Nach Eilantrag

Hamburg Coronavirus-Lockerungen: Prostitution wieder erlaubt, Rotlicht-Szene auf Reeperbahn atmet auf

Grünes Licht fürs Rotlicht! Trotz Coronavirus dürfen Liebes-Arbeiterinnen auf Kiez und Co. endlich wieder anschaffen gehen. Ein Eilantrag beim Gericht hat's ermöglicht.

  • Hamburger* Prostituierte demonstrieren auf der Reeperbahn*. Und ziehen vor Gericht.
  • Wegen des Coronavirus* dürfen sie seit rund sechs Monaten nicht arbeiten. Eilantrag gestellt.
  • Hamburger Senat* erlaubt ihnen die Arbeit ab dem 15. September 2020.

Update vom Dienstag, 8. September 2020, 21 Uhr: Diesen Tag haben Hamburgs Prostituierte lange herbeigesehnt. Nach über sechs Monaten ohne Arbeit, vielen Protesten auf der Straße und einem Eilantrag beim Verwaltungsgericht (mehr Infos unten), gibt der Senat ihnen endlich grünes Licht. Ab dem 15. September 2020 dürfen sie nun wider Erwartungen endlich wieder anschaffen. Das teilt Sozialsenatorin Melanie Leonhard (SPD) am Dienstag, 8. September 2020, mit.

Anschaffen mit Mundschutz: Hamburgs Prostituierte dürfen ab Mitte September 2020 wieder arbeiten. (24hamburg.de-Montage)

Und: Lebemänner mit einer Affinität für käufliche Liebe im ganzen Norden können jubeln. Die Länder Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Bremen* ziehen mit. Zu den angeordneten Auflagen gehören unter anderem Kontaktlisten und konkrete Terminabsprachen. Auch der Hamburger Winterdom 2020 wird aller Voraussicht nach stattfinden*.

Prostituierte vor Gericht – Protest in Hamburg gegen Coronavirus-Liebesdienst-Lockdown der Reeperbahn

Update vom Sonntag, 6. September 2020, 16:15Uhr: Hamburg – Die Liebesarbeiter ziehen vor Gericht. Nach sechs Monate totalem Arbeitsverbot und Coronavirus-Lockdown. Drei Prostituierte und zwei Bordellbetreiberinnen haben stellvertretend für die gesamte Branche einen entsprechenden Eilantrag beim Verwaltungsgericht Hamburg eingereicht. Das erklärt die Rechtsanwaltskanzlei Klemm&Partner am Freitag, 4. September 2020.

Straße:Reeperbahn
Länge:930 m
Städte:Hamburg

Hamburger Prostituierte reichen Eilantrag an: Coronavirus-Lockdown auf Reeperbahn soll beendet werden

Die Antragsstellerinnen hätten demnach ein „coronaspezifisches Hygienekonzept“ erarbeitet. Vorbild seien andere „körpernahe Dienstleistungen“, wie die Kanzlei erklärt. So gäbe es aus infektiologischer Sicht keinen Unterschied zwischen einem Bordellbesuch und einem Besuch beim Piercing- ,Tattoo- oder Waxingstudio. Anerkannte aber nicht näher genannte Virologen hätten das den Antragsstellerinnen bestätigt.

Die Liebesarbeiterinnen von St. Pauli ziehen vor Gericht. Sie haben beim Verwaltungsgericht Hamburg einen Eilantrag gestellt. (24hamburg-Montage)

Britta Uhlmann, Rechtsanwältin bei Klemm&Partner äußert sich zu dem Fall: „Das Grundrecht der Liebesarbeiterinnen auf die Ausübung ihrer Berufsfreiheit ist nicht weniger wert, als dasjenige jeder anderen Branche.“ Ein Totalverbot eines gesamten Berufszweiges sein nicht mehr zu rechtfertigen. Auch Anwältin Dr. Kerstin Gröhn äußert sich ähnlich: „Die Herausforderung dieses Falles liegt darin, die gesellschaftlichen Scheuklappen abzulegen und den Bereich der legalen, angemeldeten und freiwillig ausgeübten Liebesarbeit nüchtern als Gewerbe zu betrachten, das zu Hamburg gehört.“

