1. Fehmarnsches Tageblatt
  2. Welt

Sabotage-Akt bei der Deutschen Bahn: Hintergründe und Motiv – das ist bisher bekannt

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Martina Lippl

Kommentare

Bahn-Chaos in Deutschland: Über Stunden stehen Züge im Norden still. Schnell ist klar, es handelt sich um Sabotage. Viele Fragen sind jedoch noch offen.

Berlin – Tausende Reisende stranden in Berlin, Hamburg und Hannover. Zügen können nicht mehr abfahren. Der Funk ist gestört. Das Problem für die flächendeckende Störung: An zwei Standorten sind Kabel durchtrennt worden. Verkehrsminister Volker Wissing (FDP) zufolge wurden dabei Kabel „mutwillig und vorsätzlich durchtrennt“. Nach dem Bahn-Chaos in Deutschland sprechen auch Polizei und Bahn von Sabotage. Der Staatsschutz ermittelt. Hintergründe sind zunächst noch unklar. Zu möglichen Täter gibt es bislang keine offiziellen Informationen.

Bahn-Chaos in Deutschland: Die Chronologie eines folgenschweren Sabotageakts

Bahn-Chaos wegen „Sabotage“: Die Deutsche Bahn muss den Zugverkehr im Norden am Samstag (8. Oktober 2022) für knapp drei Stunden einstellen.
Bahn-Chaos wegen „Sabotage“: Die Deutsche Bahn muss den Zugverkehr im Norden am Samstag (8. Oktober 2022) für knapp drei Stunden einstellen. © John MacDougall/afp

Deutsche Bahn Ziel von Sabotage-Akt: Tatorte in Nordrhein-Westfalen und Berlin

Unbekannte hatten am Samstag wichtige Kommunikationskabel in Berlin und Nordrhein-Westfalen zerstört und damit den Zugverkehr in weiten Teilen Norddeutschlands für drei Stunden lahmgelegt.

„Wir haben einen Tatort in Berlin-Hohenschönhausen“, sagte ein Sprecher der Bundespolizeidirektion Berlin der Nachrichtenagentur dpa am Sonntag (9. Oktober). „Ein weiterer befindet sich in Nordrhein-Westfalen.“ Aus Sicherheitskreisen hieß es, es seien in Berlin und in Herne in NRW vorsätzlich sogenannte Lichtwellenleiterkabel beschädigt worden. Auch das Backup-System sei damit ausgefallen. Zwischen Herne (NRW) und Hohenschönhausen (Berlin) liegen mit dem Auto und je nach Route etwa 519 Kilometer, wie ein Blick auf den Routenplaner von Google Maps zeigt.

Bahn-Chaos: So legten Unbekannte weite Teile des Zugverkehrs in Deutschland lahm

Laut Spiegel sei bei Herne (NRW) ein Kabelschacht, an einer Bahnstrecke gegen zwei Uhr morgen geöffnet worden. Unbekannte hätten demnach den schweren Betondeckel angehoben und dann mit einer Flex eine wichtige Leitung für die Bahn-Kommunikation durchtrennt. In Berlin sei ein weiterer Schacht geöffnet worden und die dortige Leitung für das Zugfunksystem durchtrennt worden. Diese Leitung habe zu dieser Zeit als Back-up für die bei Herne durchgetrennte Datenleitung gedient.

Nach dieser Sabotage sei das gesamte Kommunikationssystem zusammengebrochen. Die Bahn stoppte daraufhin aus Sicherheitsgründen einen weiten Teil des Zugverkehrs für drei Stunden.

