Soziale Ängste und Depressionen

Experten warnen: Kinder und Jugendliche sind Verlierer der Corona-Pandemie

  • Maria Sandig
    VonMaria Sandig
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Kinder und Jugendlichen seien die „Verlierer“ der Corona-Pandemie, sind sich Experten sicher. Probleme wie soziale Ängste und Depressionen haben zugenommen.

Kinder und Jugendliche leiden wie alle anderen unter der Corona-Pandemie. Doch nicht nur das Lernen von Zuhause und das Fehlen sozialer Kontakte machen ihnen zu schaffen. Auch Kinder können schwere Covid-19-Verläufe entwickeln.

Nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) haben sich in Deutschland bislang 529.027 Minderjährige mit dem Virus infiziert, 73 Prozent der jungen Menschen hatten Symptome. Die Bundesregierung scheint über sie noch wenig zu wissen. Das geht aus der Antwort auf eine Kleine Anfrage der Grünen im Bundestag hervor, über die der SPIEGEL kürzlich berichtete.

Corona-Pandemie: Rund zwei Drittel aller Kinder spüren seelische Belastung

Über Fälle von durch die Pandemie bedingten psychischen oder psychosomatischen Erkrankungen habe die Regierung keine näheren Erkenntnisse. Dabei gibt es einige Studien und Umfragen, die auf einen Anstieg von psychischen Problemen bei Kindern und Jugendlichen während der Pandemie aufzeigen. Die Pandemie verlangt den jungen Menschen einiges ab. Von der Politik wünschen sie sich mehr Beteiligung und weniger Diffamierung.

In der Antwort weist das Gesundheitsministerium auf die Copsy-Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) hin, die zu dem Ergebnis gekommen ist, dass rund zwei Drittel aller Kinder während der Coronakrise seelische Belastungen spüren.

Die Folgen der Corona-Einschränkungen machen sich auch bei Kindern bemerkbar. Besonders psychische Probleme nehmen zu.

Geschlossene Kitas, Home-Schooling, Kontaktbeschränkungen - das war für die Kinder und Jugendlichen lange Alltag in der Corona-Krise. Die Folgen dieser und weiterer der Corona-Einschränkungen machen sich bemerkbar: Probleme wie soziale Ängste und Depressionen hätten massiv zugenommen, sagt auch Roberto Priore, Leiter der Verwaltung des Jugendamtes der Stadt Offenbach in Hessen.

Wie die Lage in Niedersachsen ist, bleibt unklar. „Das Landesjugendamt hat keine konkreten Daten über Diagnosen oder die Anzahl von betroffenen Kindern und Jugendlichen, bei denen bestimmte Diagnosen wie soziale Ängste oder Depressionen diagnostiziert wurden“, sagte Sylvia Tolloch vom Niedersächsischen Landesamt für Soziales, Jugend und Familie auf Anfrage der Kreiszeitung. * Diese Daten könnten allenfalls über die Diagnoseschlüssel der Krankenkassen erhoben werden.

Durch die Corona-Pandemie ist der psychotherapeutische Beratungs- und Behandlungsbedarf bei Kindern und Jugendlichen stark gestiegen. 

Detlef Haffke, Kassenärztliche Vereinigung Niedersachsen (KVN)

Konkrete Zahlen könne auch die Kassenärztliche Vereinigung Niedersachsen (KVN) auf Anfrage von Kreiszeitung.de aktuell nicht liefern. „Durch die Corona-Pandemie ist der psychotherapeutische Beratungs- und Behandlungsbedarf bei Kindern und Jugendlichen stark gestiegen. Kinder und Jugendliche mit psychischen Erkrankungen infolge der Corona-Pandemie brauchen schnelle Hilfe und dürfen nicht auf die Wartebank geschoben werden, sonst manifestieren sich die Probleme“, sagt Detlef Haffke von der KVN.

Insbesondere Kinder und Jugendliche, die bereits vor der Corona-Pandemie psychisch erkrankt waren, sowie Kinder aus sozial benachteiligten Familien habe die Pandemie besonders hart getroffen. „Unterstützungsangebote konnten während der Corona-Pandemie nicht fortgesetzt werden“, weiß Haffke.

Bei der Umsetzung des „Aufhol-Programms“ des Bundes dürfe nicht nur das Aufholen schulischer Lerndefizite im Mittelpunkt stehen. „Die Maßnahmen müssen die psychische Gesundheit in den Lebenswelten der Kinder stärken. Das muss gezielte Sport-, Freizeit- und Kulturangebote einschließen“, sagt der Vertreter der KVN.

Niedrigschwellige Beratungsangebote der Jugendhilfe sollten in seinen Augen ausgebaut werden. Erziehungs- und Familienberatungsstellen seien häufig die ersten Anlaufstellen, wenn es familiäre Probleme gibt und Kinder psychische Beschwerden haben. Haffke: „Um Kindern und ihren Familien passgenaue Unterstützung zukommen zu lassen, sollten außerdem die Kooperation zwischen Mitarbeitenden der Jugendhilfe und den behandelnden ärztlichen und psychologischen Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten gestärkt werden.“

Landesjugendamt und Sozialministerium: Aktuelle Zahlen aus Niedersachsen gibt es nicht

„Die Pandemie und die Maßnahmen zu Ihrer Eindämmung haben alle Bürger, aber insbesondere Kinder- und Jugendliche erheblich belastet. Eine vergleichbare Situation gab es in der bundesdeutschen Geschichte bisher nicht. Über Langzeitfolgen kann es daher noch keine aktuellen Zahlen geben“, sagt Manfred Böhling von der Pressestelle
des Niedersächsischen Ministerium für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung.