Coronavirus trifft Hamburger Liebesarbeiter hart – Oralverkehr nur noch mit Mundschutz

Erstmeldung vom Dienstag, 25. August 2020, 14:55 Uhr: Hamburg – Die Prostituierten in der Hansestadt sind geldtechnisch am Limit. Seit rund sechs Monaten dürfen Huren auf dem Kiez und Co. nicht mehr anschaffen, die Kasse der Frauen bleibt leer – trotz Hygienekonzepten der Bordelle. Deswegen geht die Rotlicht-Szene am Dienstag, 18. August 2020, zum dritten Mal auf die Straße, demonstriert lautstark und öffentlichkeitswirksam auf St. Pauli*. Vom Senat fordert sie Szene, ab Dienstag, 1. September 2020 wieder anschaffen zu dürfen.

Coronavirus: Pandemie trifft Hamburger Huren hart, doch SPD-Mann Falko Droßmann ist guter Dinge

Mit selbstgebastelten Schildern wie etwa „Ein Sommer ohne S** ist kein Sommer“ oder „Der Staat fi*** uns, aber zahlt nicht“ wollen sie ihrer Forderung Nachdruck verleihen. Die Aufmerksamkeit von Falko Droßmann (46, SPD) haben sie schon mal.

Da half auch kein noch so provokantes Schild: Die Prostituierten müssen sich mit der Wiederaufnahme ihrer Arbeit noch gedulden. (24hamburg.de-Montage)

Der Leiter des Bezirksamts Hamburg-Mitte ist zuversichtlich und macht den Prostituierten während der Demo Mut: „Es liegt an uns allen, wenn wir es schaffen, uns hier auf Sankt Pauli richtig zu bewegen. Wenn wir es schaffen, die Infektionszahlen niedrig zu halten, dann beabsichtigt der Senat, dann beabsichtigt die Gesundheitsbehörde, also die Sozialbehörde jetzt, gemeinsam mit den Ländern Schleswig-Holstein und Niedersachsen die Prostitution in Prostitutionsstätten zum 1. September 2020 wieder zu erlauben. Das ist auch ein Verdienst von euch (den Prostituierten, Anmerkung der Redaktion).“

Domina Mistress Chauve im Ganzkörper-Latexanzug ist auf dem Baum, weil gerade im Fetischbereich ohnehin oft nur mit Gasmasken gearbeitet wird. „Wir wissen auch, wie man auf Abstand geht. Gerade im Bizarre-Business haben wir Gasmasken auf. Auch wir dürfen nicht arbeiten. Es gibt keine Aussicht auf Lockerung, keine Unterstützung“, sagt sie der „Mopo“. Ihre Kollegin, die Domina Miss Beat will den Kiez wieder zum Leben erwecken: „Die Frauen möchten arbeiten, die arbeiten sauber und es wird Zeit, dass auch der Kiez wieder ans Leben gebracht wird.“ Neben Prostituierten haben bald auch Reiserückkehrer aus Risikogebieten Grund zum Schmollen, wie 24hamburg.de berichtet.

Coronavirus: Pandemie trifft nicht nur Rotlicht, sondern auch Gastronomie und Nachtleben hart

Auch von der Interessengemeinschaft St. Pauli (IG St.-Pauli) erhalten die Demonstrantinnen Zuspruch. Peter Kemmerer setzt sich auf der Demo für die Rotlicht-Szene ein: „Wir wollen, dass die Frauen wieder arbeiten können, die an der Arbeit gehindert werden.“ Doch nicht nur die Prostituierten selbst leiden unter der strengen Corona-Verordnung des Hamburger Senats. 24hamburg.de berichtet auch über den FC St.Pauli-Torwart, der neulich eine verbotene Fetischparty auf dem Kiez feierte.

