System-Zusammenbruch

Corona in Hamburg: Homeschooling voll daneben – Eltern am Ende

  • Natalie-Margaux Rahimi
    vonNatalie-Margaux Rahimi
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Hamburgs Kinder sollen im Lockdown zu Hause im Homeschooling lernen. Doch das funktioniert so gar nicht. Von überlasteten Systemen und Eltern an der Belastungsgrenze.

  • Während des Corona-Lockdowns werden Hamburgs* Schüler wieder im Fernunterricht unterichtet.
  • Vom digitalen Unterricht ist Deutschland aber noch immer weit entfernt.
  • Das Unterrichtssystem „IServ“ ließ Schüler in die Röhre gucken – bei anderen gibt es generell nur Kopien.

Hamburg – Der Corona-Lockdown* bedeutet auch für alle Schüler in Deutschland eine große Umstellung. Denn sie müssen derzeit von zu Hause lernen. Eigentlich, so hatte Hamburgs Schulsenator Ties Rabe (SPD) im Dezember mitgeteilt, sollte zum Schul-Neustart am 10. Januar alles vorbereitet sein. Gleich drei Szenarien habe man angeblich in der Hinterhand, hatte der Schulsenator damals gesagt. Ganz so reibungslos läuft das Homeschooling aber immer noch nicht. Entweder stürzt das System ab oder die Lehrer greifen von vornherein auf die gute alte schwarz-weiß Kopie zurück. Eltern sind sauer.

Stadt in Deutschland:Hamburg
Fläche:755,2 km²
Bevölkerung:1,845 Millionen (30. Juni 2020)
Vorwahl:040
Erster Bürgermeister:Peter Tschentscher

Homeschooling im Corona-Lockdown: Deutschlandweite Störungen bei Lernsystem „IServ“

Bereits am 11. Januar guckten viele Schüler morgens in die Röhre statt auf ihre Schulaufgaben. Denn das Lern-System „IServ“ streikte. Statt Deutsch und Politik im Videounterricht bekamen die Kinder nur Fehlermeldungen zu Gesicht. Von dem Problem betroffen waren Schüler in ganz Deutschland. Der Anbieter des Systems hatte laut Hamburger Abendblatt zuvor „extra“ die Serverkapazität aufgestockt, dann aber bei den Einstellungen einen Fehler gemacht.

Hamburgs Eltern sind wegen der vielen Pannen im Homeschooling sauer auf die Schulbehörde. (24hamburg.de-Montage)

Danach sollte das Problem eigentlich behoben sein, doch auch am Folgetag, dem 12. Januar, streikte das System. „Morgens, 8 Uhr in Hamburg. Natürlich funktioniert IServ wieder nicht“, schrieb der Unternehmer Nico Lumma auf Twitter. Ärgerlich – der Anbieter hatte zuvor noch empfohlen, dass die Schüler den virtuellen Raum nicht alle gleichzeitig betreten sollen, um den Server nicht zu überlasten. „Mir ist klar, warum Ties Rabe schnellstmöglich zurück zum Präsenzunterricht will“, urteilt Lumma. Immerhin hat die Schulbehörde kürzlich mitgeteilt, dass einige Prüfungen in diesem Jahr wegen der Corona-Krise ausfallen*.

Homeschooling in Hamburg: Eltern genervt von Pannen-Unterricht

„Wir sind in der Digitalisierung von Schulen und Unterricht in den letzten Monaten erheblich vorangekommen“, sagt Schulsenator Ties Rabe in einer Pressemitteilung des Hamburger Senats*. Das sehen viele Eltern in Hamburg aber anders. Wütend schreibt ein User auf Twitter: „Fortschritte gemacht? In was denn? Nasebohren? Geh einfach“. Ein anderer zeigt sich ebenfalls genervt und merkt an: „#Homeschooling mit #iServe oder: wie man Kindern und Eltern mit einer nicht funktionierenden Infrastruktur auf den Sack geht!“.

Seit dem ersten Lockdown im März vergangenen Jahres haben zahlreiche Unternehmen ihr Geschäft komplett auf digitales Arbeiten umgestellt. Warum gelingt es der Hamburger Schulbehörde nach fast einem Jahr immer noch nicht, auch die Schulen entsprechend zu digitalisieren? Oder zumindest Konzepte für vorübergehendes Homeschooling zu entwickeln. Ties Rabe weist die Schuld von sich.

Hamburgs Schulsenator sucht die Schuld für die Schul-Pannen bei anderen

„Der Ausbau gestaltet sich nicht so leicht, weil die Digitalisierung alle Bereiche betrifft und viele Fachfirmen deshalb stark ausgelastet sind“, lautet Rabes Erklärung dazu. Hamburg beweist derzeit, dass Fernunterricht nicht immer digital sein muss. So schreibt ein User auf Twitter: „Wir wurden heute digital dazu aufgefordert, das nächste Päckchen Fotokopien persönlich in der Aula abzuholen. Trotz Internet und WLAN (...)“. Er sieht das Problem auch bei Hamburgs Lehrern, die sich nicht auf das digitale Lernen einlassen wollen. „Zu viele Lehrer sind leider komplett analog und werden es auch bleiben“, schreibt er dazu.

In der Tat ist oft zu hören, dass die Kinder einfach mit einer Menge Kopien versorgt werden, durch die sie sich dann zusammen mit ihren Eltern arbeiten können. So berichtet auch Kim Ahrens, Mutter einer achtjährigen Tochter im Interview mit 24hamburg.de „Wir mussten zur Schule und da stand dann eine Kiste mit den neuen Arbeitsblättern“, sagte die Hamburgerin sichtlich genervt. Außerdem merkte sie deutlich an: „Homeschooling und Homeoffice sind im Alltag nur schwer zu vereinen, wenn man nicht an einem Burn-out zugrunde gehen möchte“. Unterricht per Videoschalte? Oftmals ein Wunschdenken. Aber notwendig, weil die Programme laut Rabe „bei diesem erheblichen Zugriff auch an ihre Leistungsgrenzen stoßen“.

Homeschooling in Hamburg: Lehrer können nicht einfach auf andere Systeme zurückgreifen

Oft ist der Vorwurf zu hören, dass andere Unternehmen und Branchen schon längst auf digitale Systeme umgestellt hätten und seit nun fast einem Jahr ausschließlich online arbeiten würden. Die Systeme, die von Unternehmen genutzt werden, können von Schulen und Lehrern aber nicht so ohne Weiteres benutzt werden. Das sagte Schulsenator Ties Rabe im Interview mit NDR 90,3. Aufgrund der strengen Datenschutzregeln in Deutschland ist es staatlichen und städtischen Einrichtungen nicht erlaubt gängige Programme wie Microsoft Teams oder Zoom für den Unterricht zu nutzen.

Schade, denn zumindest die dürften Schülern und Lehrern die erforderlichen Serverkapazitäten bieten. Auch Ties Rabe bedauert dies sehr. „Das ist tatsächlich schade und stellt uns schon vor große Herausforderungen, denn die Ausweichprogramme, die wir wählen müssen, haben eben nicht die Marktpräsenz und damit auch nicht immer diese Störungssicherheit“, sagte er in dem Interview. Immerhin habe er „große Hoffnung“, dass die Stadt Hamburg beim digitalen Unterricht schon ganz bald zulegen könne. Fragt sich nur wie. Zum Glück gibt es für verzweifelte Eltern den ein oder anderen guten Homeschooling-Tipp*. * 24hamburg.de ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerks.

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