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„Virologischer Tunnelblick“: Epidemiologe kritisiert die deutsche Corona-Strategie

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Von: Janine Napirca

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Wie erfolgreich ist Deutschland wirklich durch die Corona-Pandemie gekommen und was sollte man bei zukünftigen Pandemien besser machen?

München - Nach zwei Jahren, die geprägt vom Coronavirus und den damit einhergehenden Maßnahmen wie zum Beispiel Lockdowns waren, steht man vor der Frage: Wie gut sind wir wirklich durch die Corona-Pandemie gekommen? Welche Fehler sollten bei zukünftigen, vergleichbaren Szenarien vermieden werden? Und welche Auswirkungen werden uns noch eine ganze Weile lang begleiten?

In einem Interview mit Welt.de kritisiert der Arzt und Epidemiologe Martin Sprenger das Corona-Krisenmanagement in Deutschland und Österreich. Im Jahr 2020 war er Mitglied der Corona-Taskforce des Gesundheitsministeriums in Österreich. In seinem Buch „Corona – Des Rätsels Lösung?“ analysiert Sprenger politische Entscheidungen und die im Vergleich zu Skandinavien strengen Maßnahmen.

Virologischer Tunnelblick: Hätte man die Corona-Pandemie gesamtgesellschaftlicher betrachten müssen?

Der Epidemiologe kritisiert, „dass uns der medizinisch-virologische Tunnelblick viele blinde Flecken, viele unerwünschte Nebenwirkungen beschert hat“ und man sich mehr auch auf andere Faktoren hätte fokussieren müssen. Viele gesundheitliche und psychosoziale Effekte seien zugunsten der virologischen Betrachtungsweise ausgeblendet worden, obwohl Sozial- und Gesundheitswissenschaftler von Anfang an auf diese Folgen hingewiesen hätten. Anstatt die Bedenken ernst zu nehmen, seien sie aber häufig „diffamiert und als Maßnahmenkritiker diskreditiert“ worden, sagte Sprenger.

Corona: Waren Schulschließungen ein Fehler?

So seien beispielsweise die langen Schulschließungen in Deutschland ein Fehler gewesen. Im Interview erklärt der Epidemiologe: „Dass man in Österreich und Deutschland zum Beispiel nicht schon früh erkannt hat, dass es nicht sinnvoll ist, Schulen zu schließen, ist ein Armutszeugnis.“ Zum Vergleich: In den skandinavischen Ländern seien die Schulen, wenn überhaupt, nur kurz geschlossen gewesen.

Corona-Maßnahmen: Welche Langzeitfolgen haben sie auf Kinder und Jugendliche?

Sprenger spricht im Interview von gravierenden Folgen, die sich dauerhaft auf Kinder und Jugendliche auswirken können. Aufgrund der Maßnahmen, welche die Corona-Pandemie eindämmen sollten, hätten wohl einige Unter-20-Jährige mit Problemen zu kämpfen.

Wenn nur jeder hundertste Unter-20-Jährige Suchtprobleme, Bildungsdefizite, psychische oder andere Probleme entwickelt, übergewichtig wird, dann sind das enorm viele gesunde Lebensjahre, die verloren gehen.

Martin Sprenger, Arzt und Epidemiologe

Er geht von dramatischen Folgen für Kinder und Jugendliche aus: „Wenn nur jeder hundertste Unter-20-Jährige Suchtprobleme, Bildungsdefizite, psychische oder andere Probleme entwickelt, übergewichtig wird, dann sind das enorm viele gesunde Lebensjahre, die verloren gehen.“

Zwei übergewichtige Jungs mit Spielekonsole schlafen auf dem Sofa.
Die Corona-Maßnahmen haben besonders für Kinder und Jugendliche gravierende Folgen, wie beispielsweise Übergewicht. (Symbolbild) © Moodboard/Imago

Corona-Pandemie: Sprenger kritisiert „Schwarz-Weiß“-Denken

Sowohl in Österreich als auch in Deutschland sei die Corona-Pandemie sehr früh politisiert und von Parteien für ihre Zwecke missbraucht worden. Sprenger spricht vom „Schwarz-Weiß“-Denken und dass stets Schuldige gesucht worden seien. „Mal waren es die Jugendlichen, die Ausländer oder die EU, dann ein Pharmakonzern und schließlich die Ungeimpften. In der polarisierenden Betrachtung sind wir bis heute verblieben.“

Mal waren es die Jugendlichen, die Ausländer oder die EU, dann ein Pharmakonzern und schließlich die Ungeimpften. In der polarisierenden Betrachtung sind wir bis heute verblieben.

Martin Sprenger, Arzt und Epidemiologe

So seien in Skandinavien auch keine Begriffe wie Corona-Leugner, Querdenker oder Verschwörungstheoretiker benutzt worden. Der Epidemiologe erklärt, man dürfe nicht einfach pauschal Bevölkerungsgruppen, Stimmen aus der Wissenschaft oder kritische Journalisten verunglimpfen.

Corona: Diese Fehler sollten bei zukünftigen Pandemien vermieden werden

Vielmehr schlägt der Epidemiologe vor, aus der Corona-Pandemie zu lernen und zukünftig souveräner mit vergleichbaren Szenarien umzugehen. Es brauche einen vernünftigen Umgang mit Infektionskrankheiten. So solle man beispielsweise die Situationen in Wartezimmern und Ambulanzen beibehalten, damit künftig nicht mehr Erkrankte dicht neben Risikopatienten in einem ungelüfteten Raum verharren. Es sollte seiner Ansicht nach selbstverständlich sein, nicht zur Arbeit zu gehen, wenn man krank ist. Gleiches gelte für kranke Kinder, die nicht in den Kindergarten oder in die Schule gehen sollten. Was allerdings nicht bedeute, dass man „gesunden Kindern täglich mit einem Wattestäbchen in der Nase herumbohrt“. (jn)

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