Was passiert jetzt mit Adam Szymczyk?

Finanz-Fiasko: documenta 14 in Athen verschlang über sieben Millionen Euro

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Adam Szymczyk ist der Leiter der documenta 14 in Kassel und Athen. Doch wie sieht seine Zukunft nun aus?

Zum Skandal um die documenta 14 sind immer mehr Einzelheiten ans Tageslicht gekommen. Die Transporte von Werken und Stromkosten trugen unter anderem zum Millionengrab bei.

Kassel - Nach Informationen von hna.de* hätte die Ausstellung allein in Kassel wohl mit einer „schwarzen Null“ abgeschlossen werden können. Das heißt, dass die Liquiditätslücke von über sieben Millionen Euro wohl ausschließlich am Co-Standort Athen entstanden ist.

Kostspielig: Der Transport des Marmorzeltes von Athen nach Kassel hat offenbar eine sechsstellige Summe verschlugen haben.

Ursache sind oft kuriose Fehleinschätzungen der Ausstellungsmacher um Adam Szymczyk. So dachte niemand daran, dass die Stromrechnung in Athen horrend hoch sein würde, weil die Ausstellungsorte von 40 Grad Außentemperatur auf 23 Grad herabgekühlt werden mussten. Immens teuer waren auch die Transporte der Kunstwerke von Athen nach Kassel. Allein das Herbringen des Marmorzelts soll eine sechsstellige Summe verschlungen haben.

Welche Kosten wo entstanden, stellen zurzeit Wirtschaftsprüfer fest. Die Ergebnisse sollen in einer Sondersitzung des Aufsichtsrats der documenta am 21. September präsentiert werden.

Der Aufsichtsratsvorsitzende der documenta, Kassels Oberbürgermeister Christian Geselle (SPD) bestätigte am Dienstag offiziell die HNA-Recherchen. Erst Ende August seien die Liquiditätsschwierigkeiten bekannt geworden. Am 28. August sei ihm erstmals schriftlich präsentiert worden, dass Ausgaben in Höhe von sieben Millionen Euro von der documenta nicht mehr bezahlt werden können. Bereits zwei Tage später, so Geselle, habe es auf seine Veranlassung hin eine Sondersitzung des Aufsichtsrats gegeben. Dort sei dann beschlossen worden, dass das Land Hessen und die Stadt Kassel je 3,5 Millionen Euro an Bürgschaften übernehmen, um den Betrieb der documenta zu sichern. Die komplette Pressemitteilung von Geselle gibt es hier.

Hessens Kunstminister Boris Rhein (CDU) erklärte, die wichtigste Nachricht sei, dass die „reibungslose Durchführung der documenta“ gesichert sei. Nähere Infos gebe es erst nach dem Bericht der Wirtschaftsprüfer.

Indes fragen sich die Menschen trotzdem, wer die Schuld an dem finanziellen Desaster trägt. Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Fiasko haben wir hier für Sie zusammengefasst.

Wer verbirgt sich hinter der documenta?

Die documenta ist als gemeinnützige GmbH geführt, Eigentümer sind je zur Hälfte die Stadt Kassel und das Land Hessen. Geschäftsführerin ist seit 2014 die Kunsthistorikerin Annette Kulenkampff, die auf einen ständigen Stab von wenigen Mitarbeitern zurückgreifen kann. Kontrolliert wird die GmbH vom zwölfköpfigen Aufsichtsrat, dessen Vorsitzender stets der Oberbürgermeister der Stadt Kassel ist. Somit hat Christian Geselle dieses Amt im Juli von seinem Vorgänger Bertram Hilgen übernommen.

Wer sucht den Leiter der documenta aus?

Das ist eine Findungskommission, die wiederum der documenta-Aufsichtsrat vor jeder documenta neu einsetzt. Im aktuellen Fall haben acht Kunstexperten aus aller Welt Adam Szymczyk ausgewählt. Der Aufsichtsrat nickt den Vorschlag in der Regel ab. Die documenta-Geschäftsführerin hatte damit nichts zu tun. Annette Kulenkampff musste sich somit mit Szymczyk arrangieren.

Was passiert jetzt mit documenta-Leiter Szymczyk?

Szymczyks Tätigkeit in Kassel endet mit der Abwicklung der documenta 14. Es ist nicht zu erwarten, dass er sich in Kassel noch öfter blicken lässt. Dazu ist sein Verhältnis zur Stadt und zu den Menschen hier wohl zu angespannt. Intern heißt es, dass kaum einer mit ihm zurechtgekommen ist – vorausgesetzt, er war überhaupt mal vor Ort. In seinem Kasseler Büro soll er sehr selten gesichtet worden sein.

Seine Zukunft, so wird vermutet, liegt in Griechenland. Dort soll er nach taz-Infos ein Haus auf der Insel Hydra gekauft haben. Gemunkelt wird, dass er der neue Chef des Athener Emst-Museums werden könnte.

Das wäre keine Überraschung. Er ist der Vater der Idee, die documenta auch in Athen stattfinden zu lassen. Allerdings: Dem Vorhaben stimmte der Aufsichtsrat zu – und zwar einstimmig.

