Polizisten brutal gegen 15-Jährigen

„Drecksblatt“ Bild-Zeitung hetzt gegen Teenager aus Hamburg – Chefredakteur Reichelt kassiert Shitstorm auf Twitter

Das Beweis-Video eines Übergriffs von Hamburger Polizistinnen und Polizisten gegen einen 15-jährigen Jungen empört ganz Deutschland. Auf Twitter wird unter dem Hashtag „Drecksblatt“ die Berichterstattung der „Bild“ hart kritisiert, die den 15-jährigen Hamburger Kadir H. als „Boxer“ titulierte.

  • Polizei Hamburg* geht brutal gegen 15-Jährigen vor.
  • Kadir H. wird von „Bild“ als „Boxer“ bezeichnet.
  • Hashtag Drecksblatt: Twitter-User zerlegen Berliner Boulevard-Medium.

Hamburg-Mitte – Die Hamburger Polizei macht seit Sonntag, 16. August 2020 im negativen Sinne von sich reden. Im Netz kursiert ein Video, das Ordnungshüter zeigt, die körperliche Gewalt gegen den 15-jährigen Kadir H. anwenden wollen. Dieser soll „mit einem Elektro-Roller wiederholt verbotswidrig den Gehweg benutzt“ haben, heißt es vonseiten der Polizei Hamburg. Die „Bild“ bezeichnete den Minderjährigen als „Boxer“ und wird auf Twitter hart in die Mangel genommen.

Zeitung:Bild
Redakteur:Julian Reichelt
Hauptsitz:Berlin
Veröffentlichung:1952
Verkaufte Auflage:1.241.142 Exemplare
Inhaber(in):Axel Springer SE
Auszeichnungen:LeadAward für Porträtfotografie des Jahres u.v.m.
Julian Reichelt, Chefredakteur der Bild-Zeitung, verantwortet die Bloßstellung dieses Jugendlichen vor ganz Deutschland – auf Twitter trendet die Bild-Zeitung deshalb nur mehr mit dem Hashtag „Drecksblatt“. (24hamburg.de-Montage)

Hamburger Polizei versus Kadir H. – „Bild“ nennt Minderjährigen einen „Boxer“ und kassiert Twitter-Shitstorm

Ein Stadtteilpolizist wollte den Jugendlichen am Sonntagmittag, 16. August 2020 in Hamburg-Neustadt kontrollieren. Schon in der Vergangenheit soll der Junge mehrmals mündlich verwarnt worden sein. Als der 15-Jährige sich nicht ausweisen wollte und seine Identität dementsprechend nicht festgestellt werden konnte, rief der Beamte nach Verstärkung. Zunächst kamen drei weitere Polizisten hinzu, das Quartett durchsuchte die Sachen von Kadir H. erfolglos nach Ausweispapieren.

Der Jugendliche habe sich „beim Eingreifen durch die Einsatzkräfte“ gesperrt, soll mit den Armen um sich geschlagen, Beamte weggeschubst und seine Faust geballt haben. Erneut wurden weitere Beamte zur Unterstützung gerufen, an dieser Stelle setzt das besagte Video ein. Zu sehen ist, wie die Polizisten „mit einfacher körperlicher Gewalt gegen den sehr großen und starken Jugendlichen vorzugehen“ versuchen, schreibt die Hamburger Polizei.

Kadir H. wird mehrfach angedroht, dass gegen ihn Pfefferspray eingesetzt werden könnte. Dies geschieht auch. Kurz darauf führen die Polizisten den Jugendlichen zu Boden und fesseln ihn. Die Einsatztechniken erfolgten jedoch „so kontrolliert, dass es dem Jugendlichen jederzeit möglich war, zu atmen“, heißt es von der Polizei Hamburg. Anschließend wurde der 15-Jährige zum Polizeikommissariat gebracht.

Twitter-User „Klaubautermann“ rechnet unter dem Hashtag #Drecksblatt mit der „Bild“-Zeitung ab. (Screenshot)

Auf den diversen Social Media-Diensten ist in den Folgetagen hitzig und intensiv über den Polizeieinsatz diskutiert worden. Auch, da die „Bild“ den Vorfall in ihrer Berichterstattung aufgriff und titelte: „Kontrolle in der Neustadt eskaliert: Boxer (15) verliert gegen acht Polizisten“ (hinter Paywall). Dies führte und führt zu kontroversen Diskussionen auf Twitter. Unter dem Hashtag #Drecksblatt wird sich ganz ungeniert über die Boulevardzeitung ausgelassen.

