland in einem Sport-Turnier nicht mehr dabei ist. Mit den Russen ist das ein bisschen anders. Diese Beziehung ist dann doch eher, naja, nennen wir es mal: unterkühlt. Der Respekt ist da - doch darüber hinaus muss man es ja nicht übertreiben.

Die Rivalität ist historisch bedingt. Mehr als 600 Jahre lang war Finnland unter schwedischer Herrschaft, nachdem im Jahr 1155 König Erik IX. den ersten Kreuzzug unternommen hatte. Finnland, bis dahin im machtpolitischen Vakuum, wurde schwedisch. Das änderte sich erst 1809: Im Finnlandkrieg eroberte Russland das komplette Reich.

Nach ersten Jahren des Aufschwungs folgten aber unter Nikolaus I. (1825-55) harte Jahre für die Finnen. Nikolaus erstickte jeden Versuch der Abspaltung im Keim und verbot jede Kritik an Russland. Unter seiner Regentschaft wurde Finnland auch wieder in internationale Streitigkeiten hineingezogen. So zum Beispiel im Krimkrieg, als britisch-französische Flotten alle finnischen Häfen, in denen russisches Militär zugange war, bombardierten. Erst, als Alexander II. (1855 - 1881, die „Ära der liberalen Reformen“) die Herrschaft übernahm, spürte Finnland wieder einen Aufschwung.

Doch auch hier wurde den Finnen wieder ein Strich durch die Rechnung gemacht - denn was Zar Alexander II. erarbeitet hatte, wurde in Russland nicht gern gesehen. Es wurde gefordert, den finnischen Separatismus auszumerzen. Nikolai II. ließ im Februar-Manifest aus dem Jahre 1899 die finnische Verfassung aufheben - praktisch das Aus der finnischen Autonomie. Es folgten zwei Phasen der russischen Unterdrückung (1899-1905 und 1908-14) und die Finnen versuchten, sich so gut es geht gegen die Russifizierung zu wehren.

Doch mit der Oktoberrevolution sollte sich alles ändern. Der Zar wurde gestürzt - und Finnland nutzte seine Chance und beendete die russische Ära in Suomi. Am 6. Dezember 1917, exakt vor 100 Jahren, proklamierte Finnland die Unabhängigkeit. Die Geburtsstunde der finnischen Republik. Heute, 100 Jahre später, ehren verschiedene Länder diese Unabhängigkeit. So übersetzten schwedische Zeitungen ihre Titel ins Finnische und weltweit erstrahlten mehrere Wahrzeichen in Weiß und Blau - den Landesfarben Finnlands:

Unter anderem das Colosseum in Rom wurde zu Ehren Finnlands in Blau angestrahlt.

Und auch Kanzlerin Angela Merkel gratulierte:

Schon bevor Finnland Unabhängigkeit erlangte, hatte es seine Nationalhymne - die „Maamme“. Komponiert wurde sie 1848 übrigens vom Hamburger Fredrik Pacius, der Originaltext - damals in Schwedisch - stammte von Johann Ludvig Runeberg. Die finnische Nachdichtung übernahm dann im Jahr 1889 Paavo Cajander. Aber hören Sie doch einfach mal in die Hymne rein:

Wo wir schon beim nächsten Punkt wären - Finnland und seine Musik.

Finnland und die Musik - von Sibelius bis Lordi

Ja, ich gebe es zu - die Finnen haben keinen Ludwig van Beethoven. Keinen Robert Schumann. Keinen Johann Sebastian Bach. Dafür haben wir Jean Sibelius (1865-1957). Ein Komponist der Spätromantik, der mit seinem Werk Finlandia (1899) tief in mein Mark getroffen hat - und wahrscheinlich in das vieler Finnen. Denn wer Finlandia hört, erkennt sofort die Historie, die Schwere dieses Landes. Eigentlich, so kann man es sagen, ist Finlandia meine heimliche Hymne Suomis.

Statt auf klassischer Musik haben die Finnen ihren musikalischen Fokus übrigens auf ein ganz anderes Genre gelegt: Metal. Kaum ein Land transportierte den Metal so kalt, dunkel, mystisch und komplex hinaus in die Welt, wie Finnland. Um nur einige der bekanntesten Metal-Bands Finnlands zu nennen: Children of Bodom, Sonata Arctica, Impaled Nazarene, HIM, Nightwish, Insomnium - und natürlich auch irgendwie Lordi.

Es war wohl einer meiner stolzesten Augenblicke als Deutsch-Finnin, als Lordi 2006 den Eurovision Song Contest gewann. Denn es gibt nicht viele Möglichkeiten, als Finnin große Erfolge des Landes feiern zu dürfen. Seien wir mal ehrlich - dieser Auftritt mit dem Ohrwurm „Hard Rock Hallelujah“ bleibt unvergessen. Ich war irgendwo zwischen fasziniert, peinlich berührt, hysterisch - und am Ende mega-stolz. Die spinnen einfach, die Finnen - und dafür liebe ich sie.

