Corona-Schutz an Schulen

Impfpflicht für Lehrpersonal: Die zwei Seiten der Debatte

  • Mirja Mader
    VonMirja Mader
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Die Diskussion über eine Impfpflicht für bestimmte Berufsgruppen wird nicht nur in Deutschland geführt. Dazu gehört auch die Frage nach einer verpflichtenden Impfung an Schulen. Was dafür und dagegen spricht.

Hannover – Kinder unter zwölf Jahren können sich nicht impfen lassen. Für die älteren Kinder und Jugendlichen ist es von der Ständigen Impfkommission (STIKO) nicht in jedem Fall empfohlen. Auch wenn es selten zu schweren Verläufen kommt, können Schülerinnen und Schüler das Virus in ihrer Familie weitergeben. Alles Punkte, die Teil der Debatte um eine Impfpflicht für das Personal in Schulen ist. Aber was genau spricht dafür, was gegen eine verpflichtende Impfung von Schulpersonal?

Bundesland:Niedersachsen
Landkreis:Region Hannover
Einwohner:534.049 (31. Dez. 2020)
Stadtgliederung:51 Stadtteile in 13 Stadtbezirken

Der Deutsche Ethikrat hat sich zum Thema Impfpflicht für bestimmte Berufsgruppen in Zusammenhang mit der gerade für Frankreich beschlossenen Verpflichtung von Personal im Gesundheitsbereich* geäußert. Die Vorsitzende des Rats, Alena Buyx, hält eine Corona-Impfpflicht für bestimmte Berufsgruppen in Deutschland für unnötig. Im ZDF- „Morgenmagazin“ wies sie darauf hin, dass der Ethikrat zwar ganz vorsichtig erklärt habe, unter bestimmten Umständen könnte man über solche berufsbezogenen, sehr eng begrenzten Impfpflichten nachdenken.

Alena Buyx, Vorsitzende Deutscher Ethikrat, hält eine Impfpflicht für bestimmte Berufsgruppen in Deutschland für unnötig, da die Impfrate in den verschiedenen Tätigskeitsfeldern hoch ist.

„Allerdings würde ich sagen, dass diese Umstände gar nicht zutreffen“, betonte sie. „Wir haben viel bessere Impfraten bei den unterschiedlichen Berufsgruppen als beispielsweise in Frankreich. Beim Gesundheitspersonal und bei den Lehrerinnen und Lehrern haben wir wirklich super Impfraten. Deswegen glaube ich, brauchen wir das gar nicht.“ Etwas anders sieht das jedoch Ethikrat-Mitglied und Humangenetiker Wolfram Henn. Er forderte eine Corona-Impfpflicht für Beschäftigte in Schulen und Kitas.

Dieses Virus wird auf Dauer jeden Deutschen infizieren, der nicht geschützt ist durch eine Impfung.

Lothar Wieler, Präsident des Robert Koch-Instituts

Insgesamt haben in Deutschland inzwischen 58,5 Prozent mindestens eine Erstimpfung. 42,6 Prozent der Gesamtbevölkerung sind vollständig geimpft. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hatte angekündigt, dass sich alle erwachsenen Impfwilligen im Juli das erste Mal impfen lassen können. Für Kinder und Jugendliche, die älter als zwölf Jahre sind, soll bis Ende August mindestens die erste Impfung möglich gemacht werden. Für alle Nichtgeimpften hatte der Präsident des Robert Koch-Instituts, Lothar Wieler, vorausgesagt: „Dieses Virus wird auf Dauer jeden Deutschen infizieren, der nicht geschützt ist durch eine Impfung.“

Was für eine Impfpflicht für Lehrer und Erzieher spricht

Wolfram Henn argumentiert für eine Impfpflicht, indem er erklärt, dass diejenigen die sich für einen Beruf entschiedenen, der sie „in eine Gruppe vulnerabler Personen“ bringt, der habe auch eine entsprechende berufsbezogene Verantwortung. Lehrendes und erziehendes Personal sollte daher besonders Kinder unter zwölf Jahren schützen, wie er der „Rheinischen Post“ sagte. Hintergrund ist, wie eingangs erwähnt, dass es keine Möglichkeit für diese Altersklasse gibt, sich impfen zu lassen. Für sie ist kein Impfstoff zugelassen.

Humangenetiker Wolfram Henn spricht sich für eine Impfpflicht von Lehrpersonal aus, da man damit rechnen müsse, dass Kinder aus der Schule heraus das Virus in ihre Familien tragen und Menschen aus Risikogruppen infizieren.

Man müsse damit rechnen, dass Kinder „das Virus in ihre Familien tragen und Menschen aus Risikogruppen infizieren“. Henn nannte als Beispiele Krebspatienten, die wegen ihrer Therapien noch nicht geimpft werden konnten. Diese Gruppe müsse durch eine Impfpflicht bestimmter Berufsgruppen geschützt werden, so Henn.

Wer sich aus freier Berufswahl in eine Gruppe vulnerabler Personen hineinbegibt, trägt eben besondere berufsbezogene Verantwortung.