Sabotage-Akt bei der Bahn: Eine Kriminaltechnikerin steht in der Nähe vom S-Bahnhof Hohenschönhausen neben Fahrzeugen der Polizei.
Sabotage-Akt bei der Bahn: Eine Kriminaltechnikerin steht in der Nähe vom S-Bahnhof Hohenschönhausen neben Fahrzeugen der Polizei. © John Boutin/dpa

Wer steckt hinter der Bahn-Sabotage? „Insider“, „staatliche Sabotage“ oder „Angriff Russlands“

Sicher ist, dass es sich um einen gezielten Angriff handelt. Mit Hochdruck suchen Ermittler nach möglichen Tätern und Motiv. So der Stand am Sonntag – einen Tag nach dem Bahn-Chaos. Weitere Details sind am Sonntag zunächst keine bekannt.

Nach Einschätzungen aus Sicherheitskreisen setze das Vorgehen Insiderwissen über die Bahn voraus, berichtet die Nachrichtenagentur dpa. Als Indiz gegen Täter aus der linksextremistischen Szene, denen in der Vergangenheit Anschläge gegen die Bahn zugeschrieben wurden, gilt, dass bislang kein Bekennerschreiben aufgetaucht ist. ARD-Terrorismusexperte Holger Schmidt geht von einer neuen Tätergruppe aus. Es gäbe eine Reihe von Akteuren, die zu so einer Tat fähig wären. Es sei so kurz nach der Sabotage schwierig zu sagen. Das Ziel sei jedoch klar, Infrastruktur der Deutschen Bahn anzugreifen. Schmidt glaube nicht, dass der Anschlag vom Samstag auf das Konto von Linksextremen geht. Das Vorgehen wirke deutlich professioneller.

Medienberichte BKA halte „staatliche Sabotage“ für denkbar

Die Bild berichtete am Sonntag, das Bundeskriminalamt (BKA) halte in einer internen Einschätzung auch staatliche Sabotage für denkbar. Demnach setze die Aktion auch „das Abfließen sensibler Informationen über das Streckennetz der Deutschen Bahn AG“ voraus. Das BKA und das Bundesinnenministerium kommentierten den Bild-Bericht auf Nachfrage nicht.

Sicherheitsexperte „Russland hat schon Interesse daran“

Sicherheitsexperte Peter Neumann hält einen Angriff Russlands auf die kritische Infrastruktur in Deutschland für denkbar. „Russland hat schon ein Interesse daran, in Europa Panik zu verursachen und zu signalisieren, dass es ganz heftig das Leben lahmlegen kann“, sagte der Forscher dem TV-Sender RTL. Es benötige erhebliches Wissen, um diese Knotenpunkte anzugreifen. „Es waren wahrscheinlich nicht Amateure oder Einzeltäter, sondern es war etwas, das von Profis durchgeführt wurde.“ Neumann gibt jedoch zu Bedenken: „Es gibt aber natürlich keine eindeutigen Beweise. Deswegen muss man schon vorsichtig sein. Momentan ist es noch eine Theorie.“

Der Vorsitzende des Europaausschusses, Anton Hofreiter (Grüne), ging noch einen Schritt weiter: „Wir können nicht ausschließen, dass Russland auch hinter dem Angriff auf die Bahn steckt“, sagte er den Zeitungen der Funke Mediengruppe am Sonntag. Jedenfalls seien dafür „sehr genaue Kenntnisse über das Funksystem der Bahn„ nötig gewesen.

Bundeswehr-General warnt vor weiteren Anschlägen

Bundeswehr-General Carsten Breuer warnte vor weiteren Anschlägen auf die kritische Infrastruktur in Deutschland. „Jede Umspannstation, jedes Kraftwerk, jede Pipeline“ könne angegriffen werden, sagte der Befehlshaber des neuen territorialen Führungskommandos der Bundeswehr der Bild am Sonntag

Diskussionen über den Schutz der kritischen Infrastruktur gibt es schon nach den Explosionen an den Pipelines Nord Stream 1 und 2 in der Ostsee. Das Schienennetz „dauerhaft flächendeckend zu schützen, ist nicht möglich“, hatte erst vor wenigen Tagen eine Sprecherin der Bahn der Wochenzeitung Die Zeit gesagt. (ml/ mit Material der dpa)

Auch interessant

Kommentare