Risikofaktor

Schwerer Corona-Verlauf: Neandertaler-Gene erhöhen Risiko, sagen Forscher von Max-Planck-Institut

Forscher des Max-Planck-Instituts in Leipzig haben in ihrer Studie einen Zusammenhang zwischen schweren Corona-Verläufen und einem Neandertaler-Gen festgestellt. Nun gibt es weitere verblüffende Erkenntnisse.

  • Das Coronavirus* hat weltweit bislang mehr als eine halbe Million Todesopfer gefordert.
  • Eine Studie von Hugo Zeberg und Svante Pääbo stellt einen Zusammenhang zwischen einem schweren Covid-19-Verlauf und einem Neandertaler-Gen her.
  • Im Fachmagazin Nature stellt das Forscher-Duo neue Erkenntnisse vor.

Update vom 30. September: Ein Neandertaler, der vor tausenden Jahren gelebt hat, wird heute für Covid-19-Patienten zu einem Risiko. Es ist zwar nur eine DNA-Sequenz, doch das genetische Erbe erhöht das Risiko bei einer Sars-CoV-2 künstlich beatmete zu werden. Das haben Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig bereits im Sommer einer Studie zufolge herausgefunden (siehe unten Erstmeldung vom 11. Juli 2020).

Nun hat das Forscher-Team Hugo Zeberg und Svante Pääbo den Gencluster gezielt analysiert und eine verblüffende Entdeckung gemacht. Die DNA-Sequenzen in dem untersuchten Cluster seien denen eines 50.000 Jahre alten Neandertalers aus Kroatien sehr ähnlich, erläutern sie im Fachmagazin Nature.

 „Es hat sich herausgestellt, dass moderne Menschen diese Genvariante von den Neandertalern geerbt haben, als sie sich vor etwa 60.000 Jahren miteinander vermischten“, sagt Zeberg laut einer Pressemitteilung der Max-Planck-Gesellschaft. „Die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen, die diese Genvariante geerbt haben, bei einer Infektion mit dem neuartigen Coronavirus Sars-CoV-2 künstlich beatmet werden müssen, ist etwa dreimal höher.“

Es gebe erhebliche Unterschiede hinsichtlich der Verbreitung dieser genetischen Risikovariante in verschiedenen Teilen der Welt. Besonders häufig findet sie sich demnach bei Menschen in Südasien, wo etwa die Hälfte der Bevölkerung die Neandertaler-Variante im Genom trägt. In Europa hat einer von sechs Menschen (16 Prozent) die Risikovariante geerbt - in Afrika und Ostasien komme die Variante hingegen so gut wie gar nicht vor.

Eine Erklärung dafür, warum Menschen mit dieser Genvariante ein höheres Risiko haben, gebe es nicht. „Es ist erschreckend, dass das genetische Erbe der Neandertaler während der aktuellen Pandemie so tragische Auswirkungen hat. Warum das so ist, muss jetzt so schnell wie möglich erforscht werden“, sagt Svante Pääbo, Direktor am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie.

Neandertaler-Gen Grund für schwere Corona-Verläufe? Forscher finden Zusammenhang

Erstmeldung vom 11. Juli 2020

München/Leipzig - Weltweit hat das Coronavirus bislang mehr als eine halbe Million Todesopfer gefordert. Einige Risikofaktoren*, die zu einem schweren Covid-19-Verlauf beitragen können, sind bereits bekannt. Das Ergebnis einer Studie von Hugo Zeberg und Svante Pääbo vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig stellt nun einen Zusammenhang zwischen dem Risiko eines schweren Krankheitsverlaufs und einem von Neandertalern vererbten Erbgutabschnitt her. Die Studie wurde auf dem Preprint-Server bioRxiv veröffentlicht, also noch nicht von unabhängigen Wissenschaftlern begutachtet.

Corona: Forscher stellen Zusammenhang zwischen Neandertaler-Gen und schwerem Krankheitsverlauf fest

In ihrer Untersuchung beobachteten die Forscher 3.199 Covid-19-Patienten, die in einem Krankenhaus aufgenommen wurden. Den Ergebnissen von Zeberg und Pääbo nach haben Menschen, die einen hohen Anteil des sogenannten Haplotyps tragen, ein höheres Risiko für einen schweren Corona-Verlauf. Der Haplotyp beschreibt einen Abschnitt auf Chromosom 3 des menschlichen Genoms. Aus der Studie geht hervor, dass in Europa etwa acht Prozent der Menschen diesen Erbgutabschnitt tragen. In Südasien hingegen sei er mit etwa 30 Prozent der Bevölkerung weiter verbreitet, in Bangladesch mit einer Verbreitung von 63 Prozent am häufigsten.

Corona: Zeberg und Pääbo bestätigen Ergebnisse einer vorangegangenen Studie

Die Wissenschaftler konnten damit Ergebnisse einer Studie* von Anfang Juni bestätigen. Der Forscher David Ellinghaus aus Kiel hatte, anhand von Daten aus Italien und Spanien, einen Zusammenhang zwischen zwei Genabschnitten und einem schweren Covid-19-Verlauf festgestellt. Zum einen eine Genvariante auf Chromosom 9, wo sich das ABO-Gen befindet, von dem die Blutgruppe eines Menschen abhängt und zum anderen die Genvariante auf Chromosom 3.

Corona: Warum existiert dieser Haplotyp in der heutigen Bevölkerung?

Andre Franke, Direktor des Instituts für klinische Molekularbiologie der Universität Kiel, der an der Ellinghaus-Studie beteiligt war, erklärte, dass die Studie von Zeberg und Pääbo sicherlich interessant sei, allerdings keine direkten klinischen Auswirkungen habe. Es sei die Frage, warum dieser Haplotyp noch in der heutigen Bevölkerung existiere. 

„Der größte Teil des Neandertaler-Genoms, etwa 95 Prozent in unseren Genomen, wurde negativ selektiert. Wenn nun der Haupt-Risikohaplotyp für Covid-19 bleibt, muss er auch eine positive Rolle spielen“, sagte Franke

Corona: Preprints bekommen häufig zu große Aufmerksamkeit

Die Aufmerksamkeit, die die Studie der beiden Max-Planck-Forscher bekommt, sei überzogen, findet Jeanette Erdmann, Direktorin des Instituts für Kardiogenetik der Universität Lübeck. Sie war ebenfalls an der Ellinghaus-Studie beteiligt. „Die Arbeit von Zeberg und Pääbo ist meines Erachtens viel zu dünn für eine Publikation; ich kann mir kaum vorstellen, dass die Arbeit in dem vorliegenden Umfang in einem Fachjournal publiziert wird“, erklärte Erdmann.

„Diskussionen, die in früheren Zeiten institutsintern oder auf Kongressen arbeitsgruppenübergreifend geführt wurden, sind heute häufig Thema von sogenannten Preprints und bekommen vor dem Peer-Review-Verfahren schon sehr große öffentliche Aufmerksamkeit“, fügte die Wissenschaftlerin hinzu. Dadurch würden frühzeitig Ergebnisse hochgejubelt, die sich im Nachhinein vielleicht als falsch herausstellten.

Auch interessant: Eine Studie der AOK Bayern* zeigt die unterschiedliche Ausbreitung des Coronavirus innerhalb der Münchner Stadtviertel. (ph) *merkur.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Netzwerks

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