Die Einschränkungen des Rotlichts treffen die gesamte Szene am Kiez hart. Das bekommt auch Barbetreiber Oliver Borth vom „Hans-Albers-Eck“ zu spüren: „Das Rotlicht ist natürlich der Antriebsmotor für Hamburg, weil die Gäste, die nach Hamburg kommen, die kommen nicht nur wegen der Elphi* oder dem Michel*, sondern die wollen eben auch das verruchte Hamburg sehen und das geht nur gemeinsam. Wir Clubs profitieren vom Rotlicht, weil Gäste das sehen wollen und das Rotlicht profitiert auch von den Clubs, weil Männer hier auf Steige gehen und sich amüsieren – das ist ein Miteinander. Und wenn das irgendwann nicht mehr so ist, dann werden die Besucherzahlen in Hamburg fallen.“

Coronavirus: Hamburger Bordelle wollen Senat mit ausgeklügeltem Hygienekonzept überzeugen

Für ihre Demonstrationen haben die Huren die VereinigungS**y Aufstand Reeperbahn“ gegründet und fordern auf ihrer Website vom Hamburger Senat, dass die Prostitution ab September 2020 wieder genehmigt wird. „Nach vielen Gesprächen mit der Politik, Ärzten, Virologen und Verbänden sind wir sehr positiv gestimmt, dass eine Zustimmung der Prostitution in Prostitutionsstätten mit unserem erarbeiteten Hygienekonzept nichts mehr im Wege steht.“ Und wie sieht das Hygienekonzept der Hamburger Huren genau aus?

Auch das erklärt „S**y Aufstand Reeperbahn“ ausführlich auf der Website. Hier ist unter anderem die Rede von einem Aufkleber mit der AufschriftHände desinfizieren“ am Eingang. Zudem können Gäste das Bordell nur mit Maske betreten. Wegen einer möglichen Kontaminierung dieser wird jedem Freier allerdings eine neue, frische Maske gereicht, mit der er zu der Dame seiner Wahl aufs Zimmer kann. Dort geht der Spaß mit Coronavirus-Einschränkungen weiter: Vor dem Akt müssen Prostituierte und Freier im Zimmer noch einen Mund-Nasenschutz tragen. Beide müssen sich sowohl Hände als auch Geschlechtsteile waschen. Jedem Gast werden frische Handtücher gereicht.

Zwischen den Kunden muss die Hure die Bettwäsche sowie ihre eigene wechseln. Geschlechtsverkehr ist nur in drei Stellungen möglich, Oralverkehr nur noch mit Kondom und Mundschutz (beim Gast)! Zudem darf während der Corona-Pandemie jeweils nur ein Gast aufs Zimmer. Gangbangs werden laut Hygienekonzept vorerst von der Karte gestrichen. Jeder Gast muss sich zudem anonym mit einem QR-Code registrieren. Auch die Arbeiterinnen werden von den Bordellen gelistet und wöchentlich auf das Coronavirus getestet. Im Falle einer Infektion wird laut dem Hygienekonzept das Gesundheitsamt informiert. Nach jedem Kunden desinfiziert die „Wirtschafterin“ alle Türklinken, Treppengeländer und Sanitäranlagen.

Coronavirus: Hamburger Senat sieht keine Lockerung vor – legale Prositution bis 30. November lahmgelegt

Am Dienstagmittag, 25. August 2020, dann die Entscheidung des Senats: „Der Senat hat heute beschlossen, die Hamburger Verordnung zur Eindämmung des Coronavirus bis 30. November 2020 zu verlängern." Wie 24hamburg.de auf Nachfrage erfuhr, sind davon auch die Prostituierten betroffen. Das Bundesland Hamburg arbeite noch an einem einheitlichen Plan mit Schleswig-Holstein und Niedersachsen. *24hamburg.de ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerkes.

Rubriklistenbild: © Axel Heimken/dpa, Felix Hörhager/dpa

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