Was Lordi damals auf der Bühne ablieferte, war schon ganz großer Sport. Apropos Sport - der ist in Finnland natürlich auch unheimlich wichtig.

Finnland und der Sport

Schon mal elf Finnen gemeinsam gut Fußball spielen sehen? Nein? Ich auch nicht wirklich. Klar gab‘s Jari Litmanen oder Sami Hyypiä. Aber egal - wer braucht schon Fußball, wenn es Eishockey gibt? Bietet sich auch an in einem Land, das fünf Monate lang schockgefrostet ist. Eishockey ist Nationalsport Nummer eins in Finnland. Man munkelt, finnische Kinder laufen eher Schlittschuh, als dass sie gehen können. Nichts wird so zelebriert, wie die „Leijonat“ (die „Löwen“, wie die finnische Eishockey-Nationalmannschaft genannt wird). Zwar wurde Finnland erst zwei Mal Weltmeister - doch insgesamt holten sie in den vergangenen 25 Jahren 13 WM-Medaillen und fünf Mal Edelmetall bei Olympia. Der schönste Moment? Das WM-Finale 2011, als Finnland im Finale 6:1 gewann - und zwar ausgerechnet gegen Lieblingsgegner Schweden. Das wurde dementsprechend gefeiert - es gab sogar eigens angefertigte Bierdosen, auf die das Ergebnis gegen den großen Rivalen aufgedruckt wurden: 

Weltmeister! Mit dieser Bierdose ehrte die Firma Karjala die finnischen Eishockey-Weltmeister.

Doch Eishockey ist nicht die einzige Sportart, die angesagt ist. Speerwerfen ist auch ganz vorne mit dabei, wenn es um den Lieblingssport der Finnen geht. Und es gab mal eine Zeit, in der Suomi auch noch eine Skisprungnation war. Generell lieben die Finnen alles, was mit Schnee zu tun hat. Oder mit schnellen Autos. Und dann gab es da eben noch Paavo Nurmi. Der Leichtathlet, der zwischen 1920 und 1928 alles in Grund und Boden lief. 

Hier eine Übersicht über die erfolgreichsten Sportler Finnlands:

  • Paavo Nurmi (Leichtathletik, Mittel- und Langstrecke). Er gewann neun olympische Goldmedaillen, drei Mal Silber und lief 24 Mal Weltrekord. Nurmi gehört zu den erfolgreichsten Olympioniken aller Zeiten.
  • Lasse Viren (Leichtathletik, Langstrecke). Viren holte bei den Olympischen Spielen in München (1972) und Montreal (1972) insgesamt vier Goldmedaillen über 5000 und 10.000 Meter.
  • Matti Nykänen (Skispringen). Satte vier Mal gewann er Gold bei Olympia (1984 in Sarajewo und 1988 in Calgary), einmal auch Silber. Sechs  Mal wurde er Weltmeister, ein Mal Skiflug-Weltmeister, gewann vier Mal den Gesamtweltcup und zwei Mal die Vierschanzentournee. Schon während seiner aktiven Karriere wurde klar, dass Nykänen ein Problem mit Alkohol hat - den völligen Absturz erlebte er aber nach seiner Karriere. Er versuchte sich als Sänger und Stripper, stand 2004 sogar unter Verdacht des versuchten Totschlags und wurde zu 26 Monaten Haft verurteilt. Auch in den darauffolgenden Jahren hatte Nykänen mehrfach Kontakt mit der Polizei. Heute singt er auf verschiedenen Dorf-Festen.
  • Claus Thunberg (Eisschnelllauf). Er holte fünf Mal Olympia-Gold (1924 und 1928) und ist damit einer der erfolgreichsten Eisschnellläufer aller Zeiten. Er wurde auch „Nurmi des Eises“ genannt.
  • Mika Häkkinen (Formel 1). Lieferte sich heiße Duelle mit Michael Schumacher und krönte sich zwei Mal zum Weltmeister (1998 und 1999).
  • Jari Litmanen (Fußball). Der erfolgreichste finnische Fußballer bisher. Mit Ajax Amsterdam gewann er 1995 die Champions League.
  • Samppa Lajunen (Nordische Kombination). Er holte drei Mal olympisches Gold, zwei Mal Silber und wurde 1999 Weltmeister.
  • Janne Ahonen (Skispringen). Gewann fünf Mal einen Weltmeistertitel, zwei Mal Silber bei Olympischen Spielen und fünf Mal die Vierschanzentournee - Rekord.
  • Teemu Selänne (Eishockey). „The Finnish Flash“ („Der finnische Blitz“) ist einer der erfolgreichsten Torschützen der NHL (684 Tore) und wurde in die IIHF Hall of Fame aufgenommen. Mit den Anaheim Ducks gewann er den Stanley Cup und mit der finnischen Nationalmannschaft sowohl Olympia-, als auch WM-Silber, außerdem Olympia- und WM-Bronze. Ein internationaler Titel blieb ihm allerdings verwehrt.
  • Leijonat (Eishockey). Die „Löwen“ sind vielleicht nicht die erfolgreichste Eishockey-Mannschaft aller Zeiten - doch mit ihren zwei Weltmeistertiteln und zwei Mal Silber und vier Mal Bronze bei Olympia eine der erfolgreichsten finnischen Nationalmannschaften. 
  • Seppo Räty (Leichtathletik, Speerwurf). Er gewann WM-Gold (1987) und -Silber (1991) und außerdem olympisches Silber (1992) und Bronze (1988 und 1996). 