Wolfram Henn, Humangenetiker und Mitglied des Deutschen Ethikrats

Ganz grundsätzlich ist eine Impfpflicht in Deutschland möglich. Sie wird jedoch selten genutzt. Seit März 2020 ist ein Nachweis einer Immunisierung gegen Masern für Kinder bei der Aufnahme in Kitas und Schulen vorgeschrieben. Für Lehr- und Erziehungskräfte gilt diese Pflicht auch. Laut Infektionsschutzgesetz kann das Bundesgesundheitsministerium anordnen, „dass bedrohte Teile der Bevölkerung“ an Schutzimpfungen teilzunehmen haben. Der Vorsitzende des Weltärztebundes, Frank Ulrich Montgomery, unterstützt eine Impfpflicht für bestimmte Berufsgruppen. Auch „Ärzte und Schwestern“ sollten geimpft sein, sagte er der Funke Mediengruppe.

Was gegen eine Impfpflicht für Lehrer und Erzieher spricht

Alena Buyx erklärte zur Forderung ihres Ethikrat-Kollegens , dass dieser für sich spreche. „Ich glaube nicht, dass das kommt, weil wir das wirklich nicht brauchen werden“, ist hingegen ihre Ansicht zur Impfpflicht beim Schul- und Kita-Personal. Direkte Kritik an der Forderung gab es vom Verband Bildung und Erziehung. „Was wir jetzt nicht brauchen, ist eine Diskussion über eine Impfpflicht für eine Berufsgruppe, die mit überwältigender Mehrheit geimpft ist“, sagte der Chef der Gewerkschaft, Udo Beckmann.

Was wir jetzt nicht brauchen, ist eine Diskussion über eine Impfpflicht für eine Berufsgruppe, die mit überwältigender Mehrheit geimpft ist

Udo Beckmann, Chef der Gewerkschaft

Lehrkräfte, Erzieherinnen und Erzieher hätten der Impfung entgegengefiebert. Die meisten hätten ihr Impf-Angebot angenommen. Die Impfquote liege teils bei 90 Prozent. Beckmann mahnte: „Wenn aus gesundheitlichen Gründen keine Impfung möglich ist, darf dies nicht in einem Berufsverbot enden.“

Niedersächsische Landesregierung und Bundesregierung sehen keine Notwendigkeit einer Pflicht

Auch die stellvertretende Leiterin des niedersächsischen Corona-Krisenstabs, Claudia Schröder, erklärt: „Wir brauchen so eine Impfpflicht nicht.“ In den anderen Ländern gebe es diese vor dem Hintergrund, dass die Impfquote in den betroffenen Berufsgruppen zu niedrig ist. „90 Prozent der Lehrkräfte in Niedersachsen sind erstgeimpft, 75 Prozent der Lehrkräfte ist zweit geimpft. In den Grundschulen und Kitas ist die Quote sogar noch höher, sagte sie am Dienstagnachmittag in Hannover. Man müsse sich auch bei diesen Berufsgruppen bedanken. „Wir brauchen keine Impfpflicht, weil sie alle ihre Verantwortung wahrnehmen.“

Eine Impfpflicht wird auch von der Bundesregierung abgelehnt.

Auch die Bundesregierung lehnt Impfpflichten ab. Alle Menschen seien aufgerufen, sich impfen zu lassen - auch Lehr- und Erziehungskräfte, sagte ein Sprecher von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU). „Es wird keine Impfpflicht geben.“ SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach sagte den Funke-Zeitungen. „Eine solche Impfpflicht lehne ich ab.“ Da müsse die Politik Wort halten. Eine allgemeine Impfpflicht hatte auch Henn abgelehnt.

„Wir haben gesagt, es wird keine Impfpflicht geben“, erklärte auch die scheidende Bundeskanzlerin Angela Merkel nach ihrem Gespräch mit Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und dem Präsidenten des Robert Koch-Instituts, Lothar Wieler, am Dienstag in Berlin*. Wieler bestätigte zudem, dass die Impfbereitschaft nach Umfragen des RKI bei mehr als 80 Prozent liege. Eine Impfpflicht sei daher auch aus wissenschaftlicher Sicht nicht notwendig. Stattdessen müsse die Impfung „noch besser zu den Menschen gebracht werden“. Es gebe viele Menschen, die sich gerne impfen lassen würden, aber aus unterschiedlichen Gründen nicht zum Arztgehen. Mit entsprechenden „aufsuchenden Impfangeboten“ seien die Impfquoten durchaus realistisch und erreichbar.

Bitte lassen Sie sich impfen.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU)

Spahn betonte, dass bis zum Ende des Sommers alle Impfwilligen in Deutschland ein Impfangebot bekommen werden. Wenn es so weitergehe, könne auch bis zum Ende des Sommers jeder seine Zweitimpfung bekommen. „Bitte lassen Sie sich impfen“, appellierte der Bundesgesundheitsminister. „Jede individuelle Entscheidung für eine Impfung hilft uns als Nation zu einer neuen Normalität zu finden“, erklärte der Minister. Zudem mahnte der Gesundheitsminister zu besonderer Rücksicht für die Kinder und Jugendlichen in Deutschland. Die Wirkung und Risiken der Impfungen seien weitgehend bekannt, nicht aber die einer Corona-Infektion und möglicher Langzeitwirkungen.

