Lockdown
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Geschlossenes Geschäft in Stuttgart. Die Corona-Pandemie hinterlässt massive Spuren in Europas größter Volkswirtschaft. Foto: Tom Weller/dpa

Schwere Rezession

«Katastrophenjahr 2020» - Corona trifft Wirtschaft mit Wucht

Konjunkturabsturz und Haushaltsdefizit: Die Corona-Pandemie hinterlässt 2020 tiefe Spuren in Europas größter Volkswirtschaft. Trotz des aktuellen Lockdowns rechnet die Bundesregierung in diesem Jahr mit einem kräftigen Aufschwung.

Wiesbaden (dpa) - Deutschland stürzt im Corona-Jahr 2020 in eine der schwersten Konjunkturkrisen der Nachkriegszeit, im Staatshaushalt klaffen erstmals seit 2011 wieder tiefe Löcher. Doch gemessen an den Befürchtungen ist Europas größte Volkswirtschaft noch vergleichsweise glimpflich davongekommen.

In diesem Jahr trauen die Bundesregierung und Volkswirte der deutschen Wirtschaft ein kräftiges Comeback zu. Er sei insgesamt überzeugt, dass das «Wachstum deutlich und spürbar sein wird», sagte Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier am Donnerstag. Es werde wegen der zweiten Coronawelle aber vielleicht nicht ganz so stark ausfallen wie ursprünglich erhofft. Eine genaue Prognose gab der CDU-Politiker nicht ab. Im Herbst hatte Altmaier für 2021 mit einem Anstieg des deutschen Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 4,4 Prozent gerechnet.

Im vergangenen Jahr brach die Wirtschaftsleistung Deutschlands nach einer ersten Schätzung des Statistischen Bundesamtes um 5,0 Prozent im Vergleich zum Vorjahr ein. Tiefer war die Rezession nur während der globalen Finanzkrise 2009, als die Wirtschaft um 5,7 Prozent schrumpfte. Für Hoffnung sorgt der Jahresausklang 2020: Nach ersten Schätzungen der Wiesbadener Behörde ist das BIP im vierten Quartal zum Vorquartal trotz des zweiten Lockdowns nicht geschrumpft.

«Eigentlich ein Katastrophenjahr, aber gemessen an den zwischenzeitlichen Befürchtungen könnte man sagen, dass wir noch glimpflich davon gekommen sind», analysierte LBBW-Chefvolkswirt Uwe Burkert. Ähnlich argumentierte ZEW-Ökonom Friedrich Heinemann: «Die gute finanzielle Situation des Staates, aber vor allem auch die Widerstandskraft der Unternehmen und deren umsichtiges Pandemie-Management haben das Land vor Schlimmerem bewahrt.»

Erstmals seit 2011 verzeichnete Deutschland im Gesamtjahr wieder ein Haushaltsdefizit. Bund, Länder, Gemeinden und Sozialversicherungen gaben nach vorläufigen Angaben des Wiesbadener Bundesamtes im vergangenen Jahr 158,2 Milliarden Euro mehr aus als sie einnahmen. Bezogen auf die gesamte Wirtschaftsleistung lag das Defizit bei 4,8 Prozent. Das war das zweithöchste Minus seit der deutschen Wiedervereinigung, nur übertroffen vom Rekorddefizit des Jahres 1995, in dem die Schulden der Treuhand in den Staatshaushalt übernommen wurden.

Die Einnahmen des Staates sanken in der Corona-Krise. Das Steueraufkommen verringerte sich deutlich um 8,0 Prozent, auch weil die Mehrwertsteuer vom 1. Juli an für ein halbes Jahr gesenkt wurde, um den privaten Konsum anzukurbeln. Zugleich stiegen die staatlichen Ausgaben unter anderem infolge milliardenschwerer Hilfspakete.

Die wichtigsten Konjunkturstützen brachen im vergangenen Jahr ein. Die privaten Konsumausgaben schrumpften um 6,0 Prozent und damit so stark wie noch nie. Exporte und Importe sanken deutlich, Investitionen der Unternehmen in Ausrüstungen wie Maschinen waren rückläufig. Lediglich die staatlichen Konsumausgaben und der Bau legte zu und verhinderten einen noch stärkeren Konjunkturabsturz.

Der mehr als 14 Jahre anhaltende Anstieg der Erwerbstätigkeit in Deutschland endete in der Krise. Die Zahl der Erwerbstätigen sank im Vergleich zu 2019 um 1,1 Prozent auf durchschnittlich 44,8 Millionen.

Etliche Ökonomen sagen Europas größter Volkswirtschaft in diesem Jahr ein starkes Comeback voraus - trotz des zunächst bis Ende Januar verlängerten Lockdowns. «Deutschland darf dankbar sein, dass es eine exportstarke Industrie hat, die vom China-Boom profitiert. Die wieder besser gefüllten Auftragsbücher werden die Industrieproduktion in den kommenden Monaten anschieben», sagte Thomas Gitzel, Chefökonom der VP Bank Gruppe.

Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer rechnet zwar mit einem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts im ersten Quartal 2021, weil die Einschränkungen für die Wirtschaft wohl bis Ende März anhalten werden: «Aber ab dem Frühjahr erwarten wir wegen der höheren Temperaturen einen Rückzug der Pandemie und eine kräftige wirtschaftliche Erholung». Für das Gesamtjahr 2021 geht Krämer von 4,5 Prozent Wirtschaftswachstum aus. DZ Bank-Ökonom Michael Stappel rechnet mit einem «Post-Corona-Boom in der zweiten Jahreshälfte».

Auch die Wiesbadener Statistiker sehen gute Chancen für eine starke Erholung der deutschen Wirtschaft nach Ende des aktuellen Lockdowns. «Ich würde hoffen, dass es einen ähnlichen Aufschwung geben könnte wie im vergangenen Jahr», sagte Albert Braakmann, Leiter der Abteilung «Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen, Preise» bei der Behörde. Vor allem der private Konsum dürfte kräftig anziehen, denn in der Pandemie hielten viele Menschen ihr Geld zusammen. Die Sparquote kletterte von 10,9 Prozent im Jahr 2019 auf das Rekordhoch von 16,3 Prozent. Von 100 Euro verfügbarem Einkommen legten die Haushalte somit im Schnitt gut 16 Euro auf die hohe Kante.

Mit einer Rückkehr der deutschen Wirtschaft zum Niveau von vor der Corona-Krise rechnen die meisten Volkswirte derzeit aber frühestens um die Jahreswende 2021/2022 - vorausgesetzt, dass bis dahin so viele Menschen gegen das Coronavirus geimpft sind, dass sich das Wirtschaftsleben wieder normalisiert.

Probleme mit Brüssel wegen des Defizits drohen Deutschland nicht. Die Staaten der Europäischen Union hatten wegen der Corona-Krise erstmals die Regeln des Stabilitäts- und Wachstumspakts ausgesetzt, wonach das Haushaltsdefizit nicht über drei Prozent und die Gesamtverschuldung nicht über 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts steigen darf.

© dpa-infocom, dpa:210114-99-21320/8

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