Finnland und das Sisu

Na, kannten Sie es schon, dieses Wort? Dann haben Sie auf jeden Fall schon mal etwas mit einem Finnen zu tun gehabt. Denn „Sisu“ gibt es nur dort. Übersetzen? Kann man es nicht. Aber es ist ein Begriff, der die Eigenschaften „Kampfgeist“, „Ausdauer“ und „Mut“ im Charakter vereint - und eben in dieser Form nur den Finnen nachgesagt wird.

Finnland und seine Klischees

Das große Schweigen: Schon mal mit einem Finnen im Auto gesessen? Das kann schon mal zur ruhigsten Fahrt aller Zeiten werden. Smalltalk? Fehlanzeige! Ein Finne wird Sie niemals (oder nur in äußersten Notfällen) mit Oberflächlichkeiten stressen. Ich erinnere mich an eine Autofahrt mit meinem Onkel von unserem Sommerhaus in Mittelfinnland in die Stadt Tampere im Südwesten. Sechs Stunden Fahrt, in denen nur das wichtigste gesprochen wurde. Aber auch sechs Stunden Fahrt, in denen es ok war, einfach zu schweigen - und ganz wichtig: dafür nicht verurteilt zu werden. In diesen sechs Stunden habe ich über meinen Onkel übrigens mehr erfahren, als in all den Jahren zuvor. Denn das was er erzählte, war tiefsinnig und informativ. Es stimmt also: Finnen sprechen nicht gerne. Zumindest nicht von selbst. Denn wenn Sie es doch mal schaffen, einen Finnen in ein Gespräch zu verwickeln, wird er Ihnen tiefe Einblicke in sein Leben geben - weit weg des normalen Smalltalks.

Alkohol: „Du bist Finnin, Du kannst bestimmt viel trinken.“ Wenn ich für jedes mal, wenn ich diesen Spruch höre, einen Schnaps trinken würde, wäre ich wahrscheinlich tatsächlich dauer-betrunken. Es ist auch wirklich ein Klischee, das man als Finne ungern hört: Die Finnen trinken viel Alkohol. Das ist nämlich (fast) gelogen. Ein Bericht der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ergab, dass mit durchschnittlich 10,9 Litern purem Alkohol pro Kopf die Finnen weniger als die Deutschen trinken. Doch wenn ein Finne mal trinkt, dann eben richtig.

Kurioses über Finnland

  • Perfekt Finnisch sprechen? Beinahe unmöglich! Denn da gibt es dann so Wörter wie: Epäjärjestelmällistyttämättömyydelläänsäkäänköhän. Fragen Sie mich nicht, was genau es übersetzt heißt - und erst recht nicht nach den grammatikalischen Formen, die darin stecken (jedes Substantiv kann im Finnischen mehr als 200 verschiedene Formen haben). Lassen Sie es einfach auf sich wirken. Und wenn Sie doch wissen wollen, was es heißt: es bedeutet etwas in die Richtung wie: „Nicht durch ihren Mangel an Organisation, vermutest du ...“. Völlig einleuchtend, oder?
  • In Finnland gibt es die meisten Weltmeisterschaften der Welt - zum Beispiel im Frauen-Tragen, dem Handy-Weitwurf als auch im Luftgitarre-Spielen.
  • Donald-Duck-Comics waren in Finnland lange Zeit ein rotes Tuch. Warum? Weil Donald keine Hosen trägt.
  • Land der Tausend Seen wird Finnland oft genannt. In Wahrheit sind es sogar 187.888 Seen, die sich über das siebtgrößte Land Europas verteilen.
  • Ein Finne ohne Sauna? Geht gar nicht! Deswegen kommen auf etwas mehr als fünf Millionen Finnen auch satte 2,2 Millionen Saunas.

Ich könnte Ihnen noch so viel mehr über „mein“ Land erzählen. Doch dafür würden wahrscheinlich die nächsten Hundert Jahre nicht ausreichen. Doch einen Tipp möchte ich Ihnen mit auf den Weg geben: Wenn Sie nach Finnland fahren, lernen Sie ein, zwei Wörter Finnisch - jeder Finne wird sich darüber unwahrscheinlich freuen. Und das Eis ist gebrochen.

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