Zu unterscheiden seien die möglichen körperlichen Folgen einer Corona-Infektion und die etwaigen psychischen Folgen und Belastungen der Einschränkungen, auch für Kinder. „Aktuelle Untersuchungen erfassen etwa die psychische Belastung, die sich in seelischen Symptomen wie Depressivität und Angst äußert. Diese Symptome sind allerdings nicht gleichzusetzen mit psychiatrischen Erkrankungen.“ Aktuelle Untersuchungen aus Niedersachsen dazu gebe es dazu nicht.

Minderjährige, die bislang Covid-19 hatten529.027
davon mit Symptomen73 Prozent
Impfquote Minderjährige in Niedersachsen (eine Impfung)3 Prozent
Impfquote Minderjährige in Niedersachsen (beide Impfungen) 1 Prozent

„Auch unabhängig von der Pandemie sind Kinder mit niedrigem sozioökonomischem Status und Kinder von Eltern mit psychischen Problemen besonders belastet“, sagt Böhling. Beispielhaft nennt er die Copsy-Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf in Hamburg oder die Studie der Leopoldina zu Kinder und Jugendlichen in der Coronavirus-Pandemie.

Auf verschiedenen Ebenen laufen nach seinen Aussagen derzeit Initiativen, die Unterstützung, aber „hoffentlich auch mehr Klarheit“ bringen, um die Covid-Folgen besser einschätzen und ihnen begegnen zu können. „Auch der Beschluss der jüngsten GesundheitsministerInnen-Konferenz nimmt die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Folge der diversen Einschränkungen gezielt in den Blick und regt ein ganzes Maßnahmenbündel zur Bewältigung der Folgen an“, sagt Böhling.

In Deutschland ist laut Prof. Tillmann Krüger von der Medizinischen Hochschule Hannover die Resilienz der Bevölkerung gut ausgeprägt. Resilienz beschreibt die Fähigkeit, mit Krisensituationen umzugehen. Aber es gebe „vulnerable Gruppen“: Kinder und Jugendliche, außerdem Menschen mit schlechterem Einkommen und schlechterer Bildung, seien die „Verlierer“ der Pandemie.

Dies betrifft insbesondere Kinder und Jugendliche, die vorher schon psychisch belastet waren, sowie solche, deren Familien über wenig soziale und finanzielle Unterstützungsmöglichkeiten verfügen.

Sabine Maur, Präsidentin der Landespsychotherapeutenkammer Rheinland-Pfalz

Die internationale Studie „Covid Kids“ der Universitäten Tübingen und Luxemburg hat das Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen während der Corona-Pandemie untersucht. Erste Studienergebnisse zeigen, dass die Lebenszufriedenheit der Kinder und Jugendlichen massiv zurückging. Nur noch knapp die Hälfte gab an, mit ihrem Leben zufrieden zu sein. Gut 53 Prozent der befragten deutschen Grundschulkinder bemängelten zudem den seltenen Kontakt zu ihren Lehrerinnen und Lehrern während der Schulschließungen vor den Sommerferien.

Die Corona-Pandemie belastet nach Einschätzung der rheinland-pfälzischen Psychotherapeuten viele Jungen und Mädchen. „Dies betrifft insbesondere Kinder und Jugendliche, die vorher schon psychisch belastet waren, sowie solche, deren Familien über wenig soziale und finanzielle Unterstützungsmöglichkeiten verfügen“, sagte die Präsidentin der Landespsychotherapeutenkammer Rheinland-Pfalz, Sabine Maur.

Wartezeiten für Therapieplätze haben deutlich zugenommen

Die Anfragen nach Therapieplätzen und damit die Wartezeiten hätten deutlich zugenommen. „Die Krankenkassen sollten hier Entlastung schaffen durch die Bewilligung der Kostenerstattung“, forderte Maur. Insgesamt seien mehr psychosoziale Unterstützungs- und Entlastungsangebote für Familien notwendig, um auch die psychische Belastung zu verringern.

„Bei jüngeren Kindern tragen vor allem die Eltern die Betreuungslast parallel zur eigenen Berufstätigkeit“, sagte Maur. „Jugendliche sind häufig belastet durch das fehlende soziale Miteinander, die Einsamkeit zu Hause, den Wegfall einer Tagesstruktur, Probleme in der Selbstorganisation des Homeschoolings, den Wegfall von positiven Aktivitäten wie Hobbys und Sport, sowie durch Ängste vor Erkrankungen von Angehörigen.“ Dazu kämen auch Kinder und Jugendliche, die einen Elternteil durch eine Corona-Erkrankung verloren hätten. Wie wieder Struktur in das Familienleben kommt. * kreiszeitung.de und 24hamburg.de sind Angebote von IPPEN.MEDIA.
Mit Material der dpa

Rubriklistenbild: © Christian Beutler/ dpa

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