Niedersachsen plant Sonderaktion zur Impfung von Kindern und Jugendlichen ab zwölf Jahren

In Niedersachsen sei für den 18. Juli eine Sonderaktion für Kinder und Jugendliche ab zwölf Jahre geplant. Es gebe viele Anfragen von Eltern, die ein Problem hätten, einen Termin für ihr Kind zu bekommen, erklärte Claudia Schröder am Dienstag in Hannover. Aus diesem Grund könne ab heute über die Hotline direkt ein Termin für den kommenden Sonntag gemacht werden. Auch die Bindung an das „Heimat-Impfzentrum“ sei für diesen Tag aufgehoben, so, dass jeder junge Mensch, der sich impfen lassen möchte, die Möglichkeit bekommen kann.

Die STIKO hat eine andere Perspektive auf das Thema und stellt die Frage, warum sich nicht alle Erwachsenen impfen lassen.

Claudia Schröder, stellvertretende Leiterin des niedersächsischen Corona-Krisenstabs

Auf Nachfrage erklärte die stellvertretende Leiterin, dass es keinen Grund für Bedenken in Haftungsfragen bei der Impfung geben müsse. Der Impfstoff von Biontech/Pfizer sei für Kinder ab zwölf Jahren zugelassen, auch wenn die STIKO-Empfehlung nicht grundsätzlich für alle Personen dieser Altersklasse ausgesprochen wurde, sondern für jene mit einer Vorerkrankung. „Die STIKO hat eine andere Perspektive auf das Thema und stellt die Frage, warum sich nicht alle Erwachsenen impfen lassen“, erklärt Schröder. Wäre das der Fall, würde es keine Notwendigkeit geben, auch die Kinder zu impfen. „Wenn wir alle gemeinsam in den Herbst gehen und das Ausmaß der Maßnahmen möglichst begrenzen wollen, dann ist es in unser aller Interesse, dass sich jeder und jede impfen lässt.“, sagte Schröder. 

Luftfilter zur Erhöhung des Schutzes in Schulen

Für Schulen sollen nun voraussichtlich verstärkt Luftfilter angeschafft werden. Laut Bundeswirtschaftsministerium gibt es Gespräche über eine Ausweitung des Bundesprogramms zu ihrer Förderung. Bisher fördert der Bund nur den Einbau fester Anlagen. Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) hatte mitgeteilt, Bund und Länder arbeiteten an einem Programm für mehr solcher Filter in Klassenzimmern. Die Länder würden beraten, wie man die Bundesförderung ergänzen könne, so der Kanzlerkandidat der Union in der ARD.

Der Bundeselternrat forderte zudem, Luftfilter nicht auf Klassen mit Kindern bis zwölf Jahre zu beschränken. „Wenn das nicht bis zum Beginn des neuen Schuljahres umgesetzt werden kann, müssen wenigstens größere Räumlichkeiten zur Verfügung stehen, damit die Schüler nicht noch einmal dem Modell des Wechselunterrichts ausgesetzt sind“, sagte Vizechefin Ines Weber den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Gewerkschafts-Chef Beckmann sagte, es sei die Verantwortung der Politik, „alle technischen Möglichkeiten in Kitas und Schulen auszuschöpfen, um alle in Schule und Kita befindlichen Personen vor Infektionen zu schützen“.

Für Schulen sollen nun voraussichtlich verstärkt Luftfilter angeschafft werden.

Lehrerverbands-Präsident Heinz-Peter Meidinger warnte vor einer vierten Corona-Welle mit enormen Dimensionen. Zu RTL/ntv sagte er, dass neben Maskenpflicht und Schnelltestungen Filteranlagen wichtig seien. „Ich bin aber skeptisch, ob das allein ausreicht, Schulen mit Sicherheit offenzuhalten.“ Entscheidend würden die Fortschritte bei der Impfung von Kindern und Jugendlichen sein. Eine Durchseuchung dieser bislang weitgehend ungeimpften Altersgruppe drohe auch außerhalb der Schulen.

Der „Augsburger Allgemeinen“ sagte er, dass nach Kenntnis des Verbandes die Impfbereitschaft bei Lehrkräften sehr hoch sei. Die Quote der bereits erstgeimpften Lehrkräfte in einigen Bundesländern liege bei nahe 90 Prozent. Die Hauptinfektionsgefahr für die Kinder und Jugendlichen drohe also nicht von Erwachsenen und schon gar nicht von Lehrkräften, sondern von Gleichaltrigen, sagt Meidinger. Mit Material der dpa. *kreiszeitung.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Transparenz-Hinweis: Nach der Pressekonferenz des niedersächsischen Corona-Krisenstabs am Dienstagnachmittag wurde der Artikel am 13. Juli 2021, um 14.58 Uhr, aktualisiert.

Rubriklistenbild: © Annette Riedl / picture alliance / dpa

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