„Bild“ wird unter Hashtag „Drecksblatt“ fertiggemacht – Hamburger Polizeieinsatz wird hitzig diskutiert

So heißt es unter anderem:„#Bild ist ein rassistisches Drecksblatt. Die Klientel passt dazu“. Oder aber auch: „Die Bild bleibt sich treu und stellt die Fälle, in denen diese Woche Jugendliche von mehreren Polizisten brutal angegangen wurden, jetzt einen nach dem anderen so dar, als seien sie halt selbst schuld gewesen“. Grundsätzlich positioniert sich die Mehrheit der Twitter-User gegen das Boulevard-Medium und geizt nicht mit Beleidigungen, hämischen Kommentaren und sachdienlichen Hinweisen der Marke „drecksblatt in den trends, sofort wissen wir es geht um die blöd zeitung“.

Auch Chefredakteur Julian Reichelt, der die Überschrift letztendlich freigegeben haben muss, bekommt sein Fett weg. Er sei „verantwortlich für solche Schlagzeilen. Wer dachte nach Lügen über Drosten und Rezo wäre der Tiefpunkt erreicht, wird eines Schlechteren belehrt“, schießen sich diverse Twitter-User auf den gebürtigen Hamburger ein.

Pikant: auf den Videoaufnahmen ist deutlich zu sehen, wie sich der 15-jährige Junge vor einer Wand mit dem Schriftzug „I can‘t Breathe“ befindet. Dieses Graffiti ist Anlehnung an die Polizeigewalt in den USA und dem brutalen Mord am Afroamerikaner George Floyd* entstanden, dessen Fall auch schon in der ZDF-Talkshow von Markus Lanz diskutiert wurde*. Der jugendliche Elektro-Roller-Fahrer schreit in dem Video „Ich krieg keine Luft, ich krieg keine Luft“, wodurch eine erschreckende Parallele zur Szenerie in Amerika entsteht.

Eine Zeugin ruft daraufhin: „Was tut ihr ihm an, er kriegt keine Luft“. Dann zückt ein Beamter einen Schlagstock. Im Nachhinein sagte der Jugendliche der „Bild“, dass er Asthma habe und deshalb keine Luft mehr bekommen habe. Der Hamburger Polizei wird nicht zuletzt deswegen unverhältnismäßige Gewalt vorgeworfen. Der „NDR“ zitiert die Flüchtlingshilfeorganisation Seebrücke, die den Vorfall in einer Reihe von Übergriffen einordnet, „die immer wieder von der Hamburger Polizei gegen Person of Color verübt werden“.

Die Gewerkschaft der Polizei wiederum erklärt, keine Form von „Polizeigewalt“ in dem entsprechenden Video zu sehen. „Bei der öffentlichen Diskussion sehen wir aber Tendenzen, die zu einer Schwächung des Rechtsstaates führen können. Beinahe hat man das Gefühl, Polizeigewalt und latenter Rassismus sollen um jeden Preis herbeigeschrieben werden“. Der Hamburger Innensenator Andy Grote (SPD)*, der teuer für eine Coronavirus-Party zahlen musste*, warnt vor reflexartigen Vorverurteilungen. Er hat einen klaren Standpunkt: „Niemand darf sich durch schlichte Gegenwehr einer rechtmäßigen polizeilichen Maßnahme entziehen können“.

„Bild“-Zeitung reduziert Kadir H. auf Stereotype – Debatte um Hamburger Polizei entfacht

Letztendlich prallen in der Debatte rund um den Polizeieinsatz verschiedene Standpunkte aufeinander. Zum einen wird das augenscheinlich rüde Vorgehen der Beamten an den Pranger gestellt, die zunächst mit verbaler Kommunikation auf Kadir H. einwirken wollten. Dieser ist 1,85 Meter groß, boxt in einem Verein und zeigte sich als sehr widerstandsfähig. Erst als Pfefferspray eingesetzt wurde, konnte er überwältigt werden.

Zum anderen wird argumentiert, dass sich der 15-Jährige schlichtweg nicht an geltende Regeln gehalten und die Aufforderungen der Polizeibeamten rigoros ignoriert habe. Hinzu kommt die zugespitzte Berichterstattung der „Bild“, die in ihrer Formulierung eindeutig Partei ergreift und Kadir H. einem bestimmten Stereotypen zuordnet.

Die Diskussionen hierüber werden auf Twitter in nächster Zeit wohl nicht abebben, ist doch allerhand Konfliktpotential gegeben. Wie auch schon im Fall der „Taz“-Journalistin Hengameh Yaghoobifarah, die eine umstrittene Kolumne veröffentlicht hatte, in der sie über die Abschaffung der Polizei sinniert*. Die Reaktionen auf ihren Artikel verliefen in beide Extreme. * 24hamburg.de und merkur.de sind Teil des Ippen-Digital-Netzwerks.

Rubriklistenbild: © Bernd von Jutrczenka/dpa & Johannes A. Rosenburg/YNXMC/24hamburg.de

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