Was passiert jetzt mit documenta-Geschäftsführerin Kulenkampff?

Annette Kulenkampff ist die Geschäftsführerin der documenta

Ihr Vertrag läuft Ende 2018 aus. Dass er verlängert wird, ist sehr unwahrscheinlich, auch wenn Kulenkampff derzeit bemüht sein soll, für eine Zukunft bei der documenta zu kämpfen. Deshalb scheint auch ein Rücktritt ausgeschlossen.

Möglich ist aber, dass sie noch vor ihrem Vertragsende gehen muss. Allerdings könnte dann ein Vakuum an der Spitze der gemeinnützigen GmbH entstehen, bis ein Nachfolger gefunden ist. Das hat auch damit zu tun, dass Prokurist Frank Petri Anfang des kommenden Jahres in Ruhestand geht.

Wie lautet der Vorwurf gegen die documenta-Geschäftsführerin?

Die documenta-Geschäftsführerin hat Szymczyk nicht in den Griff bekommen und zu spät erkannt, dass die finanzielle Lage außer Kontrolle gerät. Noch im Juli 2017 sagte sie in einem Interview, dass es keine Probleme gäbe. Erst im August 2017 wurde sie dann beim Aufsichtsratsvorsitzenden vorstellig – ohne konkreten Plan, wie es weitergehen könnte. Es wird daher interessant sein, inwieweit ihr Handeln auch rein juristisch Folgen haben könnte.

Was ist mit Kassels ehemaligem Bürgermeister Hilgen?

Er war Oberbürgermeister der Stadt Kassel und Aufsichtsratsvorsitzender der documenta: Bertram Hilgen

Der im Juli 2017 aus dem Amt geschiedene Oberbürgermeister äußerte sich bisher nicht zur Situation. In einem seiner letzten Interviews als Oberbürgermeister verteidigte Hilgen aber die Entscheidung, als Aufsichtsratsvorsitzender der documenta Athen als Co-Standort nicht verhindert zu haben. Er sagte, sonst sei die documenta tot. Der künstlerische Leiter der Ausstellung müsse in seinem Handeln frei bleiben, betonte Hilgen damals.

Dem widerspricht nun sein Nachfolger Geselle, indem er fernab Hilgens Aussage von damals sagt: „Die Freiheit des künstlerischen Leiters ist ein hohes Gut, das ich auch weiter hochhalten werde. Aber diese Freiheit hat ihre Grenzen dort, wo sie die documenta selbst in Gefahr bringt.“ In der Tat kommt es heute so vor, als habe auch Bertram Hilgen - er war auch und Aufsichtsratsvorsitzender der documenta - nicht energisch genug eingegriffen, als die Idee mit Athen aufkam.

Etat für documenta von 1955 bis 2012 im Überblick

Nach der Budgetüberschreitung der documenta 14 haben wir hier die Zahlen der bisherigen Weltkunstausstellungen in Kassel zusammengefasst.

documenta 13 (2012): Etat: 24,6 Millionen Euro, 860.000 Besucher, über 300 Künstler, Leiterin: Carolyn Christov-Bakargiev. 

documenta 12 (2007): Etat: 19 Mio. Euro, 754.000 Besucher, 113 Künstler, 530 Werke, Leiter: Roger Buergel und Ruth Noack. 

documenta 11 (2002): Etat: 18 Mio. Euro, 651.000 Besucher, 116 Künstler, 450 Werke, Leiter: Okwui Enwezor. 

documenta 10 (1997): Etat: 25 Mio. DM, umgerechnet also etwa 12,8 Mio. Euro. 629.000 Besucher, 136 Künstler, 700 Werke, Leiterin: Catherine David. 

documenta 9 (1992): Etat: 8 Mio. Euro, 603.000 Besucher, 197 Künstler, 1000 Werke, Leiter: Jan Hoet. 

documenta 8 (1987): Etat: 5,2 Mio. Euro, 474.000 Besucher, 316 Künstler, 600 Werke, Leiter: Manfred Schneckenburger. 

documenta 7 (1982): Etat: 3,4 Mio. Euro, 379.000 Besucher, 180 Künstler, 1000 Werke, Leiter: Rudi Fuchs. 

documenta 6 (1977): Etat: 2,5 Mio. Euro, 340.000 Besucher, 620 Künstler, 2700 Werke, Leiter: Manfred Schneckenburger. 

documenta 5 (1972): Etat: 1,8 Mio. Euro, 230.000 Besucher, 217 Künstler, 820 Werke, Leiter: Harald Szeemann.

documenta 4 (1968): Etat: etwa eine Mio. Euro , 210.000 Besucher, 152 Künstler, 1000 Werke, Leiter: Arnold Bode.

documenta 3 (1964): Etat: 700.000 Euro, 200.000 Besucher, 352 Künstler, 1450 Werke, Leiter: Arnold Bode. 

documenta 2 (1959): Etat: 348 000 Euro, 134.000 Besucher, 339 Künstler, 1770 Werke, Leiter: Arnold Bode. 

documenta 1 (1955): Etat: 194 000 Euro, 130.000 Besucher, 148 Künstler, 670 Werke, Leiter: Arnold Bode. 

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