„Rechts ist kein Platz bei uns im Regal“

Saft-Schlacht zur Bundestagswahl: Edeka schmeißt AfD-Smoothie aus Sortiment

  • VonUlrike Hagen
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„True Fruits“ lanciert zur Bundestagswahl Partei-Smoothies. Die AfD-Flaschen schmecken Edeka nicht und fliegen aus dem Regal. Nun tobt die Polit-Saft-Schlacht.

Hamburg/Bonn – Nach Marketingmaßstäben ein genialer Coup: Zur Bundestagswahl 2021* Produkte mit Namen und Wahlprogrammen sämtlicher Parteien des politischen Spektrums labeln, ins Supermarkt-Regal nebeneinander stellen lassen und den Social-Media-Shitstorm abwarten. True Fruits, ein Bonner Smoothie-Hersteller, dessen Produkte wie alle Fruchtsäfte in Zukunft pfandpflichtig sind, hat genau das getan – und bekommt jetzt die mediale Aufmerksamkeit auf allen Kanälen. Plus: Eine öffentliche Saft-Schlacht mit dem Handelsriesen Edeka.

Unternehmen:Edeka
Hauptsitz:Hamburg
Umsatz:61 Milliarden Euro (2020)
Gründung:1898, Berlin
Anzahl der Beschäftigten:381.000 (2019)

Wo anderen Firmen wie Bahlsen, Knorr oder Nestlé unbeabsichtigt mit umstrittenen Produkten in den Shitstorm geraten, handelt es sich in diesem Fall wohl um kalkulierte Provokation. Womit der Smoothie-Anbieter aber wahrscheinlich nicht gerechnet hat: Die Edeka-Gruppe, Deutschlands größte Supermarktkette, verweigerte die Lieferung der mit dem AfD-Programm bedruckten Flaschen und attackierte True Fruits öffentlich. Das Saft-Unternehmen nutzt die Gunst der Stunde und poltert nun im Netz zurück.

Edeka: Lieferung von AfD-Saftflaschen löst Eklat aus – „Rechts kein Platz im Regal“

Doch von vorn: True Fruits hat als Marketing-„Gag“ im Vorfeld der Bundestagswahl sechs Smoothies mit den im Bundestag vertretenen Parteien gelabelt. Motto: „Die Qual der Wahl“. Unter dem jeweiligen Partei-Namen (Die Linke, Die Grünen, SPD, FDP, CDU, AfD) finden sich aufgedruckt Aussagen der Wahlprogramme* – plus jeweils zwei Fantasie-Forderungen, die True Fruits den Parteien andichtet.

Ganz rechts: Der AfD-Saft des Anstoßes. Zur Bundestagswahl lanciert True Fruits Smoothies mit aufgedruckten Parteiprogrammen.

Beispiel: Die AfD fordert die Begrenzung der Einbürgerung auf 1500 Migranten im Jahr, die Linkspartei will den Ladenschluss ab 21 Uhr, die CDU möchte zuckerhaltige Lebensmittel und Getränke hoch besteuern. So weit, so witzig. Nur dass Handelspartner Edeka den Gedanken, AfD-Smoothies zu verkaufen, so gar keine lustige Idee fand.

Saft-Schlacht zur Bundestagswahl: Edeka lässt True Fruits auflaufen

Der größte Lebensmittelhändler Deutschlands mit Hauptsitz in Hamburg*, der gerade mit einem Experiment Kunden schockte, in dem er nur Geimpfte in den Markt ließ*, hat auf sämtlichen sozialen Kanälen wie Facebook oder Instagram sein klares Statement zu den Polit-Smoothies der Rechtsaußen-Partei gepostet. „Rechts ist bei uns kein Platz im Regal“ steht über der Abbildung einer AfD-Flasche.

Klares Edeka-Statement via Facebook: „Rechts ist bei uns kein Platz im Regal“ .

Sexismus- und Rassismus-Vorwürfe: True Fruits ist für geschmackloses Saft-Marketing bekannt

Die Kommentare auf die Edeka-Positionierung ließen nicht lange auf sich warten: Neben über 10.000 Likes gab es vor allem Zuspruch: „True Fruits ist ja nun schon länger für provozierende und sexistische Slogans und Werbung bekannt – unter anderem beim pinken und schwarzen Smoothie. Was ich nicht verstehe, warum denn gerade jetzt (erst) eine Grenze gezogen wird“, fragt ein User. Der Hintergrund: True Fruits hatte 2017 einen schwarzen Smoothie mit dem fragwürdigen Claim „Schafft es selten über die Grenze“ versehen.

Im vorletzten Jahr pries das Unternehmen seinen Pfirsich-Maracuja-Smoothie mit einem aus Sonnencreme gemalten Penis auf nackter Frauenschulter und dem dazugehörigen Slogan „Sommer, wann feierst du endlich dein Cumback?“ an. Cum ist ein englischer Vulgärausdruck für Ejakulat. Ziemlich viel ziemlich wenig subtiler Sexismus. Dass der in der Gesellschaft nach wie vor tief verankert ist, zeigte auch vor kurzem die Beach-Handball-EM, bei der Frauen gezwungen wurden in knappen Hosen zu spielen.

True Fruits kontert Edeka-Post: „Wir finden die AfD ja auch scheiße. Aber...“

Doch auch die Reaktion von True Fruits folgte umgehend, nämlich zwei Stunden später: Mit einem Foto in Edeka-Anmutung, auf dem alle sechs gelabelten Partei-Flaschen zu sehen sind – samt Überschrift: „Für politische Aufklärung ist bei uns kein Platz im Regal.“ Im dazugehörigen Post ist zu lesen: „Liebe Edeka, ja, wir finden die AFD auch scheiße. Aber Aufklärung ist wichtiger als peinliches Social Signaling, wie ihr es hier versucht.“ Man habe „bewusst alle sechs großen Parteien des Deutschen Bundestags dargestellt, um jedem die Chance zu bieten, zu erkennen, wofür die Parteien stehen“.

Gemischte Gefühle in den sozialen Medien: Nutzer-Reaktionen sind gespalten

Ganz offenbar stieß aber sowohl der vorangegangene Edeka-Post als auch die True-Fruits-Reaktion einigen Facebook-Usern übel auf, denn es hagelte auch Kritik zu beiden Seiten. Während sich die einen über das „hochdefizitäres Verständnis von Demokratie“ von Edeka erzürnten, stellen die anderen sich eindeutig auf die Seite der Handelskette: „Danke für die stabile Haltung! Kein Schlückchen und #KeinMillimeterNachRechts!“. Bleibt abzuwarten, wer nun das letzte Wort hat: Der Saft-Laden oder der Food-Riese. * 24hamburg.de, fr.de und merkur.de sind ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © True Fruits

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